Fehlende Fachkräfte : Landespflegekongress: Politik versagt beim Pflegenotstand

Die Menschen  werden immer älter, benötigen deshalb immer öfter  Pflege. Doch ausgebildete Pflegekräfte werden knapp.
Die Menschen werden immer älter, benötigen deshalb immer öfter Pflege. Doch ausgebildete Pflegekräfte werden knapp.

Tausende Pflegekräfte fehlen – Tendenz steigend. Auf einem Landespflegekongress in Kiel wurden Lösungsstrategien gesucht. Sozialministerin Alheit hält höhere Beiträge zur Pflegeversicherung für unvermeidbar.

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25. November 2013, 17:57 Uhr

Kiel | Im Kampf gegen den Pflegenotstand in Krankenhäusern und Altenheimen hat die Politik nach Meinung von Wissenschaftlern und Verbandvertretern bisher außer Lippenbekenntnissen wenig geboten. Bis zum Jahr 2030 werde ein Mangel von bundesweit 200.000 bis über 500.000 Vollzeit-Pflegekräften prognostiziert, hieß es am Montag in Kiel auf dem 5. Landespflegekongress.

In Schleswig-Holstein werden bis zum Jahr 2030 voraussichtlich mehr als 13.000 Vollzeit-Pflegekräfte fehlen, ergab eine Studie der Bertelsmann-Stiftung bereits 2012. Nach Angaben des Sozialministeriums in Kiel wird der Bedarf bis zum Jahr 2020 allein in der Altenpflege um rund 2000 Fachkräfte ansteigen.

Es könnten bereits Stationen in Altenpflegeeinrichtungen und Krankenhäusern ihre Kapazitäten mangels Fachkräften nicht oder nicht voll nutzen, schilderten mehrere Experten im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur die sich in Deutschland weiter zuspitzende Situation. In Schleswig-Holstein hätten Aufsichtsbehörden deshalb schon Belegungsstopps für Pflegeeinrichtungen verfügt.

Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) bekannte sich auf dem Kongress ausdrücklich zu einem quantitativen und qualitativen Ausbau der Pflege. Allerdings könne es eine bessere Pflege nicht zum Nulltarif geben. Die Beitragserhöhung für die Pflegeversicherung um 0,1 Prozentpunkte zu Beginn des Jahres sei nur ein erster Schritt zu mehr Demografie-Ehrlichkeit gewesen. „Weitere werden folgen müssen.“ 
„Es mangelt an politischem Willen, in der Fachwelt seit 20 Jahren als notwendig bekannte Strukturveränderungen im deutschen Pflegesystem tatsächlich durchzusetzen“, sagte Jutta Schümann, Vorsitzende des Vereins Landesgesundheitsprojekte, der den Kongress federführend organisierte. Auf Bundesebene müssten Gesetzesregelungen geändert werden, aber die Umsetzung auf Landesebene sei dann ein weiteres Problem.

Die Fachleute forderten ein Bündel an Maßnahmen, um den Pflegenotstand in den Griff zu bekommen. So müsse die Ausbildung reformiert werden. Es könne nicht sein, dass immer noch ein Teil der angehenden Altenpfleger die Kosten für ihre Berufsfachschule von etwa 300 Euro im Monat selber von ihrer Vergütung von etwa 700 Euro monatlich zahlen müssten. Im Norden werde perspektivisch niemand mehr Schuldgeld bezahlen müssen, dies komme aber zehn Jahre zu spät, sagte Schümann.

Petra Weber, Professorin für Pflegewissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, forderte die staatlich garantierte Unabhängigkeit von Fachschulen. Bisher seien Berufsfachschulen meist Kliniken angeschlossen und Berufsfachschulen für Altenpfleger private Einrichtungen. In der Diskussion sei außerdem, die Ausbildung in der Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege übergreifend anzubieten - eine Forderung, die auch Sozialministerin Alheit in ihrer Rede auf dem Kongress unterstützte.

Pflegeberufe sollten wie in anderen Ländern auch als akademische Ausbildung angeboten werden, forderte Weber. Eine bessere Bezahlung (bisher etwa 2500 Euro brutto Tariflohn nach einigen Berufsjahren), mehr gesellschaftliche Anerkennung, mit einer Familie vereinbare Arbeitszeiten sowie Berufsbilder mit mehr eigenverantwortlicher Arbeit seien ebenfalls nötig. Zudem sei der Stellenschlüssel in der Pflege viel zu eng, die Belastung für die einzelne Kraft zu hoch. Im Krankenhausbereich seien die Arztstellen teilweise bis zu 30 Prozent aufgestockt und die Pflegestellen um 20 Prozent gekürzt worden. „Ich kenne aber keinen Arzt, der Pflegeaufgaben übernommen hat“, sagte Weber lakonisch.

Kräfte aus dem Ausland könnten die Situation ein wenig entschärfen, aber nicht das Problem lösen, meinte Meiko Merda vom IEGUS-Institut für europäische Gesundheits- und Sozialwirtschaft in Berlin. Er wertet im Auftrag des Bundeswirtschaftsministerium ein Projekt mit 100 vietnamesischen Pflegekräften, die in Einrichtungen in mehreren Bundesländern arbeiten, wissenschaftlich aus.

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