Erneute Prüfung des Landesjugendamtes : Nach Vorwürfen: Dithmarscher Jugendheimen droht die Schließung

Schwere Vorwürfe erheben Mädchen und ehemalige Mitarbeiter gegen die „Friesenhof“-Jugendheime. Ein weiterer Verstoß könnte fatal sein.

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01. Juni 2015, 14:01 Uhr

Kiel | Nach Berichten über Missstände in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Friesenhof hat das Landesjugendamt Schleswig-Holstein eine erneute Prüfung der Heime im Kreis Dithmarschen veranlasst. Am Montag besuchten Mitarbeiter des Amtes zwei Einrichtungen des Friesenhofes mit etwa 20 Mädchen im Alter von 15 bis 18 Jahren, wie Sozialstaatssekretärin Anette Langner in Kiel mitteilte. Sollte auch nur gegen eine der nach mehreren Beschwerden vereinbarten Auflagen verstoßen worden sein, werde die Betriebserlaubnis entzogen, sagte Langner.

In den drei Häusern der Einrichtung leben Mädchen und junge Frauen - auch aus Hamburg - mit schweren psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder kriminellem Hintergrund. Im zweiten Halbjahr 2014 hatten Mädchen, aber auch zwei ehemalige pädagogische Mitarbeiter massive Vorwürfe über inakzeptable Praktiken erhoben - etwa, dass sich die Mädchen nach ihrer Ankunft nackt vor männlichem Personal ausziehen müssten.

Zu den Vorwürfen sagte Sabine Toffolo vom Landesjugendamt Schleswig-Holstein, es gebe keine Beschwerde, dass sich ein Mädchen vor männlichem Personal habe ausziehen müssen. Komme ein Mädchen in die Jugendhilfeinrichtung, müsse sie sich aus Sicherheitsgründen nackt vor weiblichem Personal ausziehen. Es gehe darum auszuschließen, dass Drogen oder Waffen in die Einrichtung gelangen. Einmal sei ein Messer in einem BH entdeckt worden.

Bei einer Überprüfung Ende Januar stellten Behördenmitarbeiter Verstöße fest. So waren Fenstergriffe innen abmontiert und ein Fluchtweg war mit Möbeln versperrt. Die Vorwürfe, dass als Erziehungsmethode Mädchen angeschrien oder Sitzungen bewusst stundenlang in die Länge gezogen worden sein sollen, um Mädchen zum Mitmachen zu zwingen, habe nicht nachgewiesen werden können. Dies bedeute aber nicht, dass es nicht doch möglicherweise erfolgt sei, sagte Langner.

Ein kommerzieller Träger betreibt nach Angaben des Sozialministeriums den Friesenhof mit mehreren Einrichtungen. Die Einrichtung Campana sei inzwischen geschlossen worden, weil Jugendämtern keine Jugendlichen mehr geschickt hätten, sagte Toffolo.

Die Linke in der Hamburger Bürgerschaft kritisierte die Arbeit der Einrichtung scharf. Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus wiederholte am Montag unter Berufung auf ein internes Schreiben des Landesjugendamtes Schleswig-Holstein vom 18. Februar 2015 den Vorwurf von unzulässigen Zwangsmaßnahmen wie etwa einer Kontaktsperre oder Kollektivstrafen. „Das erinnert an ein Straflager“, erklärte Boeddinghaus in einer Pressemitteilung. Der Abgeordnete Mehmet Yildiz sagte: „Hier werden die Kinderrechte mit Füßen getreten.“ Kontaktverbote führten zur Isolierung.

Die Linke will in der Bürgerschaft ein Aktenvorlageersuchen beantragen. Dafür braucht sie die Stimmen von einem Fünftel der Abgeordneten. Die Sozialbehörde habe die Verantwortung für die Hamburger Jugendlichen im Friesenhof.

Die Leiterin des Friesenhofes, Barbara Janssen, wies die Vorwürfe am Montag erneut zurück. „Das, was da so steht, hat nie so stattgefunden“, sagte sie mit Blick auf die Berichte über Missstände.

Der Hamburger Senat erklärte auf eine Kleine Anfrage der Linken, die Auflagen des Landesjugendamtes Schleswig-Holstein beruhten ausschließlich auf den Aussagen der Mädchen bei der unangemeldeten Prüfung im Januar. Weitere Anhaltspunkte, ob sich die Dinge tatsächlich so zugetragen haben, gebe es nicht. Die beklagten Missstände lägen zum Teil mehrere Jahre zurück. Bei Gesprächen von Mitarbeitern der Hamburger Jugendämter vor Ort hätten sich keine Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung ergeben.

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