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„Friesenhof“ in Dithmarschen : Nach Heim-Schließung: Mädchen wollten fliehen und verletzten sich selbst

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Zwei Mädchen der Einrichtung in Dithmarschen fügten sich mit Scherben Verletzungen zu. Andere mussten aufgehalten werden.

shz.de von
erstellt am 04.Jun.2015 | 14:35 Uhr

Kiel | Nach der Schließung der umstrittenen Jugendhilfeeinrichtung Friesenhof in Dithmarschen ist es zu dramatischen Situationen gekommen. Mehrere Mädchen hätten am Mittwochabend versucht, wegzulaufen und zwei hätten sich selbst verletzt, so dass der Notarzt kommen musste, teilte Sozialstaatssekretärin Anette Langner am Donnerstag mit. Lebensgefahr habe aber nicht bestanden.

Das Sozialministerium hatte am Mittwoch die Heime wegen unzureichendem pädagogischen Personals und inakzeptabler pädagogischer Methoden geschlossen, die Mädchen sollten in andere Einrichtungen gebracht werden. In den drei Häusern der Einrichtung leben Mädchen und junge Frauen - auch aus Hamburg - mit schweren psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder kriminellem Hintergrund. Im zweiten Halbjahr 2014 hatten Mädchen, aber auch zwei ehemalige pädagogische Mitarbeiter massive Vorwürfe erhoben - etwa, dass sich die Mädchen nach ihrer Ankunft nackt vor männlichem Personal ausziehen müssten.

Die Gründe für das Verhalten der Mädchen am Mittwoch seien bisher nicht eindeutig geklärt, möglicherweise habe eine psychologische Belastungssituation bestanden, sagte ein Sprecher des Sozialministeriums. Langner kritisierte, die Mitarbeiter des Friesenhofes hätten die Mädchen offensichtlich über die bevorstehende Inobhutnahme pädagogisch nicht hinreichend vorbereitet. Renate Agnes Dümchen, Bereichsleiterin Soziales beim Kreis Dithmarschen, betonte, alle Mädchen, die in solchen Heimen untergebracht seien, hätten bereits traumatische Erlebnisse durchlitten. Insofern sei von Re-Traumatisierungen auszugehen.

Unterdessen hält die politische Debatte darüber, ob das Sozialministerium schnell und angemessen auf die Situation im Friesenhof reagiert habe, an. Langner wies Kritik der CDU am Mittwoch erneut zurück. Auf Antrag der CDU wird der Sozialausschuss des Landtags an diesem Dienstag (9.30 Uhr) zu einer Sondersitzung zusammenkommen. Dabei geht es unter anderem um die Frage, seit wann das Sozialministerium von den Zuständen im Friesenhof wusste.

Der Kreis Dithmarschen hat nach Darstellung von Dümchen seit etwa 2013 Jugendliche wegen der inakzeptablen Zustände nicht mehr zum Friesenhof geschickt. Bis auf eine Ausnahme habe auch seit 2014 kein anderes Jugendamt im Norden den Friesenhof belegt. Die Mädchen kamen überwiegend aus Hamburg sowie anderen Bundesländern. Dem Landesjugendamt sei bekanntgewesen, dass Jugendämter im Norden den Friesenhof wegen untragbarer Zustände nicht mehr nutzten, sagte Dümchen. Denn wenn ein Jugendamt einen Jugendlichen aus einer Einrichtung zurückhole und woanders hinschicke, werde in jedem Einzelfall das Landesjugendamt unterrichtet - einschließlich der Begründung.

Dem widersprach ein Sprecher des Sozialministeriums: „Die Verantwortung für die Jugendlichen trägt das entsendende Jugendamt.“ Langner betonte, das Landesjugendamt handle konsequent im Sinne des Wohls der Jugendlichen. Trotz diverser Auflagen und Beratungsgespräche habe die Behörde beim Friesenhof im Ergebnis den Widerruf veranlasst: „Wir werden prüfen, welche Schlüsse sich aus dem Verlauf des Verfahrens ziehen lassen.“

Im Internet berichten derweil immer mehr der ehemaligen Bewohnerinnen über ihre Erlebnisse. So schreibt Laura: „Ich war selbst vor einiger Zeit in dieser Einrichtung und kann bestätigen, dass wir uns bei der Ankunft im sogenannten Mädchencamp Nanna komplett ausziehen mussten, damit unsere Sachen und wir durchsucht werden konnten. Außerdem mussten wir ... unsere Klamotten abgeben und bekamen Einheitskleidung mit der Aufschrift Kinder- und Jugendhilfe Barbara Janssen. So mussten wir sogar in das öffentliche Fitnesscenter. Unter anderem auf Grund solcher Handlungen  haben viele Betreuer diese Einrichtung verlassen.“

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