Kieler Kabinetts-Beschluss : Klimawandel: Sand-Massen sollen Wattenmeer retten

Das Wattenmeer wird laut Umweltminister Habeck ertrinken. Die Strategie Wattenmeer 2100 soll das verhindern.

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30. Juni 2015, 16:54 Uhr

Kiel | Der Klimawandel bedroht massiv einen einzigartigen Lebensraum an der schleswig-holsteinischen Küste. „Das Wattenmeer wird ertrinken“, ist das düstere Szenario, das Umweltminister Robert Habeck (Grüne) am Dienstag beschrieb. Um dem Anstieg des Meeresspiegels entgegenzuwirken, hat das Kabinett eine langfristige Strategie Wattenmeer 2100 beschlossen. „Das ist ein ganz weiter Blick über den Tellerrand“, sagte Habeck. Der Plan sieht für die Zukunft massive Sandaufspülungen vor, wie sie zum Schutz der Insel Sylt schon vorgenommen werden. So soll das Wattenmeer mit dem Meeresspiegel wachsen.

Das Wattenmeer ist weitgehend in seinem ursprünglichen Zustand erhalten, es ist das vogelreichste Gebiet Europas und Deutschlands bedeutendster Naturraum. 2009 erklärten es die Vereinten Nationen zum Weltnaturerbe der Menschheit. Neben Schleswig-Holstein haben auch Hamburg und Niedersachsen ihre Wattenmeeranteile als Nationalparks und Biosphärenreservate ausgewiesen. Die Wattenmeerstrategie 2100 wurde laut Habeck in einem zweijährigen Projekt von Experten aus der Küstenschutz- und Nationalparkverwaltung des Landes unter Beteiligung nichtstaatlicher Organisationen erstellt. Zu letzteren gehörten die Insel- und Halligkonferenz, die Schutzstation Wattenmeer und der WWF.

Auf Sylt werden etwa eine Million Kubikmeter Sand jährlich aufgespült, was gut sechs Millionen Euro kostet. Künftig sollen es vier Millionen Kubikmeter werden, sagte der Leiter des Landesbetriebs für Küstenschutz und Nationalpark, Johannes Oelerich. Wann dies im großen Stil starten soll, ist offen. Ohne das geplante Gegensteuern würde das Wattenmeer den Charakter einer flachen Meeresbucht bekommen, sagte Oelerich.

„Steigt der Meeresspiegel, tauchen im schlimmsten Fall Wattflächen und Salzwiesen unter dem Wasser ab und verschwinden“, erläuterte Habeck. „Sie ertrinken förmlich.“ Dies hätte enorme Auswirkungen auf die einmalige Tier- und Pflanzenwelt sowie auf den Küstenschutz. „Schließlich wird im Wattenmeer mit seinen Inseln und Halligen die Energie der Sturmfluten so gebrochen, dass die Menschen an der Küste besser geschützt sind.“ Bei den Kosten für Sandaufspülungen müsse man Naturverlust, Anstrengungen im Küstenschutz und den drohenden Verlust der Lebensmöglichkeiten auf den Halligen dagegenrechnen, sagte Habeck. In den Küstenschutz fließen jährlich 60 bis 70 Millionen Euro.

Es müsse in die Natur eingegriffen werden, um sie zu schützen, sagte Habeck. „Das ist eine Anpassungsstrategie an den Klimawandel.“ Der sehr sensible Prozess werde gemeinsam mit dem Natur- und Küstenschutz gestaltet. Ziel sei es, das Wattenmeer mit seinen Funktionen und möglichst in seiner Größe langfristig zu erhalten.

„Das Wattenmeer ist ein einzigartiger Naturraum, es ist Welterbe und Nationalpark, und es ist unwiederbringlich für den Schutz der Westküste Schleswig-Holsteins“, sagte der Minister. Für etwa 150.000 Menschen biete das Wattenmeer einmalige Lebensbedingungen, für viele auch die Lebensgrundlage. „Der Klimawandel wird diese Lebenswelt aber grundlegend verändern, wenn wir dem nicht entgegenwirken.“ Am wichtigsten sei endlich ein wirksamer globaler Klimaschutz. Aber zusätzlich seien in der Region spätestens in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts Klimaanpassungsmaßnahmen erforderlich.

Wenn der Meeresspiegel stärker steige, brauche das Wattenmeer mehr Sediment zum Mitwachsen. Daher setze die Strategie besonders auf ein Management, das entstehende Sedimentdefizite ausgleicht. Der Sand dafür soll aus einem Gebiet kommen, das einige Kilometer vor der Küste liegt. Habeck kann sich auch vorstellen, Sand zu verwenden, der künftig zur geplanten Vertiefung des Nord-Ostsee-Kanals ausgebaggert wird und sonst in die Ostsee gekippt würde. Elbschlick aus Hamburg komme nicht infrage, weil er belastet sei, betonte Habeck.

Erste Schritte zur Umsetzung der Strategie würden bereits umgesetzt, sagte der Minister. Dazu gehöre die Erkundung eines Sedimententnahmegebiets in der Nordsee vor Eiderstedt außerhalb des Wattenmeeres. „Bei allen Sedimenten, die wir nutzen wollen, wird es sich um eiszeitliche Sandablagerungen am Meeresgrund oder Untergrund handeln, die natürlich schadstofffrei sein werden“, sagte Landesbetriebsleiter Oelerich. Beantragt ist auch ein Interreg-Projekt, das untersuchen soll, in welchem Umfang sich die Sandvorspülungen vor Sylt nachhaltig und positiv auf das Watt auswirken.

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