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Hund greift Frau an : Nach Beißattacke: Ist die Abschaffung der Rasseliste ein Fehler?

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Lebensgefahr: Ein Polizist tötet nach einer Attacke einen Staffordshire-Terrier mit zehn Schüssen. Die Küstenkoalition verteidigt ihr Hundegesetz ohne Rasseliste. Ist dies vertretbar? Zwei Redakteure mit Pro und Kontra.

shz.de von
erstellt am 12.Aug.2015 | 14:48 Uhr

Plötzlich rastete der Staffordshire-Terrier aus. Ein Mieter in Boksee alarmierte die Rettungsleitstelle in Kiel: Im Obergeschoss hatte er Schreie einer Frau gehört. Als zwei Polizisten in der Wohnung eintrafen, hatte die verletzte Frau den Hund in der Küche eingesperrt. Lediglich ein Kindersicherungsgitter habe den Staffordshire-Terrier von der 34-Jährigen und den Beamten getrennt, so die Polizei. Auf Bitte der Frau gab ein Polizist demnach einen Schuss auf den Hund ab – „er hätte das Gitter überwinden können, hatte aggressives Potenzial, war unberechenbar. Die Beamten mussten Lebensgefahr abwenden“, erläuterte Silke Manthey von der Polizeidirektion Kiel.

Nach dem ersten Schuss zog sich der Staffordshire-Terrier ihr zufolge in eine Abstellkammer zurück, die nicht einsehbar war. Nach etwa fünfzehn Minuten, so Manthey, wagte einer der Polizisten einen Blick hinein – „und wurde sofort angegriffen“. Daraufhin folgten weitere neun Schüsse, bis der Hund tot war. Die beiden Beamten wurden bei dem Einsatz nicht verletzt. Die verletzte 34-Jährige kam zur ärztlichen Behandlung in die Kieler Uniklinik. 

Um den Beißreflex des Tieres zu lösen, soll die junge Frau den Hund zurückgebissen haben. Vermutlich habe der Überraschungseffekt dazu geführt, dass der Hund seinen Biss kurz lockerte. Zur Nachahmung sei dieses Verhalten allerdings nicht empfohlen.

Der Fall sorgt nun auch für Gesprächsstoff im Kieler Landeshaus. Erst im Juni hat die Küstenkoalition gemeinsam mit der FDP ein neues Hundegesetz beschlossen. Die Rasseliste, die Hunde wie Staffordshire-Terrier von vornherein als gefährlich einstuft, wird mit Inkrafttreten zum Jahreswechsel abgeschafft. Der Vorfall in Boksee, sollte jetzt Anlass sein, über Nachbesserungen im Gesetz nachzudenken, fordert der umwelt- und agrarpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Heiner Rickers.

Die noch gültige Rasseliste habe den Angriff allerdings nicht verhindert. Darauf verweist der FDP-Abgeordnete Oliver Kumbartzky: „Die sehr umfangreiche Anhörung zu unserem neuen Gesetz hat gezeigt, dass Hundebisse vollkommen rasseunabhängig vorkommen.“ Eine Einschätzung, die die FDP mit der Küstenkoalition teilt. „Das neue Gesetz leugnet nicht, dass es gefährliche Hunde gibt“, sagt Sandra Redmann (SPD). Vielmehr gehe es intensiv darauf ein, wie mit ihnen umgegangen werden soll. Das Land habe sich mit der neuen Regelung für eine anlassbezogene Gefahreneinschätzung entschieden, so Detlef Matthiesen von den Grünen: „Die Schwelle dafür ist präzisiert worden und niedrig. Im Zweifel gilt Sicherheit vor vermeintlicher Tierliebe.“

Unabhängig von der Rasse werden alle Hunde in Zukunft als gefährlich eingestuft, wenn sie einen Menschen oder ein anderes Tier bedrohen oder angreifen. Hundehalter müssen dann eine theoretische und praktische Sachkundeprüfung ablegen – den sogenannten Hundeführerschein. Gefährliche Hunde müssen nach der neuen Regelung an der kurzen Leine geführt werden und einen Maulkorb tragen. Auch höhere Steuern müssen die Halter dann zahlen. Wer die Hundeführerschein-Prüfung nicht besteht, muss sein Tier abgeben.

„Fälle wie in Boksee kommen im wieder mal vor, sind aber kein Massenphänomen“, sagt Manfred Börner, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Kiel. Er verteidigte den Schusswaffengebrauch in diesen Fällen als verhältnismäßig, da Beamten vor Ort Lebensgefahr droht. „Nach meiner dienstlichen Erfahrung hilft eine Rasseliste dabei nicht. Wichtiger sind Ordnungsverfügungen wie eine Beißkorbpflicht“, so Börner. Im Zweifel sollten die Tiere ungeeigneten Haltern entzogen werden.

Nach einer aktuellen Statistik des Innenministeriums beißen Schäferhunde in Schleswig-Holstein am häufigsten zu. Von insgesamt 140 Beißangriffen auf Menschen entfielen 20 Fälle auf Schäferhunde und deren Mischlinge. Nur ein Angriff entfiel auf ein Tier von der Liste der sogenannten Gefahrhunde – einem American Staffordshire-Mischling. Von diesen Hunden gibt es in Schleswig-Holstein allerdings auch deutlich weniger Tiere. Nur 52 Hunde wurden 2014 aufgrund ihrer Rasse als gefährlich eingestuft. Insgesamt hat sich die Zahl registrierter Hundebisse an Menschen in den vergangenen Jahren demnach nur geringfügig verändert. 2013 zum Beispiel wurden 167 Fälle gezählt, nach 149 im Jahr zuvor.

Pro von Till H. Lorenz

Natürlich mag es ungerecht sein, alle Hunde über einen Kamm zu scheren. Natürlich ließe sich auch lange darüber streiten, welche Züchtungen konkret auf die Rasseliste gehören. Und natürlich hängt das Problem in der Regel am anderen Ende der Leine. Doch nichts davon spricht gegen eine Rasseliste. Denn ein ziemlich simpler Sachverhalt ändert sich damit nicht: Bestimmte Hunde haben das Zeug, Menschen schwer zu verletzen oder gar zu töten. Da können die Besitzer tausend Mal den Kampfruf der Ignoranz anstimmen und es laut durch den Wald schallen lassen: „Keine Angst, der will nur spielen.“ Es  ist eben  im Zweifelsfall nicht der kleine Schoßhund, der auch in jede Handtasche passen würde, dessen Herrchen und Frauchen hier ruft.

Der für den Menschen tödliche Biss eines Dackels oder vergleichbaren Tieres ist  eher unwahrscheinlich. Ebenso, dass der Besitzer kräftemäßig sein Tier nicht mehr unter Kontrolle bringen kann. Bei  den meisten größeren Hunden – deren reines Körpergewicht schon an der 50 Kilo-Marke schrammt –  sieht das hingegen schnell anders aus. Alle Beteuerungen des Besitzers, dass das Tier doch sonst immer so friedlich sei, werden  da hinfällig – denn er kann es eben nicht garantieren.

US-Forscher haben über einen Untersuchungszeitraum von 20 Jahren hinweg nachgewiesen, dass  zum Beispiel Pit Bull Terrier und Rottweiler für mehr als die Hälfte aller  tödlichen Hundebisse verantwortlich sind. Für Totschlag gibt es in Deutschland eine Gefängnisstrafe von mindestens fünf Jahren.  Für schwere Körperverletzung, bei der  das Opfer vorsätzlich entstellt oder dauerhaft gezeichnet wird,  mindestens drei Jahre. Doch bewegt sich der Täter auf vier Beinen, macht Schleswig-Holsteins Innenministerium ab kommenden Jahr nur  einen Vermerk und  feiert zusammen mit dem Besitzer nach zwei Jahren die „Resozialisierung“ des Tieres.

Kontra von Tobias Fligge

Hunde sind potenziell gefährlich – das sage ich als ausgesprochener Freund der Vierbeiner. Weder Hundefreunde noch Hundehasser sollten sich hier von der Rasse täuschen lassen. Das zeigt die „Statistik der Beißvorfälle“ in Schleswig-Holstein. Hier kommt der Golden Retriever genauso vor wie der American Staffordshire-Mischling. Die Zahlen zeigen: Auch vermeintlich harmlose Hunde beißen.

Aber vor allem verdeutlicht die Statistik, wie groß die Verantwortung der Hundehalter ist. Die meisten der beschriebenen Fälle werden durch Unkenntnis und falsche Behandlung der Hunde verursacht. Ausschlaggebend ist die Erziehung. Kein Hund ist von Natur aus aggressiv gegen Menschen. Deswegen ist eine Rasseliste nicht zielführend. Sie setzt beim Tier statt beim Halter an und greift damit zu kurz. Hunde – egal welcher Rasse – sind anspruchsvoll. Viele Menschen ignorieren diese Tatsache vor der Anschaffung.

Das Land will nun durch steuerliche Vergünstigungen Anreize für den Hundeführerschein schaffen. SPD, Grüne, SSW und FDP haben sich dabei gegen eine generelle Sachkundeprüfung aller Hundebesitzer – wie sie in Niedersachsen Pflicht ist – entschieden. Eine Garantie dafür, dass es gar nicht erst zu  Angriffen kommt, wäre dieser Nachweis ohnehin nicht. Selbst trainierte und gut erzogene Tiere wehren sich, wenn sie sich bedroht fühlen. Nicht jeder Hund, der beißt, ist deshalb generell gefährlich. Die geplanten Möglichkeiten zur „Resozialisierung“ dieser Hunde durch Wesenstests sind deshalb wichtig. Erweist sich der Hund als ungefährlich, werden Tier und Halter von Auflagen befreit.

Auch wenn Hundehasser es nicht wahr haben wollen: Wer sich auf einen Hund einlässt und bereit ist, dafür gewisse Verpflichtungen zu erfüllen, findet in ihm ein bereicherndes Familienmitglied. Viele Menschen im Norden wären zudem ohne ihren Vierbeiner ziemlich einsam. Das Land tut gut daran, die Hürden für die Haltung von Hunden bei aller Vorsicht nicht zu hoch zu schrauben.

 
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