Schweinegrippe : Merkel fragt den Hausarzt

Am 26. Oktober sollen die Massenimpfungen gegen Schweinegrippe starten. Foto: dpa
Am 26. Oktober sollen die Massenimpfungen gegen Schweinegrippe starten. Foto: dpa

Der Streit um die Zwei-Klassen-Impfung gegen die Schweinegrippe ist unsinnig. Und er gefährdet das Ziel der Vorsorge-Aktion. Das erklärt der Kieler Experte Helmut Fickenscher.

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22. Oktober 2009, 10:28 Uhr

Kiel/Berlin | "Man könnte lachen wenn die Angelegenheit nicht so traurig wäre", kommentierte der Kieler Professor für Infektionsmedizin, Helmut Fickenscher, gestern den Streit über die unterschiedlichen Schweinegrippeimpfstoffe. Genauso wie Schleswig-Holsteins AOK-Chef Dieter Paffrath fürchtet der Mediziner, dass die Bevölkerung durch die Diskussion verunsichert wird und sich immer weniger impfen lässt.
"Es gibt aus medizinischer Sicht keinen relevanten Unterschied zwischen den beiden Impfstoffen", so Fickenscher. Allerdings einen finanziellen und sozialen: "Da der Impfstoff für die Normalbürger und unsere Landesbediensteten mit einem Adjuvanz, also einem Wirkverstärker, hergestellt wird, braucht man bei der Produktion weniger teure Antigene und kann schnell größere Menge herstellen", erklärt der Wissenschaftler. Und weiter: "Dadurch können sich auch ärmere Länder den Impfstoff leisten und nicht nur die reichen Europäer und Amerikaner".
Nebenwirkungen: Rötungen, Schwellungen, möglicherweise Fieber
Anders als bei den üblichen Grippeimpfungen werde allerdings jeder die Schweinegrippeimpfung spüren. "Der Impfstoff, den die Länder für ihre Bürger bestellt haben , ruft eine leichte Entzündung hervor. Auch der Bundeswehrimpfstoff regt das Immunsystem stark an ". An der Einstichstelle komme es deshalb zu Rötungen oder Schwellungen und möglicherweise reagiere der Impfling sogar mit leichtem Fieber. "Nach dem bisherigen Kenntnisstand ist das aber für niemanden bedenklich", so Fickenscher .

Die Bundesregierung trat derweil Berichten über eine angebliche Bevorzugung von Politikern und Vertretern von Bundesbehörden entgegen. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm betonte, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erhalte dasselbe Präparat wie der Rest der Bevölkerung. Sie werde mit ihrem Hausarzt sprechen. Wenn dieser zur Impfung rate, werde die Kanzlerin sich impfen lassen. Wilhelm sagte, der Bund habe lediglich für die Bundeswehr, die Bundespolizei und die Krisenstäbe den Impfstoff Celvapan bestellt, der keine Wirkungsverstärker enthält. Der entsprechende Rahmenvertrag mit der Herstellerfirma Baxter sei bereits vor gut einem Jahr geschlossen worden. Dabei habe es von der Regierung aber keine Vorgaben zur Qualität oder Zusammensetzung des zu entwickelnden Impfstoffes gegeben, sagte Wilhelm.

Auch das Innenministerium trat dem Eindruck einer "Zweiklassen-Impfung" entgegen. Die Darstellung, dass eine Privilegierung von politischen Verantwortungsträgern vorgesehen sei, "ist nun wirklich jenseits jeder Realität", sagte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU). Er selbst wisse zudem gar nicht, "ob ich mich jemals impfen lassen werde".

Welche Varianten gibt es?
In der EU sind drei Impfstoffe gegen die Schweinegrippe zugelassen: Pandemrix von GlaxoSmithKline (England), Focetria von Novartis (Schweiz) und Celvapan von Baxter (USA). Pandemrix und Focetria sind mit Wirkverstärkern (Adjuvantien) versehen, die das Immunsystem anstacheln sollen. Pandemrix nutzt den noch nie verwendeten Verstärker AS03. Nebenwirkungen sind laut Europäischer Arzneimittelbehörde (EMEA) Kopf- und Gliederschmerzen, Fieber, Rötungen und Schwellungen an der Einstichstelle. Wegen der Gefahr einer abnormen Immunreaktion haben die USA Pandemrix nicht zugelassen. Das Adjuvans von Focetria ist MF59, das schon 45 Millionen Mal in anderen Impfstoffen benutzt wurde. Laut EMEA ohne Probleme. Celvapan hat keine Verstärker.

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