Wolfgang Kubicki : Mitgefühl mit Dr. Stegner

Manchmal sind durchaus interessante Botschaften in den Essays des Dr. Stegner zu entdecken, schreibt Wolfgang Kubicki. Zum Beispiel, wenn es um Lehrerstellen geht.

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13. Juli 2013, 05:19 Uhr

Auch wenn es selten vorkommt: Manchmal sind durchaus interessante Botschaften in den Essays des Dr. Stegner zu entdecken - wenngleich nicht solche, die jener eigentlich zu überliefern suchte. So konnte der geneigte Leser aus dem Stegnerschen Aufsatz der vergangenen Woche zweierlei Erkenntnisgewinn ziehen. Zum einen, dass der SPD-Landesvorsitzende ganz offensichtlich die Antwort darauf vermeidet, ob das gerade scheiternde "Modell Frankreich" als Blaupause für künftiges sozialdemokratisches Regierungshandeln in Deutschland herhalten könne. Zum anderen, dass Herr Dr. Stegner noch immer wider besseres Wissen behauptet, die von ihm geführte Dänenkoalition würde in Schleswig-Holstein die Hälfte derjenigen Lehrerstellen im System belassen, die die schwarz-gelben Vorgänger wegen des dramatischen Schülerrückgangs streichen wollte.
Richtig ist vielmehr Folgendes: Die aktuellen Zahlen des Landesrechnungshofes belegen, dass es in dieser Wahlperiode bis 2017 ein demographisch bedingtes Einsparpotenzial von 1762 Lehrerstellen gäbe. Nach den neuesten Planungen der Landesregierung wird im Jahre 2017 aber nicht einmal annähernd die Hälfte dieser Stellen im System belassen. Statt also, wie von Dr. Stegner behauptet, 881 Stellen mehr, werden es genau 190 sein. Der aufmerksame Leser wird es ahnen: Entweder hat sich der ehemalige Finanzminister hier erheblich verrechnet, oder - genauso denkbar - Wahrheit wird in der politischen Kommunikation des Dr. Stegner eher kleingeschrieben.

Empathie-Vermögen

Doch anstatt sich über eine solch windschiefe Darstellung durch den sozialdemokratischen Landesvorsitzenden zu empören, rate ich eher dazu, Mitgefühl mit Herrn Dr. Stegner zu haben - auch wenn es mitunter schwerfällt. Möglicherweise kann er schlicht nicht anders, hat er doch den Zenit seiner Bildungslaufbahn, seine Doktorarbeit, mit dem Thema "Theatralische Politik made in USA" zugebracht.
Dies alles eingedenk, kann man auch den Begriff der "Lobbypolitik" im Stegnerschen Verständnis erklären. Lobbyismus ist demzufolge dann akzeptabel, wenn er für die gute - sprich: sozialdemokratische - Sache arbeitet. Böse ist der Lobbyismus aber, wenn er andere Interessen vertritt. Dann werden die politischen Gegner schnell zu "Helfershelfern der XY-Industrie". Dass Dr. Stegner hiermit bewusst ein hässliches Bild vom politischen Kontrahenten zeichnen will, ist die eine Sache. Die andere, weitaus schwerwiegendere ist, dass er hiermit zugleich den parlamentarischen Betrieb per se - also auch sich selbst - als korruptiv und als grundsätzlich fremdbestimmt darstellt. Bei allem Mitgefühl: Das sollte Herrn Dr. Stegner dann doch nicht egal sein.
Herzlichst
Ihr Wolfgang Kubicki

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