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Totes Holz voller Leben : Naturwälder in SH: Robert Habeck hofft auf mehr Artenvielfalt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zehn Prozent der öffentlichen Waldfläche bleiben sich selbst überlassen – so soll die Artenvielfalt verbreitert werden.

Grevenkrug | Der Blick geht nach oben. Umweltminister Robert Habeck (Grüne) steht in einem Waldstück in Grevenkrug zwischen Neumünster und Kiel und schaut zur abgebrochenen Spitze einer stattlichen Eiche hinauf. Und er sieht was passiert wenn nichts passiert. Oder besser: Was passiert, wenn der Mensch sich aus dem Wald zurückzieht. Ein Specht hat den absterbenden Baum als Brutstätte entdeckt, der auch Heimat für Fledermäuse, Käfer oder Pilze sein kann. „Wir schaffen Räume, die wir gar nicht mehr kennen“, sagt Habeck.

Es ist ein angenehmer Termin für einen grünen Minister, der sich sonst über die Entsorgung von Atommüll Sorgen machen oder um die Spitzenkandidatur für seine Partei zur Bundestagswahl kämpfen muss. „Von der Urwahl in den Urwald“, sei er gekommen, frotzelt Habeck. Er kann an diesem Tag verkünden, dass es den Schleswig-Holsteinischen Landesforsten und den Kommunen in den vergangenen drei Jahren gelungen ist, die Fläche des Naturwaldes auf zehn Prozent der Gesamtfläche zu verdoppeln.

Naturwald – das bedeutet, dass der Mensch sich von der Bewirtschaftung verabschiedet und die Natur sich selbst überlässt. Das Gros der neuen Urwälder liegt in der Mitte des Landes, aber in allen Teilen Schleswig-Holsteins wird es künftig Naturwälder geben, sagt Tim Scherer, Leiter der Landesforsten.

Das lässt sich das Land einiges kosten, denn aus den knapp 4900 Hektar Wald, die die Landesforsten beigetragen haben, wird jetzt kein Gewinn mehr durch Abholzung gewonnen. 650.000 Euro pro Jahr koste das Projekt die Landesforsten, sagt Tim Scherer: „19 Millionen Euro ist der Gesamtverlust. Dennoch steht die schwarze Null in unserer Bilanz.“

Das Projekt Naturwald ist eine politische Entscheidung, Schleswig-Holstein setzt damit laut Habeck als eines der ersten Länder die Nationale Biodiversitätsstrategie um, die vorsieht, fünf Prozent der Gesamtwaldfläche ihrer natürlichen Entwicklung zu überlassen.

Für die Privatwaldbesitzer ist das Projekt laut Geschäftsführer Jens Fickendey-Engels „nicht uninteressant“. Allerdings dürfe die Aufgabe der Nutzung nicht auf Kosten von Arbeitsplätzen gehen. „Und für Privatwaldbesitzer lohnt es sich nicht, über eine Beteiligung zu sprechen, wenn die Stilllegung nicht ausreichend honoriert wird.“ Auch deswegen gibt es das Projekt bislang nur in öffentlichen Wäldern.

Habeck lobt dort den Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie. In Gummistiefeln stapft er mit Thomas Wälter, der das Projekt für das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume koordiniert, durch den Naturwald bei Grevenkrug – über abgebrochene Äste und tiefes Laub. Teile der Flächen sind schon seit Jahrzehnten unbewirtschaftet, jetzt sind sie noch einmal erweitert worden. „Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet“, sagt Wälter.

Er geht davon aus, dass die Buchen sich wieder durchsetzen und den Wald in einigen Hundert Jahren wieder in das verwandeln, was er vor der Nutzung durch den Menschen war. „Wir erhoffen uns daraus Erkenntnisse auch für die Nutzwälder“, sagt Tim Scherer. „Denn je weniger wir in die Natur eingreifen müssen, desto besser für uns.“

Thomas Wälter sieht aber vor allem die Vielfalt der Natur als Gewinn. „Das ist eine Keimzelle für Dynamik hier“, schwärmt er und zeigt auf den absterbenden Baum. „Das tote Holz steckt voller Leben.“

Damit auch Besucher die Naturwälder leicht finden können, soll bis zum Frühjahr umfangreiches Informationsmaterial im Internet bereitgestellt werden. Und Habeck rät jetzt schon mal: „Unbedingt ansehen.“

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erstellt am 13.Dez.2016 | 16:37 Uhr

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