zur Navigation springen

Besoldung : Lehrerausbildung in SH: „A 13 für alle!“

vom

Schleswig-Holstein führt den Einheitslehrer ein. Entsprechend fordern Grund- und Gemeinschaftsschullehrer nun mehr Geld. Das Land könnte dies 30 Millionen Euro im Jahr kosten.

shz.de von
erstellt am 06.Apr.2014 | 17:48 Uhr

Kiel | Schon wieder gibt es Hauen und Stechen wegen der Reform der Lehrerausbildung. Dabei sind sich alle einig: Sie ist längst überfällig, um das Studium an die geänderten Schulformen anzupassen. Wenn es keine Hauptschule mehr gibt, braucht das Land auch keinen Hauptschullehrer. Selbst im reformabstinenten Bayern gibt es inzwischen einen reinen Grundschullehrer. Der kommt nun auch im Norden.  

Doch damit hört der Gleichschritt mit anderen Bundesländern auch schon auf. So führt Schleswig-Holstein keine Stufenlehrer ein – also Lehrer jeweils für die Klassen 1 bis 4, 5 bis 10 und die Oberstufe. Wegen der bekannten Animositäten zwischen den Unis in Kiel und Flensburg werden künftig an beiden Standorten Lehrer ausgebildet. Die sowohl an Gymnasien als auch an Gesamtschulen die Klassen 5 bis 13 unterrichten können.

Abseits des erbitterten Streites, ob in Flensburg tatsächlich teure Doppelstrukturen aufgebaut werden – etwa für die Fächer Chemie, Physik und Biologie, die man wegen der Laboratorien bislang nur in Kiel studieren konnte, gerät ein anderer Knackpunkt völlig aus dem Blick: die Besoldung der neuen Lehrer, die Bildungsministerin Waltraud Wende einführt. Grundschullehrer, die seit August ein genauso langes Studium absolvieren wie Gymnasiallehrer, wird man kaum drei Gehaltsstufen schlechter bezahlen können. Auch Gemeinschaftsschullehrer, die künftig auf Gymnasial-Niveau unterrichten sollen, fordern zu Recht eine Angleichung. „A 13 für alle!“ lautet deshalb für die Lehrergewerkschaft GEW die logische Konsequenz. Sie beklagt lauthals, dass sich Wende bisher um eine eindeutige Aussage zur künftigen Besoldung drückt.

Doch dafür gibt es einen guten Grund. Wendes Amtsvorgänger, der liberale Bildungsminister Ekkehard Klug (FDP), hat schon 2012 nachrechnen lassen, was das kostet und anschließend vor Schreck die Finger von einer Reform gelassen. Wenn alle Lehrkräfte genausoviel Geld bekommen wie Studienräte, würde das den Landeshaushalt mit jährlich 30 Millionen Euro belasten.

Selbst der GEW dämmert inzwischen, dass hier noch Probleme lauern. Man freut sich zwar, weil die Aufteilung in „niederes“ und „höheres“ Lehramt in Schleswig-Holstein mit dieser Reform ein Ende hat, man habe jedoch „nicht den Eindruck, als ob die Finanzierung mit den Anforderungen einhergeht“, teilten  die GEW-Funktionäre jüngst mit.

Die Liberalen reiben sich angesichts des von Wende angerichteten Chaos in der Lehrerausbildung die Hände. „Die nachvollziehbare Forderung der Gewerkschaften nach einer A13-Besoldung für alle steht nun angesichts des vorgelegten Modells logischerweise im Raum“, erklärten sie in dieser Woche und forderten die Ministerin auf, umgehend zu erklären, welche Einstufung sie für die neuen Lehrer vorsieht. Ihr Schweigen sei „ein Armutszeugnis und einer Landesministerin schlichtweg unwürdig“.

Dabei kann Wende diesen Nebenkriegsschauplatz derzeit überhaupt nicht brauchen. Sie hat schon genug damit zu  tun, die fundamentale Kritik der Reformgegner abzuwehren. Die schießen scharf, weil die Ministerin von ihren Plänen  einer kostenneutralen  Reform des Lehrerstudiums Abstand nimmt und millionenschwere Umplanungen einleitet. An der Uni Flensburg wird aufgerüstet, in Kiel angeblich nicht abgerüstet. Hier wie dort werden künftig Lehrer auf Gymnasialniveau ausgebildet und zwar auch in solchen Fächern, die wegen der teuren Infrastruktur bislang nur in Kiel angeboten werden. Die Opposition schäumt und will den in wichtigen Punkten überraschend geänderten Gesetzentwurf  in dieser Woche im Parlament nicht absegnen. CDU, FDP und Piraten forderten am Freitag unisono, die erste Lesung von der Tagesordnung zu nehmen. Durchkommen werden sie damit wegen der Mehrheitsverhältnisse wohl kaum. Zumal die  Koalition offiziell zusammenhält, wohl auch weil dank sprudelnder Steuerquellen genug Geld in der Landeskasse ist, um teuere Doppelstrukturen an den Unis aufzubauen und den Fächerkanon in Flensburg zu erweitern.

Doch was wird, wenn die Konjunktur einbricht, fragen besorgte Beobachter. Ob sich die  SPD-Abgeordneten aus Kiel über derartige Fragen hinwegsetzen und das langsame Sterben ihrer Philosophischen Fakultät in Kauf nehmen, wenn auch die letzten der derzeit noch in der Landeshauptstadt studierenden 3600 Lehramtskandidaten nach Flensburg müssen, wird sich am Donnerstag zeigen.

Der Philologenverband als  Interessenvertretung der Studienräte, malt das Schreckensszenario bereits an die Wand: „Ganze Schülergenerationen werden die bildungspolitische Elbphilharmonie der Ministerin bezahlen müssen.“ Weil Wende gegen den demografischen Trend plant, würden „traurige Investitionsruinen in Kiel und Flensburg das Ergebnis der unverantwortlichen ideologischen Planlosigkeit der Ministerin sein“.  

Der könnten jetzt sogar Äußerungen aus der Vergangenheit auf die Füße  fallen: Es sei zweifelhaft, ob Ekkehard Klug – Privatdozent an der Uni Kiel, bevor er in die Politik wechselte und Minister wurde – überhaupt neutral entscheiden könne, sagte Wende, als sie noch Präsidentin der Uni Flensburg war. Die gleiche Frage muss sie sich heute selbst gefallen lassen.

Das Lehramtsstudium in Schleswig-Holstein wird neu aufgestellt. Künftig können sich Studierende zu reinen Grundschullehrern oder zu Sekundarlehrern ausbilden lassen, die sowohl an Gymnasien als auch Gemeinschaftschulen die Klassen 5 bis 13 unterrichten können. Kommende Woche wird der Gesetzentwurf in erster Lesung im Landtag beraten. Das Gesetz soll im August in Kraft treten. Zum Wintersemester 2014/15 soll die neue Lehrkräftebildung starten.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen