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Wahlkampf in SH : Martin Schulz in Pinneberg: „Mathe gibt nix, werd’ ma Politiker“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie der neue SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz bei seinem ersten Auftritt im Norden um die Stimmen von Erstwählern kämpft.

Pinneberg | Mathe fällt am Dienstag aus. Zumindest für Jan und Klaas von der Theodor-Heuss-Schule in Pinneberg. Die beiden 17-jährigen Gymnasiasten bekommen in der Aula nur noch einen Stehplatz. Dort erzählt gerade einer, dessen schulische Karriere ohne Abitur endete, „weil ich zweimal kleben geblieben bin“. Als der junge Martin Schulz wieder einmal an den binomischen Formeln gescheitert sei, seinem Lehrer aber wortreich geschildert habe, wie wichtig die seien, habe der geantwortet: „Mit Mathe dat gibt nix, werd’ ma Politiker“, sagt der neue SPD-Kanzlerkandidat zu den 300 Schülern – und hat die Lacher auf seiner Seite.

Der designierte Vorsitzende der Sozialdemokraten ist auf großer Wahlkampftour 2017 – und dabei zum ersten Mal zu Gast in Schleswig-Holstein. Nach seinem Besuch in Pinneberg, besichtigt er mit seinen Parteifreunden Ministerpräsident Torsten Albig und Wirtschaftsminister Reinhard Meyer das Bahn-Werk in Neumünster.

Martin Schulz und Ministerpräsident Torsten Albig im Bahn-Werk in Neumünster.

Martin Schulz und Ministerpräsident Torsten Albig im Bahn-Werk in Neumünster.

Foto: Thomas Nyfeler

Am Mittwoch hat er Termine in Rendsburg, Ahrensburg und Norderstedt. Der Schulz-Hype ist enorm, allein in Schleswig-Holstein hat die Partei 200 neue Mitglieder registriert seit der 61-Jährige an der Spitze steht – das sind mehr als zehn Prozent Zuwachs. Nicht schlecht für eine Partei, die bei Mitgliedern sonst seit Jahren nur über Einbußen berichten kann.

Auch das Medieninteresse an Schulz ist enorm. „Wie Ihr es aus dem WiPo-Unterricht kennt, steht die Presse zwischen den Wählern und den Politikern“, sagt Schulleiter Matthias Beimel. Doch schnell löst sich der Pulk auf und Schulz hat freie Bahn, um die Schüler, die bei der Landtagswahl im Mai das erste Mal an die Urnen dürfen, von sich und seiner Partei überzeugen zu können.

Neben ihm steht Buket Saricicek, die mit Niklas Held den Vormittag moderiert. Vor der Veranstaltung hat sie noch ihre leicht zitternde Hand gezeigt, jetzt führt sie souverän die Diskussion. „Herr Schulz ist total locker, wir haben vorher noch ein Selfie gemacht. Und wenn er so sicher und fest neben einem steht, dann nimmt mir das schon die Nervosität“, wird die 18-Jährige hinterher sagen. Für sie ist die Veranstaltung auch dazu da, „damit sich die Schüler ein Bild machen können, wen sie wählen sollen“.

Das ist nicht bei allen so. Rechts von Schulz steht eine Gruppe Jugendlicher an der Wand, die mehr auf sich, denn auf Schulz schauen. Alle tragen Kapuzenpullover, die meisten Jogginghosen. Sie amüsieren sich über Schulz’ Dialekt und wenn er den Vornamen des neuen US-Präsidenten oder das Wort „Shit-Storm“ sehr deutsch ausspricht. Als der SPD-Frontmann über die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa redet, schnippt der eine dem anderen gegen das Ohr, zwei andere raufen um ein paar Nüsse, eine Lehrerin ermahnt sie zur Ruhe.

Doch sie sind die Ausnahme. Es ist meist ruhig im Saal, die Schüler bringen Schulz das entgegen, was er in der internationalen Politik fordert: „Wir müssen einander respektieren und gegenseitig zuhören – aber wir müssen nicht immer einer Meinung sein.“ Wenn er Bundeskanzler werde, wolle er so auch mit anderen Regierungschefs umgehen, erklärt Schulz, egal ob die nun Donald Trump, Wladimir Putin oder Victor Orban hießen. „Ich werde denen auch sagen, was mir an ihrer Politik nicht passt.“

Überhaupt geht es sehr international zu, die meisten Schüler stellen dem Außenpolitiker und ehemaligem EU-Parlamentschef zu diesem Politikfeld Fragen. Was Schulz denn nicht nur zum Rechtsruck in Europa, sondern besonders in Deutschland sage, will der dunkelhäutige Steven dann wissen – das betreffe ihn ja auch persönlich. Der SPD-Kanzlerkandidat antwortet: „Die Alternative für Deutschland ist für mich eine Schande für Deutschland“ – und bekommt dafür großen Applaus.

Den bekommt Moritz schon für seine Frage. Er hat gelesen, dass Schulz die Wirkungskraft des EU-Parlamentes mit der des Pinneberger Kreistages verglichen hat. „Wie sollen wir in Pinneberg denn das verstehen?“

Schulz umschifft die Klippe gekonnt, erklärt, dass er nur darauf aufmerksam machen wollte, dass weder Tagungen des Kreistages noch des EU-Parlamentes große Aufmerksamkeit erhielten. Er habe dafür gesorgt, dass sich das beim EU-Parlament geändert habe, sagt Schulz, aber seine „kleine Frechheit“ sei deswegen nicht negativ gegen Pinneberg gemeint. Kommunalpolitiker seien für ihn „Helden“. Und als das die Technik in der Aula für einen Moment streikt, sagt Schulz: „Ich werde mich als Bundeskanzler auf jeden Fall für die technische Funktionsfähigkeit der Mikrofonanlage in Pinneberg einsetzen.“ Was ihm den meisten Applaus an diesem Tag einbringt.

Kurz darauf gibt der Kanzlerkandidat allerdings auch noch ein echtes Wahlversprechen ab und verspricht aus dem Milliardenüberschuss des Bundeshaushaltes Schulen zu sanieren, wie die in der er gerade steht und die seit Jahren einen Modernisierungsstau vor sich herschiebt. „Das mache ich als Bundeskanzler.“

Jan und Klaas hören das gern. Die beiden, die bei der Landtagswahl das erste Mal wählen dürfen, haben die eineinhalbstündige Diskussion verfolgt – und Schulz hat sie zumindest teilweise überzeugt. „Er ist besser als Gabriel“, sagt Jan. „Aber ob er gegen Merkel eine Chance hat – das weiß ich nicht.“ Er will auf jeden Fall wählen gehen und habe etwas gelernt, sagt der 17-Jährige und geht durch den Gang zum Englisch-Unterricht. „Schulz war auf jeden Fall besser als Mathe.“

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erstellt am 07.Feb.2017 | 17:31 Uhr

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