Zu wenig Fachpersonal : Kitas in SH: Ausbau top, Qualität Flop

Viele Eltern vereinbaren für die Betreuung ihres Nachwuchses spezielle Stundensätze mit den Tagesmüttern.
In Hamburg ist eine Fachkraft für durchschnittlich 7,6 Kleinkinder verantwortlich. Von Erziehungswissenschaftlern empfohlen ist eine Relation von drei U3-Kindern pro Fachkraft.

Eltern und Kindergarten-Träger prangern eklatante Personalmängel bei der Betreuung Unter-Dreijähriger an.

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07. Juli 2014, 12:02 Uhr

Hamburg | Zumindest auf dem Papier hat Schleswig-Holstein seine Hausaufgaben gemacht: Mit einem finanziellen Kraftakt haben Bund und Land für eine ausreichende Zahl von Krippenplätzen gesorgt, nachdem im letzten Sommer der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Ein- und Zweijährige wirksam wurde. Doch die Qualität der Betreuung hinkt den Zahlen deutlich hinterher, wie Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften und die Landeselternvertretung im Land kritisieren. „Die Rahmenbedingungen in Schleswig-Holstein sind dringend reformbedürftig“, mahnt Markus Potten, Geschäftsführer des Verbands Evangelischer Kindertageseinrichtungen in Schleswig-Holstein (VEK).

Die eklatanten Mängel beim Krippenausbau zeigt exemplarisch eine neue Studie der Hamburger Wohlfahrtsverbände, die den Personalschlüssel in Kitas untersucht hat. Im Unterschied zu den meisten anderen Erhebungen wurde hier die tatsächliche Betreuungssituation im Alltag zu Grunde gelegt, nicht die theoretische laut Stellenplan. Das erschreckende Ergebnis: Eine Fachkraft ist für durchschnittlich 7,6 Kleinkinder verantwortlich. Von Erziehungswissenschaftlern empfohlen ist eine Relation von drei U3-Kindern pro Fachkraft.

Die Kita-Träger sind sich einig, dass sich die Situation in Hamburg kaum von der in Schleswig-Holstein unterscheidet. „Es wurde darauf geachtet, möglichst viele Gruppen zu produzieren – dabei ist die Qualität hinten runtergefallen“, sagt Michael Selck, Landesgeschäftsführer der AWO. Der Personalschlüssel ist in Schleswig-Holstein durch die Kita-Verordnung vorgegeben. Für zehn U3-Kinder sollen demnach zwei Vollzeit-Erzieher tätig sein. Das heißt: Eine Fachkraft kümmert sich um fünf Knirpse. Doch Urlaub, Verwaltung und sonstige Tätigkeiten lassen die Quote in der Realität meist schlechter aussehen. „Der Bildungsauftrag, den wir erfüllen sollen, sowie die weiteren Aufgaben wurden immer größer, gleichzeitig hat sich der Personalschlüssel kaum verändert“, bemängelt Selck.

Was die Hamburger Studie auch zeigt: Viele Einrichtungen behelfen sich mit Praktikanten und FSJlern (Freiwilliges Soziales Jahr) – also nicht qualifiziertem Personal. Das ist laut Kita-Trägern in Schleswig-Holstein nicht anders. Darunter leide die Betreuungsqualität, die offiziellen Zahlen schönt es aber, kritisiert Selck. Es gehe schließlich um gut ausgebildete Kollegen, die kontinuierlich mit den Kindern arbeiten. Praktikanten seien zwar hilfreich, würden aber das eigentliche Problem nicht lösen. „Wir brauchen mehr Fachpersonal – alles andere kann nur ein Zusatz sein.“

Im Kleinkindalter werden die Weichen für den Bildungsweg gestellt, weshalb gerade hier der Fachkräftebedarf besonders hoch, jedoch aktuell im Norden nicht zu erfüllen ist. Der Erzieher-Nachwuchs fehlt, der Anteil von pädagogischem Kita-Personal in der Ausbildung lag laut einer Bertelsmann-Studie von 2012 bei lediglich 0,7 Prozent. Damit gehört Schlewig-Holstein zu den Schlusslichtern in der Republik. VEK-Chef Markus Potten sieht in der Situation einen Teufelskreis. „Die schlechten Arbeitsbedingungen in den Kitas schrecken den Nachwuchs ab. Dadurch sinkt die Qualität weiter.“ Angesichts des demografischen Wandels bringt er auch den Gedanken an einen langsamen Rückbau von Einrichtungen ins Spiel. „Wir werden nun mal langfristig weniger Kinder zu betreuen haben.“

Aktuell würde schon eine halbe Erzieher-Stelle zusätzlich pro Gruppe deutliche Besserung schaffen, meint Michael Selck. Der Kostenpunkt im dreistelligen Millionenbereich stimmt ihn allerdings pessimistisch, was eine Umsetzung durch das Land angeht. Doch die Akteure nehmen den Kampf auf: Wohlfahrtsverbände, Landeselternvertretung und Gewerkschaften haben ein Kita-Aktionsbündnis geschlossen. Gemeinsam wollen sie der Landesregierung im Herbst ein Forderungspapier vorlegen.

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