Beratung durch Gesundheitskonzern : Lobby-Verdacht bei Patientenberatung: „Nicht mehr unabhängig“

Die telefonische Gesundheitshilfe soll an eine Privatfirma vergeben werden – die hat in der Vergangenheit auch mit Krankenkassen zusammengearbeitet.

Margret Kiosz von
13. Juli 2015, 09:50 Uhr

Kiel | Ulrike P. ist seit drei Monaten wegen einer Depression krankgeschrieben. Ihre Therapeutin empfiehlt Luftveränderung. Am liebsten würde Frau P. zu ihren Eltern fahren. Aber darf sie das einfach? Die Neumünsteranerin wendet sich an die Unabhängige Beratungsstelle in Kiel – so wie rund 4000 Schleswig-Holsteiner pro Jahr. Die Gründe sind vielfältig. Die Patienten fragen nach Behandlungsalternativen, wollen wissen, ob eine bestimmte Selbstzahlerleistung (Igel) wirklich sinnvoll oder nur Beutelschneiderei ist, oder ob die Kasse die Kur ablehnen darf.

Seit 2008 gibt es in allen Bundesländern derartige Anlaufstellen. Doch jetzt gibt es Ärger. Die Beratungsleistungen werden neu ausgeschrieben und ein großer Gesundheitskonzern – die Duisburger Sanvartis – hat dabei wohl das Rennen gemacht. Offenbar haben sie ein günstigeres Angebot gemacht als die bisherigen Leistungsanbieter – der Bundesverband der Verbraucherzentralen und der Sozialverband.

Die Aufregung ist groß, auch in Schleswig-Holstein. Vor allem die Neutralität des neuen Anbieters, der eng mit Krankenkassen und Pharmafirmen zusammenarbeite, wird in Zweifel gezogen. Patientenschützer, Ärzte aber auch etliche Politiker warnen – offenbar vergebens.

„Eine Patientenberatung, die von einem Callcenter betrieben werden soll, das nachweislich schon für die Krankenkassen tätig war, kann unmöglich die Anliegen von Patienten und Versicherten – insbesondere auch gegenüber den Kostenträgern – glaubwürdig und umfassend vertreten“, heißt es bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Bad Segeberg. „Die Unabhängigkeit der Beratung muss ungedingt gewahrt bleiben“, mahnte Sprecher Marco Detlefsen am Freitag. Da ging man in Segeberg noch davon aus, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Am Sonnabend ließ man dann die Katze aus dem Sack: Die Krankenkassen, die die unabhängige, neutrale und für Patienten kostenlose Beratung per Gesetz sicherstellen müssen, gaben zusammen mit dem Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Staatssekretär Karl-Josef Laumann, bekannt, dass Sanvartis den Zuschlag bekommt.

In Kiel ist man entsetzt: „Angesichts der Tatsache, dass über 40 Prozent der Anfragen Beschwerden zu Krankenkassenbescheiden sind, ist diese Vergabe an ein gewinnorientiertes Unternehmen ein Skandal“, erklärt Stefan Bock, Chef der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Besonders ärgerlich sei, dass nun vier hochqualifizierte Berater – darunter eine Juristin, ein Fachanwalt für Sozialrecht, eine Ärztin und einen Diplompädagogin ihren Arbeitsplatz in Kiel verlieren. „Das Wort unabhängig ist nicht mehr angebracht“, empört sich auch Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale-Bundesverbands.

Schon vor der endgültigen Entscheidung hatte auch die Ärztekammer Bedenken gegen die Callcenter-Variante geäußert. „Mir sträuben sich die Haare wenn ich mir vorstelle, dass sich dort womöglich wenig qualifizierte Callcenter-Mitarbeiter zu medizinischen Problemen äußern“, erklärt Carsten Leffmann, Ärztlicher Geschäftsführer der Kammer im Norden. Bei Callcentern würden viele Menschen an zeitliche Taktung denken, an Quote und Verkauf, das passe nicht zur Gesundheitsberatung. Zudem lebten die Beratungsstellen von der örtlichen Präsenz. „Da hat man die Verbindungen und Möglichkeiten vor Ort im Kopf. Tatsächlich wird bei der Beratungsstelle in Kiel fast jeder fünfte Ratsuchende persönlich vorstellig und erscheint – vor allem wenn es um Streit mit den Kassen geht – mit dem Aktenordner unter dem Arm.“

Pro Jahr erhielt die Kieler Stelle 199.000 Euro. Insgesamt zahlen die Krankenkassen – und damit die Versicherten selbst – pro Jahr rund 5,2 Millionen Euro. Demnächst sollen es neun Millionen sein. Doch am bisherigen UPD gab es auch Kritik. 2014 erreichte nur noch jeder zweite Anrufer die Beratungsstellen, die offenbar trotz des vielen Geldes, das die Versicherten bereitstellen, als personell unterbesetzt gelten. Zudem soll bisher jede Beratung im Schnitt 80 Euro gekostet haben, was nach Ansicht von Wirtschaftsprüfern in keinem Verhältnis zu Leistung steht. Trotzdem hatten sich auch die Kieler bis zuletzt Hoffnung gemacht, zumal Staatssekretär Laumann stets betonte, er werde der Vergabe an Sanvartis nur zustimmen wenn die Unabhängigkeit, die Regionalität und die Bürgernähe auch künftig gewährleistet sei. Wie diese Versprechungen jetzt erfüllt werden sollen, wird Laumann in den kommenden Tagen erklären müssen.

Bislang berät die Unabhängige Patientenberatung Deutschland, kurz UPD, in Kiel im gesetztlichen Auftrag rund um das Thema „Gesundheit“ und wird von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein getragen. Bei rechtlichen und medizinischen Fragen sowie bei psychosozialen Fragen im Umgang mit Krankheiten. Das Angebot des UPD ist konstenfrei, neutral und unabhängig. Die Beratungsstelle in der Andreas-Gayk-Straße  in Kiel erreicht man unter 0431-5909960. Das Team besteht aus vier Mitarbeitern, die montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr und montags und donnerstags zusätzlich von 13 bis 16 Uhr zu erreichen sind.
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