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Abwärtstrend gestoppt : Mitglieder-Boom bei den Parteien in SH

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Viele Neueintritte nach der Bundestagswahl, aber ein Experte bezweifelt, dass die Entwicklung von Dauer ist.

shz.de von
erstellt am 18.Okt.2017 | 20:23 Uhr

Jahrelang ging es für die Parteien bergab. Doch seit Jahresbeginn verzeichnen CDU, SPD und Co. im Bund wie in Schleswig-Holstein viele Neueintritte. „Der Abwärtstrend scheint gestoppt und die Talfahrt der letzten Jahre, in denen es nicht gelang, die Zahl versterbender Mitglieder um neue zu kompensieren, vorerst beendet“, sagt etwa SSW-Sprecher, Per Dittrich. Seit Januar hat die Partei der dänischen Minderheit das erste Mal seit Jahren einen Zuwachs von Mitgliedern – wenn auch nur um ein Prozent gegenüber dem Vorjahr auf aktuell 3430.

Andere Parteien melden da deutlichere Zahlen – so hat die FDP im Norden seit Jahresbeginn einen Mitgliederzuwachs von 18 Prozent zu verzeichnen – auf aktuell 2414. „Wir haben immer viele Neueintritte in Wahljahren, aber seit Januar sind die schon exorbitant“, sagt Landesgeschäftsführer Jan Voigt. „Zwei Drittel der Neumitglieder sind zwischen 20 und 30 Jahren.“ Voigt führt das vor allem auf den jungen Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl, Christian Lindner, zurück. „Insgesamt scheint offenbar die Zeit der Politikverdrossenheit, die wir eine Zeit lang erleben mussten, beendet. Die Bürger sind eher wieder bereit, sich politisch zu engagieren und sich klar zu einer Partei zu bekennen.“

Das sieht auch Steffen Regis so. Der frisch gewählte neue Landesvorsitzende der Grünen sagt: „In einer gesellschaftlich turbulenten Zeit ziehen immer mehr Menschen den Schluss, politisch aktiv zu werden und auch wieder in Parteien einzutreten. Wir Grüne freuen uns über die vielen neuen Mitglieder nach der Landtags- und Bundestagswahl.“ Seit August 2016 haben die Grünen ihre Mitgliederzahl von 2213 auf 2532 steigern können.

Die SPD hatte in diesem Jahr gleich mehrere Eintrittswellen – nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, nach der Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten und auch nach der verlorenen Bundestagswahl. „Seit dem 24. September sind mehr als 150 Menschen in die SPD Schleswig-Holstein eingetreten. Das ist eine Zahl, die zeigt, dass wir als Partei durchaus attraktiv sind und gebraucht werden“, sagt Landesgeschäftsführer Götz Borchert. Seit der Nominierung von Schulz Ende Januar verzeichnet die SPD kontinuierlich höhere Eintrittszahlen – insgesamt seit Januar 1134 neue Mitglieder, so Borchert. Genau 17387 Genossen gibt es im Moment im Norden.

Die meisten Mitglieder in Schleswig-Holstein hat die CDU: 19582. „Insgesamt sind im laufenden Jahr 679 Mitglieder neu eingetreten“, sagt CDU-Sprecher Max Schmachtenberg. „Erstmals seit vielen Jahren können wir einen positiven Mitgliedersaldo verzeichnen. Aufgrund der anstehenden Kommunalwahl 2018 gehen wir von einer weiter guten Mitgliederentwicklung aus.“ Viele Neumitglieder hätten im Gespräch gesagt, dass sie vor allem wegen der AfD eingetreten seien und den Kurs der Bundeskanzlerin unterstützen wollten.

Allerdings verzeichnet auch die AfD einen Mitgliederzuwachs. Aktuell hat die Partei im Norden 960 Mitglieder – 60 mehr als noch zu Jahresbeginn.

Interview

„Vor ein paar Jahren galt die FDP schon einmal als sexy“

Der Kieler Politikwissenschaftler Wilhelm Knelangen zweifelt, dass der Mitgliederboom bei den Parteien von Dauer ist.

Wilhelm Knelangen.

Wilhelm Knelangen.

 

Herr Knelangen – die Parteien freuen sich nach langer Zeit wieder über steigende Mitgliederzahlen. Warum treten die Menschen gerade jetzt in die Parteien ein?

Wir leben in einer stark politisierten Zeit. Früher hatten die Menschen oft den Eindruck, dass es keinen Unterschied macht, ob man sich engagiert oder nicht. Das hat sich geändert: Die Menschen erkennen wieder, dass sie Einfluss haben, wenn sie sich organisieren und zusammenschließen. Das zeigen Beispiele wie die Debatten über den Brexit oder um die mögliche Abspaltung Kataloniens von Spanien. Und natürlich haben Personen wie US-Präsident Donald Trump dafür gesorgt, dass sich die Menschen auch in Deutschland politisch positionieren wollen – und es auch tun.

Auch Gewerkschaften freuen sich über neue Mitglieder – ist der Trend zur Politisierung überall zu bemerken?

Die Gesellschaft ist zumindest in Bewegung. Das scheint dazu zu führen, dass mancher einer Organisation oder einer Partei beitritt, um seiner Meinung Ausdruck zu verleihen wie er auch den „Gefällt mir Button“ klickt. Und offenbar sind die Menschen auch bereit, dafür ein paar Euro in die Hand zu nehmen. Das muss aber natürlich nicht heißen, dass das Engagement von Dauer ist.

Aber es ist doch eine Chance für die Parteien?

Auf jeden Fall. Ich bin ein Fan der Mitgliederpartei und der Parteiendemokratie. Sie stärkt die Repräsentanz und den Zusammenhalt der Gesellschaft. Und wir erleben gerade, dass sich größer werdende Teile davon für Politik interessieren. Und wenn es Parteien gelingt, diese Menschen zu binden, vergrößern sie ihre politische Basis – und ihre positive Verankerung in der Gesellschaft.

Die SPD hat nach der verlorenen Bundestagswahl viele Neueintritte verzeichnet – ist das ein Anfang für den Trend, den sie beschreiben?

Das sind erst einmal Solidaritäts- und Bekenntnisbeitritte – das gibt es häufiger in Wahljahren. Die Menschen wollen „jetzt erst recht“ eine Partei unterstützen – das gilt bestimmt auch für die Union. Die SPD hatte ja bereits Erfahrungen mit Beitritten, die es nach der Nominierung von Martin Schulz gab. Schwierig ist aber, diese Menschen auf Dauer zu halten. Das wird im Fall der SPD nur gelingen, wenn sie sich von einer künftigen Regierung klar abgrenzt, ohne durch ständige Übertreibungen unglaubwürdig zu sein. Die Menschen haben ein waches Gespür dafür, wenn sich hinter dem „Dagegen“ keine wirkliche Alternative verbirgt.

Es treten vor allem jüngere Leute ein – gerade in die FDP.

Das kennen die Liberalen schon. Vor ein paar Jahren galt die FDP schon einmal als sexy. Das war aber schnell vorbei als sie 2013 aus dem Bundestag flog. Jetzt hat die Partei mit Herrn Lindner einen neuen, jungen Spitzenkandidaten, dem es genutzt hat, dass er forsch auftreten konnte, weil er in den letzten Jahren nicht dem Bundestag angehörte. Dazu wird er wie ein Schauspieler inszeniert, als ein junger, attraktiver und moderner Politiker. Das gefällt vielen. Allerdings bin ich skeptisch, ob das ein dauerhafter Effekt ist.

Warum?

Nach dem Beitritt sind viele Parteimitglieder vom grauen Alltag in einer Partei enttäuscht. Da geht es dann auf lokaler Ebene darum, wo eine Ampel gebaut oder wie die marode Schule saniert werden kann. Das sind wichtige Themen, aber in der Regel war das nicht der Grund, weswegen die Neumitglieder in die Partei eingetreten sind.

Sie glauben also nicht, dass der Niedergang der Mitgliederparteien dauerhaft gestoppt ist?

Ich würde es mir wünschen, aber ob es klappt, entscheidet sich im Alltag der Parteien, der weiterhin von vielen als unattraktiv wahrgenommen wird. Warten wir mal ab, wie viele der Neu-Mitglieder in einem Jahr noch dabei sind.

Interview: Kay Müller

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