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Bundestag in Berlin : Kubicki steuert späte zweite Karriere an

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Zum Karriere-Ende von der Provinz in die Metropole: FDP-Kubicki will nun im Bundestag Spuren hinterlassen. Der Wahlerfolg steht für ihn fest. In der Bundespartei sieht sich das einstige Enfant terrible der Liberalen willkommen. In Kiel bewirkt sein Weggang gemischte Gefühle.

Kiel | Oft hat Wolfgang Kubicki seine Parteiführung mit Provokationen und Alleingängen zur Weißglut gebracht. Wer es gut mit dem Liberalen aus Kiel meinte, nannte ihn Querdenker, andere Querulant - noch bösere Titulierungen kursierten. Nun will der 61-Jährige, der häufig und gern Schlagzeilen machte, in neuer Rolle als Spitzenkandidat der Nord-FDP vom Rand des politischen Geschehens in Deutschland in dessen Herz.

„Nach 21 Jahren Landtag reizt mich nicht nur der Bedeutungszuwachs im Bundestag“, sagt der Talkshow-Dauergast knapp drei Wochen vor der Wahl. Er werde in Berlin mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mit mehr Menschen professionell reden können als in Kiel. Auch seine Frau habe akzeptiert, dass er am Ende seiner politischen Karriere noch einmal alles in die Waagschale werfen wolle, „um die Bedeutung der FDP zu erhalten und zu vergrößern“.

2009 führte Kubicki die Landespartei mit dem Top-Ergebnis von 14,9 Prozent nach Jahrzehnten wieder in die Regierung. Dass es ihm mit dem damaligen CDU-Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen gelang, das hoch verschuldete Land auf Konsolidierungskurs zu führen, rechnet er sich hoch an. Aber als größten Erfolg nennt er die 8,2 Prozent von 2012, weil die FDP damals bundesweit tief im Keller saß.

Über seine angestrebte künftige Rolle sagt der scharfzüngige Schnellredner: „In der Innen- und Rechtspolitik möchte ich neben Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und einigen anderen das Bild der FDP prägen.“ Den Juristen drängt es auch in den Haushaltsausschuss. „Ich möchte dafür Sorge tragen, dass mit dem Geld der Steuerzahler einigermaßen vernünftig umgegangen wird.“ 

Einen Posten strebe er nicht an. „Ich muss nichts werden, um etwas zu bewirken.“ Im Übrigen folge er der indianischen Weisheit „Mache dir keine Gedanken darüber, was du auf der anderen Seite des Ufers machst, bevor du weißt, wie du rüber kommst“. Eines aber betont der Anwalt mit Kanzlei in Kiel: „Ich schließe für mich aus, dass ich in ein Kabinett eintrete. Ich werde meine berufliche Unabhängigkeit nicht aufgeben, denn die erlaubt mir auch, Dinge zu sagen, von denen andere glauben, es wäre karriereschädlich oder politisch existenzgefährdend.“ 

Für einen Wechsel sei es einfach Zeit, sagt Kubicki. Er gehöre an der Förde schon zum Inventar. „Gleichwohl ist es eine spannende Herausforderung in meinem Alter, im Bundestag aufzutreten und dort auch Spuren zu hinterlassen.“ Dass es wieder für Schwarz-Gelb reichen wird, stehe für ihn außer Zweifel.

Sein Standing in Berlin sieht Kubicki viel besser als früher, anfängliches Fremdeln sei vertrauensvoller Zusammenarbeit gewichen. „Sie schätzen, dass ich offensichtlich eine Gabe habe, Menschen zu überzeugen.“ Immerhin wurde Kubicki gegen zwei amtierende Bundesminister - Dirk Niebel und Daniel Bahr - ins FDP-Präsidium gewählt. „Das war für beide eine Art Kulturschock.“ Nach dem Tod seines Freundes Jürgen Möllemann (2003) sei er deutlich milder geworden, sagt Kubicki. „Ich habe auch festgestellt: Gemeinheiten wirken umso mehr, je freundlicher sie verpackt sind.“ 

In Kiel wird Kubicki gemischte Gefühle hinterlassen. Ende November möchte er im Landtag eine Abschiedsrede halten. Ohne ihn werde es blutärmer, sagen viele. SPD-Fraktionschef Ralf Stegner auf die Frage, ob er seinen „Lieblingsgegner“ vermissen werde: „In dem Sinne, dass er ein unterhaltsamer Kollege ist, mit dem sich auseinanderzusetzen auch ein gewisser sportlicher Wettbewerb ist, ja.“ 

Wenig schmeichelhaft urteilt der grüne Umweltminister. „Viele Debatten wurden durch ihn lauter, einige lustiger, manche peinlicher; in der Sache kamen wir durch ihn kaum je voran“, sagt Robert Habeck. Es gehe ein Lautsprecher. „Vielleicht kann sich dadurch Vernunft wieder Gehör verschaffen. Geh mit meinen guten Wünschen, Wolfgang - und tschüss!“ 

Kubicki sieht sich jetzt auch für die Verlockungen der Metropole gewappnet. Vor Jahren sagte er, in Berlin liefe er Gefahr, zum Trinker oder zum Hurenbock zu werden. „Mittlerweile bin ich sittlich und moralisch gefestigt.“ 

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erstellt am 03.Sep.2013 | 08:52 Uhr

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