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Erstaufnahme in SH : Mit Minister Studt auf Flüchtlings-Tour

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Der Innenminister, oft für schlechte Kommunikation gescholten, schaut sich um im Land. shz.de ist ihm auf den Fersen.

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erstellt am 22.Dez.2015 | 07:08 Uhr

15 Erstaufnahmen an drei Tagen: Kurz vor Weihnachten besucht Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt (SPD) bis Mittwoch alle Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes. Das hat es vorher noch nicht gegeben. Studt will sich ein Bild von den neuesten Entwicklungen machen und den Helfern seinen persönlichen Dank aussprechen. shz.de hat ihn begleitet. Ein Video von dem Besuch finden Sie hier.

Es ist eine Tour des Vertrauens, die Stefan Studt so kurz vor Weihnachten macht: Seht her, ich kümmere mich! Das ist die Botschaft an Flüchtlinge, Helfer und Öffentlichkeit.

9 Uhr: Erstaufnahme Kiel

In Kiel wohnen Flüchtlinge in Containern. Das grüne Dach bietet auch bei Regen einen trockenen Unterstand.
In Kiel wohnen Flüchtlinge in Containern. Das grüne Dach bietet auch bei Regen einen trockenen Unterstand. Foto: Christina Norden
 

260 Container sind zu einem Dorf zusammengewachsen. Innenminister Stefan Studt fährt mit seinem Dienstwagen vor, er sitzt selbst am Steuer. Nach dem Gang durch die Einlasskontrolle begrüßt er den kommisarischen Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung. Helmut Kohnert ist pensionierter Lehrer. Statt seine Freizeit sich selbst und seiner Familie zu widmen, managt er das Zusammenleben von 450 Flüchtlingen, verschiedenster Nationalitäten.

Im Zentrum des Containerdorfs liegt der Speisesaal. 300 Menschen finden hier Platz, gegessen wird in Schichten. Für die Wartenden wurde kürzlich vor den zusammengebauten Containern ein großer Regenschutz aufgebaut. „Das sind so Dinge, die nach und nach dazukommen, um das Leben hier zu verbessern”, berichtet Kohnert dem Innenminister. Vor Kurzem fand im Speisesaal auch die Weihnachtsfeier statt. „Sogar einen Weihnachtsmann hatten wir hier - von einem muslimischen Kollegen gespielt”, freut sich der Erstaufnahmeleiter. Als die Kinder dann noch einstudierte Weihnachtslieder gesungen hätten, seien ihm die Tränen gekommen.

Die Besucherkarawane zieht weiter. Stefan Studt begrüßt die Mitarbeiter herzlich, nimmt sich Zeit, stellt ihnen Fragen. „Gibt es noch etwas, was ich wissen muss? Liegt Ihnen noch etwas auf dem Herzen?“ Die üblichen kleinen Querelen, erzählt Kohnert. Streiteren, die es eben auch geben würde, wenn fast 500 Deutsche auf so engem Raum zusammenleben würden.

Seit Studts letztem Besuch wurde eine Begegnungsstätte für Mütter eingerichtet. Die will Kohnert unbedingt zeigen. Dazu wurde in einem mehrere Container großen Raum eine Sofaecke eingerichtet, rundherum liegt Spielzeug. „Hier können sich die Frauen zurückziehen und miteinander ins Gespräch kommen”, berichtet Kohnert. Im Container nebenan befindet sich ein Kindergarten. „Die Kommunikation mit den Kindern ist meistens einfacher als mit den Eltern”, erklärt Erzieherin Renate Müller. Meistens reden sie mit Händen und Füßen, nutzen Piktogramme. Notfalls stehe auch ein Dolmetscher zur Verfügung.

10.15 Uhr: Erstaufnahme Schloss Salzau

Schloss Salzau, liebevoll auch „Salzcastle“ genannt.
Schloss Salzau, liebevoll auch „Salzcastle“ genannt. Foto: Christina Norden

Wo sonst Kulturbegeisterte dem Schleswig-Holstein-Musik-Festival oder anderen Konzerten lauschten, sind aktuell knapp 100 Flüchtlinge untergebracht. Kontrastprogramm zu den Containern in Kiel. Auf der Schlosstreppe empfängt uns der Leiter der Erstaufnahme, Gerhard Kiekbusch. Auf die Frage des Ministers, wie es denn so gehe, antwortet Kiekbusch „gut“. Je länger er erzählt, desto mehr ist seine Leidenschaft für seine Arbeit zu spüren. Er spricht von einer familiären Atmosphäre, man duze sich und alles erinnere ein wenig an „Jugendherbergsfeeling”. Salzau nennen viele der Flüchtlinge liebevoll „Salzcastle“.

Innenminister Stefan Studt (SPD, 2. v. l.) mit Lehrer Peter Wiegner und drei seiner syrischen Schüler.
Innenminister Stefan Studt (SPD, 2. v. l.) mit Lehrer Peter Wiegner und drei seiner syrischen Schüler. Foto: Christina Norden/shz.de

Und genau das zeigt sich im Schloss. Die Flüchtlinge schlafen in Zwei- bis Zehn-Bett-Zimmern, teilweise sogar mit Blick auf den Schlossgarten samt See. In einem Zimmer unterrichtet Peter Wiegner drei Syrer. „Das ist ein Extrakurs”, erklärt der Rentner. „Die drei haben gefragt, ob ich ihnen noch mehr Stunden geben kann, und das mache ich gerne.” Innenminister Studt ist begeistert. Gibt es auch Probleme in Salzau?“ Die üblichen Reibereien. Mein Fahrrad ist weg. Die Heizung funktioniert nicht.” Selbstverständlich wäre es schön, wenn Mitarbeiter eine Art Masterplan zur Verfügung stünde. Aber den gibt es leider nicht, meint Studt.

11.30 Uhr: Erstaufnahme in Lütjenburg

Nach einem Containerdorf und einem Schloss geht es nun in eine ehemalige Kaserne in Lütjenburg. Heute hat in Gebäude 8 die DRK-Kleiderkammer zum ersten Mal geöffnet. Erstaufnahmeleiter Willenbrecht berichtet Studt stolz, dass es am Morgen bereits eine Schlage vor der Kaserne gegeben habe. „Es ist irre, was die Leute heute schon gespendet haben.” Auf den Tischen stapeln sich Kuscheltiere, Schuhe und Shirts.Sabine Hoff hilft ehrenamtlich in der Kleiderkammer. Sie arbeitet eigentlich als Krankenschwester in Itzehoe. Trotz Pendlerei gelingt es ihr, fast täglich in der Erstaufnahme zu helfen.

Mehrzad Saadatmandi unterricht in der Erstaufnahme in Lütjenburg.
Mehrzad Saadatmandi unterricht in der Erstaufnahme in Lütjenburg. Foto: Christina Norden

Zwei Blöcke weiter läuft gerade der Deutschkurs von Mehrzad Saadatmandi. In dem Klassenraum sitzen 40 Schüler - aus unterschiedlichen Ländern, unterschiedlichen Alters. Einige sprechen schon ein paar Sätze Deutsch, andere lernen erst das Alphabet. Mehrzad Saatmandi unterricht sie alle zusammen. An die Tafel hat er unterschiedliche Übungen je nach Kenntnisstand geschrieben. Er lacht viel, nimmt sich für jeden seiner Schützlinge Zeit. Am Nachmittag hat sich der Schulrat angekündigt. Natürlich sei das kein professioneller Unterricht, aber es sei ein Anfang, meint Studt und ergänzt: „So einen gelassenen Lehrer hätte ich mir früher auch gewünscht.”

13.30 Uhr: Erstaufnahme in Putlos

Die Erstaufnahme in Putlos.
Die Erstaufnahme in Putlos. Foto: Christina Norden

In Putlos bei Oldenburg in Holstein sind die Flüchtlinge in einer noch aktiven Kaserne untergebracht. Panzer stehen auf den Grünanlagen, doch von Angst oder Trübsal ist in Putlos wenig zu spüren. Viele Flüchtlinge kommen gespannt aus ihren Zimmer, als sie den Innenminister und seine Begleiter entdecken. Ali Abbas (18) aus Syrien bekommt seinen Selfie-Wunsch von Stefan Studt erfüllt. Stolz zeigen Ali und seine Freunde dem Minister das neue Jugendheim der Erstaufnahmeeinrichtung. Dort gibt es ein Kicker-Zimmer, Fitness-Räume und ein Näh-Zimmer. Im Fernsehsaal läuft gerade ein Deutsch-Kurs auf der Leinwand. „Den Schulunterricht müssen wir hier noch verbessern”, gibt Studt zu, aber das Unterhaltunsangebot in Putlos sei einzigartig gut.

Ali Abbas zeigt stolz sein Foto mit dem Innenminister.
Ali Abbas zeigt stolz sein Foto mit dem Innenminister.
 

Doch es gibt auch Sorgen in Putlos. Es gebe Gerüchte, dass die Erstaufnahme wieder geschlossen werden soll. Mitarbeiter bangen um ihre Jobs. Studt kann die Sorgen nicht in Luft auflösen. „Wir haben einen Vertrag mit der Bundeswehr, der besagt, dass wir nur so lange in Putlos Flüchtlinge unterbringen, wie wir auf den Standort angewiesen sind.” Da er nicht wisse, wie sich die Flüchtlingssituation entwickeln werde, könne er leider auch nichts zur Zukunft von Putlos sagen. „Wenn ich wüsste, wie sich die Zahlen 2016 weiterentwickeln, sollte ich schnellstens Lotto spielen.” Aber in einem ist sich der Innenminister sicher: „Wir können noch mehr stemmen als jetzt.“

15.15 Uhr: Erstaufnahme in Lübeck

Innenminister Stefan Studt wird in der Lübecker Erstaufnahme von Leiter Bacar Gadji (Mitte) und Oberbürgermeister Bernd Saxe (rechts) begleitet.
Innenminister Stefan Studt wird in der Lübecker Erstaufnahme von Leiter Bacar Gadji (Mitte) und Oberbürgermeister Bernd Saxe (rechts) begleitet. Foto: Christina Norden
 

Auf dem Volksfestplatz in Lübeck wächst das Containerdorf immer weiter. Vor zwei Wochen wurde die Schule eröffnet. 140 Erwachsene und 45 Kinder werden hier unterrichtet. Eine junge Frau aus dem Iran geht auf den Innenminister und Oberbürgermeister Bernd Saxe zu und bedankt sich dafür, dass sie in Deutschland sein dürfe. Sie hat nur einen Wunsch: „Ich möchte gerne in Lübeck bleiben.” Die Stadt gefalle ihr sehr, sie habe schon Freunde gefunden. Doch Studt kann ihr keine Hoffnung machen. Die junge Frau wird vermutlich bald über die Kreisverteilung an einen anderen Ort geschickt.

Anscheinend immer mit guter Laune schlendert Bacar Gadji über den Volksfestplatz. Er ist der Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung in Lübeck und hat selbst einen Migrationshintergrund. Gadji kam vor über 30 Jahren aus dem Senegal nach Deutschland, arbeitete erst als Ingenieuer. Jetzt will er seine Erfahrung an andere weitergeben. Sein Motto: „Wir haben hier keine Arbeit. Wir haben eine Aufgabe.“

17.15 Uhr: Erstaufnahme in Wentorf bei Hamburg

Es ist dunkel geworden: Als letzte Station besucht der Innenminister die Erstaufnahme in Wentorf. Flüchtlinge sind hier in Fachwerkhäusern untergebracht.
Es ist dunkel geworden: Als letzte Station besucht der Innenminister die Erstaufnahme in Wentorf. Flüchtlinge sind hier in Fachwerkhäusern untergebracht. Foto: Christina Norden
 

Mitten im Villenviertel am Hamburger Stadtrand liegt die Erstaufnahme in Wentorf. Die ehemalige Sprachheilschule bezeichnet Studt gerne als „Luxus-Erstaufnahme“. In gemütlichen Fachwerkhäusern sind bis zu 300 Flüchtlinge untergebracht. Zwischen den Gebäuden gibt es viel Grün. Zu meckern hat hier keiner etwas.

Was bleibt?

Es ist eine gelungene Bilanz für den Innenminister. In den ganz unterschiedlichen Einrichtungen, die Studt an seinem ersten Reisetag besucht hat, herrscht überwiegend gute Stimmung. „Alle ziehen an einem Strang“, lobt der Minister. Natürlich gebe es hier und da Kommunikationsprobleme, insgesamt sei er aber beeindruckt von dem, was man zusammen auf die Beine gestellt habe.

Die Kritikpunkte einzelner Helfer haben Studts Mitarbeiter aufgenommen. 2016 wird weiter an einer Verbesserung der Situation gearbeitet. Die zentrale Registrierung soll aufgelockert werden. Bisher müssen alle Flüchtlinge dafür nach Neumünster reisen. Demnächst soll es weitere „qualifizierte Einrichtungen“ dafür geben. Als Standorte bringt Studt Rendsburg und Glückstadt ins Gespräch.

Auf eine Prognose, wie viele Flüchtlinge 2016 nach Schleswig-Holstein kommen werden, will sich Stefan Studt nicht einlassen. „Wir werden im Januar Zahlen vom Außenministerium und vom Bundesamt für Flüchtlinge bekommen. Dann bewerten wir die Lage neu.“

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