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Heinz Reinefarth und andere : Neue Forschung: Schleswig-Holstein und die Nazis nach 1945

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Vom Nazi zum demokratischen Nachkriegspolitiker: In SH werden Biografien 400 frühere Minister, Staatssekretäre und Abgeordneter unter die Lupe genommen.

Kiel | Während der Weimarer Republik und in der Nazizeit war Ernst Kracht Landrat in Dithmarschen, in den 1950er Jahren leitete das frühere NSDAP- und SS-Mitglied die Staatskanzlei in Kiel. Mit NSDAP-Parteibuch agierte Helmut Lemke in Eckernförde und Schleswig als Bürgermeister, von 1963 bis 1971 war er als CDU-Politiker Regierungschef in Kiel und danach bis 1983 Landtagspräsident. Die Rolle ehemaliger Nationalsozialisten in der Landespolitik und in der Verwaltung erforschen Wissenschaftler in einem Projekt, das sie im Frühjahr nächsten Jahres abschließen wollen. Dies sei ein Kernthema der Parlamentsgeschichte, sagte Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) am Donnerstag in Kiel.

Die Forscher untersuchen die Biografien von 400 früheren Ministern, Staatssekretären und Landtagsabgeordneten, wie Projektleiter Uwe Danker vom Institut für Zeit- und Regionalgeschichte der Universität Flensburg sagte. Kriterium: Sie müssen vor dem 1. Januar 1928 geboren worden sein. Ihr Wirken reicht bis 1992. Bei vielen sei die Angelegenheit komplexer als oft erwartet, sagte Danker. Die Bandbreite sei so groß, dass statt Schwarz-Weiß-Rastern im Ergebnis Grautöne überwiegen werden. Lemke und Kracht sind aus Sicht Dankers Beispiele für „gebrochene Biografien“.

Das Spektrum ist sehr breit: Es gab ehemalige Nationalsozialisten, die nach dem Krieg laut Danker „in Netzwerken aktive apologetische Vergangenheitspolitik“ betrieben. Andere nutzten ihre zweite, demokratische Chance. Wiederum andere, einst Verfolgte, gingen sehr tolerant mit Tätern um. Ganz eindeutig schlimme Fälle gab es auch - Heinz Reinefarth etwa. Bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 wurde der SS-Mann zum „Henker von Warschau“, wie er in Polen genannt wird. Nach dem Krieg war er Bürgermeister von Westerland auf Sylt und zog 1958 in den Landtag ein. 2014 bedauerte es der Landtag, „dass es nach 1945 in Schleswig-Holstein möglich werden konnte, dass ein Kriegsverbrecher Landtagsabgeordneter wird“.

 

Die Wissenschaftler gehen auch der Frage nach, ob Schleswig-Holstein ein besonderer Rückzugsort für ehemalige Nationalsozialisten und NS-Gewalttäter war. Einiges spreche für diese These, sagte Danker. Eindeutig belegt sei das bisher aber nicht. Die Forscher wollen ebenfalls klären, ob und in welcher Form sich ehemalige Täter zu Mitwirkenden im parlamentarisch-demokratischen System wandelten. Auch der Umgang des Parlaments mit der NS-Vergangenheit gehört zu den Themen. Für das Forschungsprojekt wurden 100.000 Euro veranschlagt.

Landtagspräsident Schlie wertete es als gutes Zeichen, dass der Landtag 2013 einstimmig beschlossen hatte, „die Frage der personellen und strukturellen Kontinuität nach 1945“ in Legislative und Exekutive geschichtswissenschaftlich fundiert und parteipolitisch neutral aufarbeiten zu lassen. Hier solle auch ein Vergleich zu anderen Bundesländern gezogen werden.

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erstellt am 26.Feb.2015 | 16:15 Uhr

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