Inklusion : Koalition will Kurskorrektur bei gemeinsamem Lernen

Viele Eltern können schwer hinnehmen, dass ihr behindertes Kind nicht immer mit den Gleichaltrigen mithalten kann.
Viele Eltern können schwer hinnehmen, dass ihr behindertes Kind nicht immer mit den Gleichaltrigen mithalten kann.

SH hat zwar eine hohe Quote von Kindern mit Behinderung, die gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern lernen. Die aber sagt nichts über die Unterrichtsqualität aus. Das soll sich ändern.

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16. November 2013, 00:31 Uhr

Kiel | In die Debatte über das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung kommt Bewegung. Auch der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Ulrich Hase, rät dringend zu einer Kurskorrektur: „Ich habe den Eindruck, dass es schon zu ersten Inklusions-Opfern gekommen ist.“ Die bundesweit höchste Inklusionsquote von 60 Prozent betrachte nur die Zahl der Schüler mit Behinderung in Regelschulen. „Eine Aussage zur Qualität ist damit überhaupt nicht getroffen. Wir müssen krass feststellen, dass die Umsetzung der Idee nicht den Bedürfnissen der Menschen entspricht.“

Statt flächendeckend auf Inklusion zu setzen, spricht sich der Landesbeauftragte für Schwerpunktschulen aus, etwa in Kreisstädten oder größeren zentralen Orten. Damit meint Hase zwar reguläre Schulen, an denen dann aber eine größere Zahl von Kindern mit besonderem Förderbedarf zusammengefasst würden. Das schaffe dann auch Kontakt zwischen Behinderten und Nichtbehinderten – zugleich könnten sich aber auch Behinderte untereinander austauschen und sich bei Konflikten in Pausen gegenseitig unterstützen.

Gehen Behinderte nur äußerst vereinzelt auf reguläre Schulen, hat das nach Hases Erfahrung eine psychologische Kehrseite: „Dann haben sie permanent das Erlebnis, dass sie anders sind“, erklärt der Sprecher des Beauftragten, Dirk Mitzloff. Zudem könnten sich fest angesiedelte Sonderschulpädagogen intensiver um Förderkinder kümmern. Heute reisen sie meist zwischen Schulen herum, begleiten die meisten ihrer Schützlinge nur zwei bis vier Stunden in der Woche.

„Schwerpunktschulen sind ein Punkt, über den man ernsthaft nachdenken muss“, meint auch Anke Erdmann (Grüne), Vorsitzende des Bildungsausschusses des Landtags. Die Frage der Qualität sei nicht genug betrachtet worden. „Man hätte den Prozess erst zu Ende denken müssen.“ Galt unter Ex-Bildungsminister Ekkehard Klug (FDP) offiziell, dass Inklusion kostenneutral machbar sei, kündigt Erdmann für die Koalitionsfraktionen von SPD, Grünen und SSW einen „Paradigmenwechsel“ an: In der nächsten Landtagssitzung wollen sie die Bildungsministerin beauftragen, im ersten Halbjahr 2014 ein „operatives und finanzielles Konzept“ für eine bessere Inklusion vorzulegen.

Beifall dafür kommt auch von der bildungspolitischen Sprecherin der CDU-Fraktion, Heike Franzen: „Ich möchte, dass die Qualität an erster Stelle steht, nicht die Quote. Deshalb brauchen wir eine ehrliche Bestandsaufnahme über die inklusive Beschulung im Land. Inklusionskindern hilft der Besuch einer Regelschule nur, wenn an dieser Schule die Voraussetzungen stimmen.“

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