354.000 Einwohner von Sturmfluten bedroht : Klimawandel – Schleswig-Holstein rüstet die Deiche auf

Deichbaustelle in Strucklahnungshörn im Nordwesten von Nordstrand: Die modernen Bollwerke gegen den „Blanken Hans“ sind sogenannte Klimadeiche.
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Deichbaustelle in Strucklahnungshörn im Nordwesten von Nordstrand.

Jährliche Millioneninvestitionen in den Küstenschutz sind nötig. Sturmfluten und Nässe erschweren die Baumaßnahmen.

shz.de von
03. Januar 2018, 06:41 Uhr

Kiel | Das ohnehin aufs Sommerhalbjahr begrenzte Zeitfenster für Deichverstärkungen wird zunehmend enger. Darauf hat Umweltminister Robert Habeck (Grüne) am Dienstag in einer Zwischenbilanz zum Küstenschutz hingewiesen. Er nannte als Ursachen frühe Sommersturmfluten und durch Nässe erschwerte Witterungsverhältnisse – beides Phänomene, die das vergangene Jahr geprägt haben. Hinzu kämen Anforderungen des Tourismus, der in der Hochsaison Einschränkungen durch Großbaustellen gering halten will.

Diese Gemengelage „erfordert bei allen Beteiligten ein besonderes Gespür für die Lage“, sagte Habeck. Die exakte Vorplanung von Bauabläufen werde künftig eine noch höhere Bedeutung erlangen. Trotz witterungsbedingter Störungen konnten laut Ministerium alle drei 2017 begonnenen Deichverstärkungen „mit mehr oder weniger geringen zeitlichen Verzögerungen zu einem wintersicheren Abschluss gebracht werden“. Es handelt sich dabei um sieben Kilometer in Dagebüll (Nordfriesland), in der Seestermüher Marsch an der Elbmündung und in Wallnau auf Fehmarn. Alle drei Abschnitte sind derzeit aber nur provisorisch dicht und sollen erst im Sommer 2018 fertig werden.

Ohne konkrete Zeitschiene hat der 2012 aktualisierte Generalplan Küstenschutz zur Vorgabe gemacht, 93 Kilometer Deich zu erhöhen. Davon sind mittlerweile neun Kilometer komplett – etwa in Büsum, auf Nordstrand, in der Hattstedter Marsch nördlich von Husum oder in List auf Sylt. Sie sollen zunächst einem Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 50 Zentimeter genügen. Alle Ausbauten wurden erstmals nach dem so genannten „Klima-Profil“ konzipiert. Das macht die Deiche derart breit, dass künftige Generationen ohne Riesen-Aufwand eine Kappe obendrauf setzen können, falls es der Klimawandel erforderlich macht. Laut Habeck würde das einen Anstieg des Meeresspiegels um einen bis anderthalb Meter abfedern. Allerdings schließt inzwischen das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in einer Warnung an die Bundesregierung einen Anstieg von bis zu 1,70 Meter bis zur nächsten Jahrhundertwende nicht mehr aus. Das Land leitet daraus laut Auskunft von Dienstag vorerst keine Konsequenzen ab. Es beruft sich darauf, dass sich seine Strategie auf die Prognosen des Weltklimarats und damit den anerkannten Wissensstand stützte.

Das Land will künftig wie bisher 19 Millionen Euro pro Jahr in stärkere Deiche investieren. Die nächsten Baugenehmigungen erwartet es 2019 für den Hauke-Haien-Koog bei Bredstedt und den südlichen Abschnitt des Eiderdammes. Angelaufen ist die Planung für den nördlichen Eiderdamm, mehrere Abschnitte an der Nordküste Eiderstedts, für den Westen von Föhr, Pellworm, Friedrichskoog und den Husumer Dockkoog. „Küstenschutz ist eine Langfrist-Strategie, aber nur mit einer ambitionierten Klimaschutzpolitik wird letztlich ein Schuh daraus“, sagte Habeck.

Zeitlicher Sicherheitszuschlag – Der Deichbau verträgt mehr Tempo

Ein Kommentar von Frank Jung

Man kann sich gar nicht oft genug bewusst machen, wie elementar der Küstenschutz für Schleswig-Holstein ist. Es geht dabei  nicht „nur“ um Gefilde unmittelbar an der Waterkant. Weil die Niederungen so ausgedehnt sind, ist gut ein Viertel des Landes mit 354.000 Einwohnern Sturmfluten ausgesetzt. Zwar ist keinerlei Panik angebracht. Denn die derzeitigen Vorkehrungen reichen nach heutigem Ermessen noch aus, um mit dem Meeresspiegel Schritt zu halten. Allerdings: Das bisherige Tempo ist auch absolutes Minimum. 

Legt man die aktuelle Geschwindigkeit der Deichverstärkungen zugrunde, dürfte immerhin das Jahr 2034 angebrochen sein, bis alle heute als notwendig erachteten Projekte auf 93 Kilometern abgeschlossen sind. Da bleibt nicht mehr allzu viel Puffer bis 2050, was Fachleute bei einer ohnehin groben Prognose als äußerste Deadline setzen. Wenn mal bis dahin die Klimaforschung nicht doch eine höhere Dringlichkeit errechnet. Jüngste Meldungen zur Eisschmelze klingen nicht gut. Ein gewisser zeitlicher Sicherheitszuschlag nach vorn beim Deichbau wäre daher verantwortungsvoll, zumal sich ohnehin die sommerlichen Zeitfenster zum Arbeiten verengen. Zugleich sollte uns die Ausgesetztheit gegenüber dem Meer Ermahnung sein, dass mehr Klimaschutz kein Wünsch-Dir-Was von Gutmenschen ist, sondern knallharte Zukunftssicherung gerade auch für unser Land.

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