Mädchenheim Friesenhof : Landtag SH: Über vieles geredet – nicht über Kinder

Peter Eichstädt im Landtag.
Peter Eichstädt im Landtag.

Mitten im politischen Hick-Hack um die Mädchenheime von Friesenhof hält der SPD-Abgeordnete Peter Eichstädt eine Rede zum Innehalten und Nachdenken. Eine Mitschrift.

shz.de von
16. Juli 2015, 17:39 Uhr

Kiel | Fragwürdige pädagogische Methoden und unwissende Ämter: Die Friesenhof-Mädchenheime sind stark in die Kritik geraten. Der Skandal fällt auch auf die Politik zurück – und im Landtag entsteht einmal mehr ein typisches Hick-Hack über die Einrichtung von Runden Tischen und einen Untersuchungsausschuss. Kritikhagel, Vorwürfe. Und dann meldet sich Peter Eichstädt zu Wort mit einem Thema, das fast schon wieder in den Hintergrund gerückt war: Die Kinder. shz.de dokumentiert seine Rede im Wortlaut.

„Es gibt diese Kinder, die scheinbar von der Welt verlassen sind. Die durch Schicksal, Unverständnis, Enttäuschung keinem Erwachsenen mehr trauen. Die gedemütigt wurden, missbraucht, benutzt. Die verhärtet sind und von Erwachsenen nicht mehr verstanden werden. Und die Erwachsenen nicht mehr trauen. Die sich ihre Zuwendung, aber auch Geld durch Preisgabe ihres Körpers beschaffen, durch Drogen, Straftaten. Die die Schule verweigern.

Früher kamen sie in so genannte Fürsorgeerziehung, oft geschlossene Heime: die Mädchen nach Selent, Jungen nach Schleswig, in den Paulihof.

Wir wollen keine geschlossene Unterbringung mehr. Aber was dann? Was machen wir mit diesen Kindern und Jugendlichen, die wir mit normalen pädagogischen Angeboten und Maßnahmen nicht mehr erreichen? Es hat viele Versuche gegeben, und leider sind nicht alle Projekte gelungen. Ich weiß nicht, ob da in Friesenhof alles richtig gemacht wurde. Es scheint eher nicht.

Aber ich wehre mich gegen eine plumpe, absolute Kritik, ohne den gesamten Kontext zu kennen. Und ich bin sicher, dass dort nicht nur Menschen gearbeitet haben, die diese Mädchen quälen wollten. Sie wollten ihnen helfen und waren offensichtlich hilflos und teilweise selbst überfordert. Eltern wie Erzieher greifen bei Jugendlichen, die uns auch Grenzen aufzeigen, nach jedem Strohhalm. Sie wollen alles, aber auch alles versuchen, um diese Kinder zu retten, die oft gar nicht gerettet werden wollen.

Ja, Kontaktsperre klingt hart. Aber Kontakt zum vorangehenden Milieu, zum Zuhälter, zum Dealer, zur kriminellen Peer-Group unterbinden, ist etwas differenzierter zu beurteilen. Körperkontrolle? Jugendliche, die Kontakt zu Drogenhilfen hatten und kommen, sollen auf Drogen untersucht werden, manchmal auch auf Waffen, manchmal auf Handys. Klar, dabei sind Regeln einzuhalten, das ist möglicherweise im Friesenhof nicht geschehen. Und das geht überhaupt nicht. Und es sind nicht alle Erzieher geeignet, eine solche Arbeit zu machen. Es gibt wenige Pädagogen, die das Geschick, die Geduld und die Kraft haben, diese Jugendlichen zu ertragen.

Letztlich geht es doch darum, wie wir mit Jugendlichen am Rand zum persönlichen Untergang klarkommen, die kaum noch Vertrauen in Pädagogen, Fürsorger, Richter haben und glauben, in einem anderen Milieu ihren Weg zu finden. Wie sieht die Verantwortungsgemeinschaft aus, die wir für diese Kinder brauchen? Die Heimaufsicht, das örtliche, das entsendete Jugendamt. Die Pastoren und die Gemeinden, die Schulen, die Eltern, die Politik .... und die verantwortungsvolle Presse, die nicht eine Story, sondern eine Geschichte über diese Kinder schreibt.

Ich wünsche mir sehr, dass wir einen Runden Tisch haben, der ganz wesentlich von Praktikern geprägt wird, die uns über diese Kinder mehr erzählen.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen