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39. Insel- und Halligkonferenz : Küstenschutz im Klimawandel: Wie die Halligen ums Überleben kämpfen

vom

Den Schutz ihrer Heimat beraten rund 25 betroffene Bürgermeister und Gemeindevertreter auf Nordstrandischmoor.

shz.de von
erstellt am 27.Apr.2017 | 10:09 Uhr

Nordstrandischmoor | Gegen die Folgen des Klimawandels will Ruth Kruse noch weiter in die Nordsee bauen. „Wir trotzen dem Meer entgegen.“ Seit 300 Jahren lebt ihre Familie auf Nordstrandischmoor, einer kleinen Hallig mitten im schleswig-holsteinischen Wattenmeer. Kruses Wohnhaus aus den 60ern steht dort bereits 90 Zentimeter tiefer als die anderen Häuser. Der Deich umschließe es „wie eine Badewanne“, sagt die 53-Jährige. Eine neue benachbarte Klimawarft soll künftig noch weiter in die See ragen - und der Familie die nächsten Jahrzehnte ein Zuhause bieten. Denn der Meeresspiegel steigt.

„Die Bereiche, die als erste betroffen sein werden, werden sicherlich die Halligen sein“, sagt der Chef des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN), Johannes Oelerich, zu dem Anstieg. Mit einem 30 Millionen Euro schweren Warft-Programm will die Behörde die Halligen auf den Klimawandel vorbereiten - auch den geplanten Neubau von Ruth Kruse. Wie genau ihre Heimat vor dem Untergang geschützt werden soll, diskutieren sie und rund 25 weitere Bürgermeister und Gemeindevertreter am Donnerstag bei der 39. Insel- und Halligkonferenz (IHKo). Erstmals tagt sie auf Nordstrandischmoor - und zählt dabei ähnlich viele Mitglieder wie die Hallig Einwohner.

„Die Meeresspiegelzahlen sind beunruhigend, da wir frühere Schätzungen eher nach oben als nach unten korrigieren mussten“, sagt der Potsdamer Klimaforscher Anders Levermann zu der Herausforderung. „Was wir auf lange Zeitskalen leider nicht ausschließen können ist, dass wir auch Gebiete zurücklassen müssen“, prognostiziert er. Gleichzeitig gelte aber: „Niemand muss Angst haben. Solange man das Problem ernst nimmt, kann man sich anpassen.“

„Es ist ja nichts neues, dass die Leute umgezogen sind, dass sie die Warften verändert haben“, sagt Kruse, die als Nationalpark-Rangerin arbeitet - und nebenbei einen 60-Hektar-Hof mit Dutzenden Schafen führt und Feriengäste beherbergt. Ihre Familie wohnt seit 1820 auf der Norderwarft der Hallig. Zuletzt wurde ihr Haus 1976 überflutet. Damals, so erzählt sie es, standen die Kühe bis zum Bauch im Wasser, den Skalar aus dem geborstenen Aquarium fand sie auf dem Sofa wieder.

2013, bei Orkan „Xaver“, habe sie „Wahnsinnsglück gehabt“. „Das Wasser lief bereits über den Ringdeich.“ Gerade noch rechtzeitig stoppte der Pegel. „1976 war mein Papa Alphahund, heute muss ich den Kindern erzählen, es wird nicht so schlimm.“ Vier Generationen der Familie leben auf der Hallig - vom Baby bis zur 90-jährigen Mutter.

Eine sieben Meter breite Sichel soll Kruses Warft als eine der ersten ab 2019 verstärken - und zwei Meter erhöhen. „Ist-Zustand, Meeresspiegelanstieg plus Wellenhöhe, das wird für jede Hallig individuell berechnet“, erklärt sie. Wie lange das hält? „Die Investitionen in den Küstenschutz sind auf 100 Jahre ausgelegt“, sagt LKN-Chef Oelerich. Mit dem Spatenstich für einen höher gelegenen Supermarkt auf Hallig Hooge wurde mit dem Warft-Programm vergangene Woche offiziell begonnen. Abseits der Warften hofft der LKN, dass die Halligen durch Sedimentation mit dem Meeresanstieg mithalten - etwa durch den jährlich vor Sylt aufgespülten Sand, den der „Blanke Hans“ immer wieder ab- und tiefer ins Wattenmeer hinein trägt. „Building with nature“, nennt Oelerich das.

Die Erhöhung der Deiche und Warften sei dennoch richtig, ergänzt Insa Meinke vom Institut für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht. „Eine pragmatische Strategie, die noch sehr lange funktionieren wird, aber wahrscheinlich nicht für die nächsten Jahrhunderte“, sagt sie. Denn 4,5 Millionen Leute an der Nordseeküste und in der Marsch bekämen ohne Deiche schon heute bei normalem Hochwasser nasse Füße. Kruses Haus verfügt für den Notfall wie die meisten Hallig-Häuser sogar über einen höher gelegenen Schutzraum mit tief in der Warft verankerten Pfählen aus Stahlbeton. Dicke Fensterläden sollen zudem das Wasser abhalten. „Wenn hier Wände einbrechen, ist das mein Pech“, sagt Kruse. Eine Versicherung sei viel zu teuer.

„Man könnte heute auch schon mal anfangen, über alternative Strategien nachzudenken“, regt Forscherin Menke angesichts des aufwendigen Küstenschutzes an, „aber das ist eine politische Frage“. Ob die Inseln und Halligen je zurück gelassen werden, ist längst nicht entschieden. „Für uns sind die Inseln und Halligen Bollwerke vor dem Festland und elementar für den Küstenschutz“, verteidigt Oelerich sie als Wellenbrecher. „Wir schützen Gegenden ja nicht nur, weil sie sich wirtschaftlich lohnen, sondern auch weil sie kulturell wichtig für uns sind“, ergänzt Klimaforscher Levermann. „Wie etwa die historische Altstadt von Greifswald.“

Geht es nach Ruth Kruse, müssen auch die Halligen dauerhaft erhalten werden. „Wir machen den aktivsten Naturschutz, den man sich vorstellen kann“, sagt sie, als sie von ihrem Haus auf die Salzwiesen mit den Ringelgänsen blickt. „Die Halligen gibt es weltweit nur einmal.“ 300 Jahre Familiengeschichte zeigten, „dass nicht alles verkehrt gewesen sein kann“. Wenn sie fast täglich mit der ruckeligen Lorenbahn die dreieinhalb Kilometer über den Damm zum Festland fährt, stellt sie aber auch fest: „Bei jeder Flut kommt mehr Wasser rein.“

Kritik an Verklappung Hamburger Hafenschlicks

Auch wenn unklar sei, ob der ausgebaggerte Elbschlick umweltschädlich sei, sagte der Sylter IHKo-Vorsitzende Manfred Uekermann, „so weiß ich eines, dass er da nicht hingehört“. Gerade weil es ein Eckpunktepapier gibt, dass die Ablagerung des Schlicks für weitere zehn Jahre erlaubt, müsse frühzeitig nach langfristigen Lösungen gesucht werden. „Aus unserer Sicht werden die Alternativen zu wenig betrachtet“, sagte Uekermann (CDU) am Donnerstag auf Hallig Nordstrandischmoor. Er nannte unter anderem die Trocknung des Schlamms als eine Möglichkeit, um das Meer zu schützen. Er könne wie etwa in den Niederlanden zur Landgewinnung genutzt werden. Gemeinsam mit Helgolands Bürgermeister Jörg Singer kippte er symbolisch Schubkarren mit Schlick in die Nordsee.

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