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Sana-Klinik gegen UKSH : Klinik-Streit um Schlaganfall-Patienten

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Tod einer Patientin hat in Lübeck die Diskussion um die bestmögliche Schlaganfallversorgung neu entfacht. UKSH-Sprecher Grieve nennt die Entwicklung „russisches Roulette auf Kosten der Patienten“.

shz.de von
erstellt am 28.Aug.2014 | 09:02 Uhr

Lübeck | Ärzte haben befürchtet, dass dieser Tag kommen würde. Der Tag, an dem in Lübeck ein Schlaganfallpatient stirbt und die Frage im Raum steht, ob der Tod bei rechtzeitiger Anwendung der im Universitätsklinikum (UKSH) zur Verfügung stehenden Operationstechniken abwendbar gewesen wäre. Über die Anweisung an den Rettungsdienst, im Zweifelsfall das nächstgelegene Krankenhaus anzufahren, wird in Lübeck derzeit heftig gestritten.

Das Kieler Gesundheitsministerium bestätigte gestern den Todesfall einer Patientin. „Wir haben vor Ort um eine Klärung des Sachverhaltes gebeten“, sagte Sprecher Frank Strutz-Pindor. Am vergangenen Freitag war die Patientin in die private Sana-Klinik eingeliefert worden. Im Verlauf der Behandlung wurde ein Gefäßpfropf in einer Gehirn-Schlagader diagnostiziert. Die Frau wurde daraufhin eilig in das Uni-Klinikum (UKSH) verlegt, wo sie kurze Zeit später starb. Nun steht die Frage im Raum, ob ihr Tod bei rechtzeitiger Anwendung der im UKSH zur Verfügung stehenden Operationstechniken abwendbar gewesen wäre.

Der Sachverhalt ist auch ein Politikum: Seit Monaten herrscht Streit zwischen den beiden großen Kliniken an der Trave. Auslöser ist die Genehmigung einer Neurologie inklusive Stroke-Unit an der Sana-Klinik durch das Gesundheitsministerium in diesem Jahr.

Das UKSH vertritt die Meinung, dass sich die Versorgung von Schlaganfallpatienten durch den Mitbewerber teilweise verschlechtere, denn bei Schlaganfällen gelte: Zeit ist Gehirn. Werde in der Sana-Klinik erkannt, dass etwa ein Blutgerinsel nicht mittels Medikamenten aufgelöst werden könne, sondern operativ entfernt werden müsse, mache das eine Verlegung notwendig, die Zeit koste.

Der Lübecker Rettungsdienst weigerte sich daher zunächst, Patienten in die bis heute nicht zertifizierte Stroke-Unit des privaten Krankenhauses zu bringen. Sein Argument: Nur die Spezialisten am Uniklinikum deckten das volle therapeutische Spektrum ab. Die Hansestadt beendete den Boykott per Dienstanweisung: Der Rettungswagen muss seitdem die nächstgelegene Klinik anfahren. Es sei denn, die Rettungsassistenten bemerkten schon vor Ort, dass es sich um einen schweren Fall handele, der nur in der Uniklinik versorgt werden könne. UKSH-Sprecher Oliver Grieve nennt dieses Vorgehen mit richterlichem Segen „russisches Roulette auf Kosten der Patienten“.

Die Sana-Klinik tritt dieser Einschätzung vehement entgegen. Die Anweisung an den Rettungsdienst, im Zweifelsfall das nächstgelegene Krankenhaus anzufahren, sei nicht mit gesundheitlichen Risiken für die Patienten verbunden. Verstorben sei die Patientin in Folge einer „nicht therapierbaren, starken Embolie“, das ist ein Gefäßpfropf. Dieser wäre auch im UKSH nicht therapierbar gewesen.

Walter Scheuerl, Rechtsanwalt der Sana-Klinik, zufolge ist die Praxis des Rettungsdienstes, grundsätzlich zunächst das nächstgelegene Krankenhaus anzusteuern, mit keinen gesundheitlichen Risiken verbunden. Grundsätzlich gelte, dass wegen der räumlichen Lage der Sana-Klinik der Rettungsdienst die Patienten in der Regel fünf bis zehn Minuten schneller dorthin  als ins UKSH bringen könne. Das liegt Luftlinie 800 Meter entfernt.

Scheuerl: Bei weniger als fünf Prozent der Schlaganfälle ergebe die Diagnose, dass eine Operation im UKSH angezeigt sei – der Weitertransport könne aber innerhalb weniger Minuten erfolgen. „Ein therapeutischer Nachteil ergibt sich also auch in diesen wenigen Einzelfällen durch eine Erst-Einlieferung in das Sana-Klinikum als nächstgelegene Klinik in keinem Fall“, so der Anwalt.

Das Gesundheitsministerium, das maßgeblich für das Zuständigkeitswirrwarr bei Schlaganfallpatienten verantwortlich ist, zieht sich mittlerweile auf eine formale Position zurück: Wer wo eingeliefert werde, sei Sache des Rettungsdienstes.

Tatsächlich haben  auch in anderen Großstädten nicht alle Stroke-Units die neurologische und neuroradiologische Kompetenz für Operationen – auch hier müssen Patienten verlegt werden. Doch in Lübeck, und das ist aus Sicht von Medizinern die Misere, sind die bestehenden Strukturen durch die Schaffung einer neuen Stroke-Unit nachträglich unnötig verändert worden.

Noch im Sommer 2013 hatte auch das Kieler Gesundheitsministerium die Sana-Pläne für eine Umwidmung von 22 internistischen Betten in eine Neurologie samt Stroke-Unit abgelehnt.  Mit  seiner Skepsis war das Ministerium nicht alleine:  Sie wurde von den Kassen, der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein und dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen geteilt.  „Das Ministerium befürchtete damals zudem eine Verschlechterung der internistischen Versorgung in Lübeck“, sagt der FDP-Landtagsabgeordnete Heiner Garg, dem  Akteneinsicht in diesen Fall gewährt wurde.

Doch   dann  die Kehrtwende: das Ministerium genehmigte die neue Sana-Station. Was den Sinneswandel  herbeigeführt hat, ist bis heute nicht geklärt. Aus dem Ministerium heißt es dazu, „dass die Regelung, nach welchen Kriterien der Rettungsdienst die Krankenhäuser ansteuert, vom kommunalen Rettungsdienstträger in eigener Zuständigkeit  erfolgte und auch keiner Genehmigung seitens des Ministeriums bedurfte“.
 

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