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Hochwasserschutz an der Elbe : Lauenburg und der Kampf um die Spundwand

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Lauenburger haben Angst vor der Elbe - und um ihre Altstadt. Der Ärger auf Umweltminister Habeck und die Landesregierung wächst.

shz.de von
erstellt am 25.Sep.2014 | 16:14 Uhr

Lauenburg | Alle waren sie da, als den Menschen am Elbufer in Lauenburg im Juni 2013 das Wasser sprichwörtlich bis zum Hals stand. 9,64 Meter, das hatte es bis dato nur einmal vorher gegeben, 1855. Normalerweise ist das Wasser fünf Meter niedriger. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Ministerpräsident Torsten Albig (SPD), Umweltminister Robert Habeck (Grüne) und viele andere Politiker - sie alle versprachen den Menschen in Lauenburg parteiübergreifend in größter Not ihre Hilfe bei der Schadensbewältigung und beim Schutz vor künftigen Fluten des Flusses.

Doch jetzt, wo es ans Eingemachte geht, lässt die Politik die Menschen in Lauenburg allein. Bundesweite Förderungen stehen nur in Aussicht, wenn mindestens 10.000 Menschen von der Maßnahme profitieren. An Lauenburgs Elbufer leben gerade einmal 400 Menschen. Und das Land möchte, obwohl es mit der Stadt die Vereinbarung über ein ergebnisoffenes Gutachten für den besten Hochwasserschutz gab, nur noch einen minimalen Schutz gefördert wissen.

Deshalb regt sich in Lauenburg jetzt Widerstand. „Besuchen Sie die Altstadt, solange sie noch steht“, heißt es auf einem großen Banner, den Anwohner der Elbstraße von Fassade zu Fassade gespannt haben. Und: „Hochwasserschutz ist Denkmalschutz“, steht auch darauf. Umweltminister Habeck hatte im Schleswig-Holstein Magazin des NDR deutlich gemacht, was er vom Gutachten zum künftigen Hochwasserschutz in Lauenburg hält: „Die Spundwand wird angeblich eingeführt, weil es die Sorge gibt, dass Lauenburg in Richtung Elbe rutscht. Das ist nicht hinreichend belegt“, sagte Habeck. Und der Minister wurde noch deutlicher: „Die Meinung, wir bauen jetzt das und das Land zahlt das alles und dann haben wir es schick in Lauenburg, wäre zu kurz gesprungen.“

Unabhängige Gutachter hatten den Bau einer Spundwand vor der Altstadt inklusive einer Erhöhung und Verbreiterung der Promenade empfohlen. Kosten: Gut 20 Millionen Euro. Allein 2013 betrugen die Hochwasserschäden in Lauenburg fast 30 Millionen Euro. „Eine neue Flut, und wir wären schon in der Gewinnzone“, sagt Bürgermeister Andreas Thiede.

„Beim Land heißt es mittlerweile, nur einige Menschen seien vom Hochwasser betroffen. Aber es geht nicht nur um unsere Häuser, sondern um das Flächendenkmal Lauenburger Altstadt“, sagt Anwohnerin Susanna Brauer-Bethge. Die Stadt wird nach Einschätzung der Experten künftig immer öfter von Hochwasserlagen getroffen. Denn elbaufwärts wird beim Deichbau aufgerüstet, das Wasser kommt dann automatisch nach Lauenburg. „Wer Denkmalschutz und Kultur will, der muss auch etwas dafür tun“, sagt Susanna Brauer-Bethge. Seit dem angeblichen „Jahrhunderthochwasser“, das in Lauenburg einen Wasserstand von 8,70 Meter erreicht hatte, stand das Wasser hier schon vier Mal höher. Die Anlieger wollen deshalb eine Gesamtlösung für den Hochwasserschutz statt Einzelmaßnahmen. Denn wenn ein Anwohner nicht mitzieht, bietet sich im Schutz eine Schwachstelle, die verheerende Folgen haben könnte.

„Das Gutachten sagt ganz eindeutig aus, dass die Substanz, auf der unsere Häuser stehen, in 50 bis 100 Jahren weg ist, wenn sich nichts ändert“, erklärt Elbstraßen-Anwohner Hajo Krasemann. Denn, und vor diesem Phänomen warnt der Architekt und Altstadt-Experte Peter Szymanski schon seit Jahren: Mit jeder Flut geht Sand im Baugrund verloren. Verliert also ein Haus seinen Halt, droht im Dominoeffekt der Umsturz einer ganzen Häuserreihe. „Es geht um das Stadtdenkmal Lauenburg, das darf nicht verschwinden“, warnt Krasemann. Es seien gar nicht die direkten Schäden, die das Wasser an den Gebäuden hinterlassen würde, so Krasemann, sondern vielmehr der ausgespülte Baugrund. „Es muss etwas getan werden, um das Eindringen des Wassers in den Baugrund der Häuser zu verhindern, dafür nennt das Hochwasserschutz-Gutachten klare Möglichkeiten“, sagt Krasemann. Empfohlen wird, eine Spundwand zu installieren. Die würde nicht nur den Baugrund vor dem Wasser abschotten, sondern ließe sich bei Bedarf so aufstocken, dass die Häuser von Fluten verschont bleiben.

Doch davon möchte man in Kiel nichts mehr wissen. Diese Baugrundproblematik sei nicht belegt, ließ man die Stadt wissen. Die Stadt aber bleibt bei ihrem Konzept für den Hochwasserschutz, das haben die Stadtverordneten am Mittwochabend mit einer neuerlichen Resolution einstimmig bekräftigt. Das zwischen Stadt und Land abgesprochene Beteiligungsverfahren, in dem das Hochwasserschutzkonzept erarbeitet wurde, dürfe nicht als „Wünsch-Dir-was-Veranstaltung“ verunglimpft werden, verwahren sich Lauenburgs Politiker gegen Äußerungen aus Kiel.

Vielmehr sei das Verfahren beispielhaft, ernsthaft und gründlich gewesen. Und, so heißt es in der Resolution: „Die Beschränkung auf einen fixen Budgetrahmen hat es ausdrücklich nicht gegeben.“ Falls Zweifel an den Bodenverhältnissen bestünden, sei die Landesregierung in der Pflicht, unverzüglich für Untersuchungen zu sorgen, fordern die Lauenburger. „Immerhin will sich das Land jetzt einen Überblick über die Bodenverhältnisse verschaffen“, berichtet Reinhard Nieberg, der Leiter des Stadtentwicklungsamtes.

Nieberg setzt auch auf eine kleine Gesprächsrunde, die es im Oktober mit Habeck geben soll. Das Land, so fordert die neue Resolution, soll Geld beim Bund einwerben, vorrangig aus dem nationalen Hochwasserschutzprogramm, das gerade aufgestellt wird. Doch für die betroffenen Lauenburger bedarf das einer Sonderregelung für Flächendenkmäler, so Nieberg.

„Die Fundamentsituation der alten Gebäude ist prekär. Beim Abfließen verändert sich der Untergrund, es wird Material abgetragen, es gibt Risse und Absackungen“, so Professor Dr. Manfred Voigt, der den wissenschaftlichen Beirat zur Erstellung des Hochwasserschutzgutachtens geleitet hat. Ein dauerhafter Erhalt der Altstadt ist nur möglich, wenn eine Schutzmauer die Gebäude vor Oberflächen- und Grundwasser schützt. Günstigere Lösungen seien nur bedingt erfolgversprechend, wenn die Elbe wieder Hochwasser führt. Die Wissenschaftler verweisen außerdem auf die große Bedeutung des Hochwasserschutzes für Lauenburgs Wirtschaft. Denn Tourismus, Wohnqualität, Hafen und Werft sowie das Gewerbegebiet sind dann betroffen. „Solange solche Betrachtungen nicht gemacht werden, sind reine Kosten- und Investitionsbetrachtungen weniger als die Hälfte der Wahrheit“, schreibt der Beirat in seiner Stellungnahme zum Gutachten. „Wir hoffen, dass das auch in Kiel und Berlin überzeugt, damit wir endlich mit den nötigen Planungen beginnen können“, sagt Thiede.

Die mehr als 800 Jahre alte Kleinstadt Lauenburg ist in Schleswig-Holstein der einzige Ort am Elbufer, dem bei Hochwasser der Elbe Gefahr droht.

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