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Flüchtlinge in SH : Land verschenkt weitere 900 Wohncontainer – „Wir sind überrannt worden“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Insgesamt hat das Land im Jahr 2015 genau 4214 Wohncontainer für gut 49 Millionen Euro gekauft.

shz.de von
erstellt am 04.Apr.2017 | 20:18 Uhr

Kiel | Lars Ohse zeigt gern, was er hat. Beziehungsweise das Gebäudemanagement Schleswig-Holstein (GMSH), für das er alles beschafft, was das Land so rund um Immobilien gebrauchen kann. So wie 2015 als Ohse haufenweise Container besorgt hat, um die vielen tausend Flüchtlinge unterbringen zu können, die damals in den Norden kamen. „Doch seit immer weniger zu uns kommen, hat das Land Überkapazitäten und sich deshalb entschlossen, überschüssige Container zu veräußern“, sagt Ohse. Veräußern heißt in diesem Fall verschenken – und zwar genau 1720 Stück. Etwas ungewohnt, dass der Beschaffer nun etwas loswerden muss.

Mehrfach hatte das Land versucht, die überzähligen Container zu verkaufen, allerdings ohne großen Erfolg. Denn es gibt ein Überangebot am Markt. 

Nach einigen ersten Meldungen wissen die Mitarbeiter der GMSH kaum mehr wo ihnen der Kopf steht. „Uns hat das große Interesse total überrascht. Wir sind regelrecht überrannt worden“, sagt Ohse. Fast 10.000 Anfragen erreichten die GMSH – mehr als doppelt so viele wie das Land insgesamt Container hat. Neue Anfragen werden noch entgegen genommen, ob die Interessenten noch zum Zuge kommen, scheint aber mehr als fraglich.

Die Container, die das Land jetzt nicht mehr für Flüchtlinge braucht, bekommen vor allem eigene Organisationen wie etwa der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz oder der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr – aber auch Schulen, Gemeinden oder gemeinnützige Vereine in Schleswig-Holstein. Die Container werden nur an Interessenten aus dem Land abgegeben, sagt Ohse, der auch schon Interessenten aus Nordrhein-Westfalen am Telefon hatte. Auch Privatleute könnten möglicherweise noch in den Genuss kommen, wenn das Land vielleicht irgendwann noch mehr Container loswerden will – allerdings werden nicht mehr als zehn Stück an eine Person abgegeben.

Mittlerweile ist die GMSH dabei, eine Warteliste zu erstellen, allerdings bittet Ohse auch Interessenten, die sich schon vor Wochen beworben haben, noch um ein wenig Geduld. „Wir bemühen uns, das so schnell wie möglich abzuarbeiten.“ Er verspricht aber: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“ 204 Container seien schon abgeholt worden.

Zweimal in der Woche finden Besichtigungstermine statt – an drei Standorten hat die GMSH Besichtigungscontainer aufgestellt – in Leck, Seth (beide Kreis Nordfriesland) und in Boostedt bei Neumünster, wo Ohse gleich mal die Türen von zwei verschieden großen Wohncontainern öffnet, die noch nie jemand bewohnt hat. Vier Flüchtlinge hätten einmal darin schlafen sollen. „Da kann man was draus machen“, sagt Ohse. Auch einen WC- und einen Duschcontainer gibt es zu besichtigen. „Vielleicht könnte das was für den einen oder anderen Sportverein sein“, meint Ohse. Allerdings gebe es für diese Modelle noch keine Freigabe.

Die Container haben das Land einmal zwischen 8000 und 10.000 Euro das Stück gekostet – dazu kamen teilweise Gebühren für Anschlüsse und Aufstellung. „Die Preise waren damals hoch, aber nicht unverschämt“, sagt Ohse. Insgesamt hat das Land im Jahr 2015 genau 4214 Wohncontainer für gut 49 Millionen Euro gekauft, davon werden noch 415 in der Erstaufnahmeeinrichtung  Rendsburg, 100 in der in Neumünster und 710 in der in Bad Segeberg genutzt. In Seeth befinden sich 328 bezugsfertige Wohncontainer in der Leerstandsbewirtschaftung.

Nachdem weniger Flüchtlinge kamen, hat die GMSH versucht, die Container zu verkaufen. Aber auch eine Versteigerung brachte nicht den erhofften Erlös. Probeweise hatte das Land zehn Container angeboten – und dafür insgesamt 4628 Euro bekommen. „Das hat sich alles nicht gelohnt, deswegen werden sie jetzt verschenkt“, sagt Ohse.

Wer einen Container haben will, sollte sich bei der GMSH gemeldet haben – Abtransport und Wiederaufstellung muss der „Kunde“ selbst organisieren und bezahlen. „Manchmal braucht man auch eine Baugenehmigung, und man sollte genau wissen, dass der Container auch sicher aufgestellt werden kann“, sagt Ohse. Einmal habe eine Rentnerin bei ihm angerufen, die acht Container haben, aufeinander stellen und zu einem Haus verbinden wollte. „Das geht natürlich nicht, das wäre alles zusammengekracht.“

Doch etwas für Bastler hat Ohse auch im Programm. Ein paar Meter neben den Besichtigungscontainern lagern Container-Bausätze, die leichter zu transportieren sind. „Auch für diese Container gibt es jede Menge Interessenten“, sagt Ohse. „Das ist dann so ein bisschen Lego für Erwachsene.“

 


Geiz ist nicht immer günstig

Ein Kommentar von Kay Müller

Umsonst gibt es nicht viel. Schon gar nicht vom Staat. Deswegen mag die Meldung, dass die Finanzministerin weitere 900 Wohncontainer an Schulen, Kommunen oder gemeinnützige Einrichtungen verschenken will, den einen oder anderen überraschen – ja vielleicht sogar erzürnen. Schließlich sind die Container einst für viele Millionen Euro Steuergeld beschafft worden. Und nun bleibt das Land auf diesen Kosten sitzen, weil eine Ministerin kurz vor der Wahl die wertvollen Container für lau herausgibt.

Doch wer so denkt, denkt zu kurz. Natürlich gibt es noch Möglichkeiten, Geld für die überschüssigen Container einzunehmen – und das Land wird mit jedem verhandeln, der bereit ist, für eine größere Menge eine ordentliche Summe zu bezahlen. Dazu ist das Land sogar verpflichtet. Die Frage ist nur, wie viel  Interessenten zahlen. Ob die Beträge annähernd dem einstigen Beschaffungswert nahekommen, ist mehr als zweifelhaft.

Daher ist es vernünftig, die überschüssigen Container an diejenigen im Land zu verteilen, die für die Daseinsvorsorge verantwortlich oder gemeinnützig tätig sind. Die vielen Interessenten, die sich beim Land gemeldet haben, zeigen, dass der Bedarf da ist.

Doch die Massen, die jetzt  Container haben wollen, sollten vielleicht noch einmal genau prüfen, ob sie die wirklich dauerhaft gebrauchen können. Schließlich übernehmen sie damit auch eine Verantwortung: Die Container müssen nicht nur transportiert und aufgestellt, sondern auch mit Strom und Wasseranschlüssen versehen und später vielleicht auch entsorgt werden. All das kostet Geld –  Geld, das vielleicht nicht alle haben. Insofern sollte jeder erstmal prüfen, ob sein Geiz geil ist – statt einfach nur hinter etwas hinterherzuhecheln, an dem das Schild „zu verschenken“ dranklebt.

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