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Wegen Vogelschutz : Kitesurfen verbieten? Sportler organisieren Widerstand

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Schleswig-Holstein will die Trendsportart einschränken – ohne dass ein Gutachten die angebliche Störung von Vögeln belegt.

shz.de von
erstellt am 18.Dez.2015 | 10:05 Uhr

Kiel | Der Widerstand gegen Pläne des Landes, das Kitesurfen auf Nord– und Ostsee mit Verweis auf den Vogelschutz einzuschränken, wächst. Nach einem Votum der Delegierten des Deutschen Seglertags dagegen und einer Online-Petition von Kitern mit bisher 20.000 Unterschriften wollen Wassersportler ihrem Protest nun mit einem bundesweiten Verein für die Trendsportart Gehör verschaffen. „Love it like a local e.V. (LLAL)“ soll die Organisation mit Sitz in Flensburg heißen.

Kitesurfen zieht eine besondere Zielgruppe an Touristen nach Schleswig-Holstein. Wenn die Trendsportart eingeschränkt wird, bestünde das Risiko, dass die Sportler sich andere Ziele suchen. Die Vielfalt der Schleswig-Holstein-Besucher würde abnehmen.

Naturschützer fürchten, dass sich Tiere durch die großen Segel der Kitesurfer bedroht fühlen. Die Nationalparkverwaltungen Wattenmeer hat das Bundesverkehrsministerium aufgefordert, das Kitesurfen in Nationalparks der Nordsee zu verbieten. Das würde Kitesurfer stark einschränken.

Der Entschluss für die Online-Petition fiel nach einem Krisen-Treffen mit 60 Kitern aus mehreren Bundesländern in Kiel. „Kitesurfen ist eine Individualsportart und deshalb bisher kaum organisiert“, sagt Initiator Lars Schwauna aus Mielkendorf (Kreis Plön). Verantwortungsbereitschaft für die Kite-Spots und ihre Natur soll der Vereinsname ausdrücken – und zugleich verdeutlichen, dass die Mitglieder behördliche Verbote für überflüssig halten. „Die Nordsee vor Schleswig-Holstein ist eines der weltweit besten Reviere“, betont Mario Rodwald aus Rendsburg, mehrfacher Europameister im Freestyle. „Einschränkungen gerade dort wären fatal.“ Für den besten Kiter aus dem Norden passt der restriktive Kurs des Landes „überhaupt nicht dazu, dass Kitesurfen ab 2017 olympische Disziplin werden soll“. Als weiteres Gegenargument nennt die Gruppe um Schwauna: Je mehr sich Kiter in ausgesuchten Zonen ballen, desto leichter das Unfall-Risiko.

Obwohl die Maschinerie für Kite-Verbote bereits auf Hochtouren läuft, ist noch nichts entschieden. Ein solcher Einschnitt hängt am Ende vom CSU-geführten Bundesverkehrsministerium ab. Es müsste dazu die Befahrensverordnung für bestimmte Gewässer ändern. Für neun Naturschutzgebiete an der Ostsee hat das grün gesteuerte Kieler Umweltministerium dies beim Berliner Verkehrs-Ressort beantragt. Ziel sei, in den Arealen zwischen Holnis/Flensburger Förde und Fehmarn „mehr Ruhe in die Natur zu bringen“. Außerdem geht es um die Geltinger Birk, die Schleimündung, den Schwansener See, Bottsand/Heidkate, den Sehlendorfer Binnensee und Graswarder/Heiligenhafen.

Was plant Schleswig-Holstein?

Für den Nationalpark Wattenmeer und damit für die gesamte Westküste möchte Kiel beim Bund ein grundsätzliches Verbot für das Drachen-Surfen erwirken – verbunden mit Ausnahmen für einige ökologisch weniger sensible Zonen. Eigentlich wollte das Nationalparkamt bis Ende des Jahres in lokalen Abstimmungsrunden sämtliche Ausnahme-Zonen abstecken. Bisher hat es Ergebnisse indes erst für Sylt und St. Peter-Ording verkündet.

Für weitere 15 Lagen strebt sie Kompromisse an, darunter Husum, Amrum, Föhr, Nordstrand, Pellworm, Dagebüll, Büsum und die Meldorfer Bucht. Auf Sylt soll die Westküste den Kitern weiter offenstehen; die Wattseite nur noch vor List und Hörnum. In St.Peter-Ording, Westküsten-Hochburg des Kitens, fällt laut Nationalparkamt de facto „lediglich eine kleine Lagune“ aus den Kite-Zonen heraus. Nach den Worten von Tobias Jürgens, Vorsitzender des örtlichen Vereins Boardsport, würde damit „aber mal eben der sicherste Surf-Spot weit und breit geopfert“. Fast überall herrscht dort Stehtiefe, dank einer Landzunge besteht allenfalls nach Süden eine Gefahr abzutreiben.

Sportler sehen sich „kriminalisiert“

Für Kritik der Kiter sorgt die Darstellung des Nationalparkamts, ihre Szene sei in die Abstimmung einbezogen worden. Die meisten, die an der Westküste kiten, wohnen nicht vor Ort und seien schon allein deshalb durchs Rost gefallen, moniert Lars Schwauna. Und wer von dort kommt wie Tobias Jürgens, hat „keine Begegnung auf Augenhöhe erlebt“. Bei einer Informationsveranstaltung habe er die abweichende Meinung von Boardsport „lediglich zu Protokoll geben“ können. Jürgens sieht durch ein grundsätzliches Verbot „einen naturnahen Sport kriminalisiert“. Er findet wie die Initiatoren von LLAL den Vorwurf „weit hergeholt“, Kiter scheuchten Vögel auf. „Im Gegenteil – wir erleben immer wieder, dass die neben uns sitzen bleiben.“

Selbst der Sprecher des Nationalparkamts, Hendrik Brunckhorst, bestätigt, „dass viele Kiter diese Erfahrung machen“. „Oftmals verhalten sich die Tiere aber anders“, hält er dagegen. Auch komme es vor, dass Vögel frühzeitig flüchteten oder Gebiete von vornherein mieden, in denen sie sich gestört fühlen. Als Anlass für den restriktiven Kurs nennt der Sprecher Berichte von Naturschutzverbänden und Beobachtungen von Nationalpark-Rangern. Sie belegten Störungen der Vögel. Brunckhorst räumt jedoch ein: „In Schleswig-Holstein wurden keine Gutachten zur Störwirkung von Kitern gemacht.“ Gutachten aus Niedersachsen zu einzelnen Gewässern machten „kaum generelle Aussagen“.

Aus Sicht der Kiter lässt dies gerade ein generelles Verbot fragwürdig erscheinen. Viele fragen sich wie Tobias Jürgens: „Warum Kiten nicht weiter grundsätzlich erlauben – und allenfalls an besonders sensiblen Stellen verbieten?“ Im Umweltministerium nennt man als einziges Argument für das umgekehrte Vorgehen die rechtliche Systematik. Der Nationalpark sei als ein zusammenhängendes Schutzgebiet definiert. Da sei es logischer, eine bestimmte Nutzung allgemein auszuschließen und nur ausnahmsweise zuzulassen.

Ministeriumssprecherin Nicola Kabel betont aber: Das Umwelt-Ressort warte das Ergebnis des Prozesses an der Westküste zunächst ab und werde „erst am Ende des Tages in einer Gesamtschau über das weitere Vorgehen entscheiden“

Die Zahl der Kitesurfer in Deutschland wird vom Industrieverband Global Kitesports Association auf 30.000 bis 35.000 geschätzt. Die Zahl beruht auf dem Absatz von Kite-Ausrüstung auf dem deutschen Markt sowie dem Handelsvolumen von Wiederverkaufsbörsen.

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