Schwere Vorwürfe : Kinderheime in Dithmarschen: „Sie mussten sich nackt ausziehen“

Kinderschutz hat noch immer sehr viele Lücken
Die Kinder in den Heimen sollen nicht nur angeschrien worden sein.

Drei Einrichtungen der Jugendhilfe geraten ins Visier der Behörden. Das Personal soll die Mädchen entwürdigt haben.

Margret Kiosz von
29. Mai 2015, 17:39 Uhr

Kiel/Hamburg | Offenbar bahnt sich ein neuer Skandal um die Unterbringung von Problemkindern in Heimen an. Nachdem in den vergangenen Monaten Berichte über Skandalheime in Brandenburg bundesweit die Schlagzeilen beherrschten, geraten jetzt drei Einrichtungen der Jugendhilfe in Dithmarschen ins Visier der Behörden. Publik macht den Fall die Fraktion der Linken in der Hamburger Bürgerschaft. In den in Rede stehenden drei „Friesenhof-Heimen“ in Wesselburenerkoog, Wrohm und Hedwigenkoog, sind in den vergangenen sieben Jahren rund 80 Mädchen und junge Frauen aus Hamburg untergebracht worden.

Wie die Linke aus einem Schreiben des Landesjugendamts Schleswig-Holstein (LJA) zitiert, mussten sich die Betroffenen bis in die jüngste Zeit hinein „vor dem fast ausschließlich männlichen Personal nackt ausziehen, ihre persönliche Bekleidung abgeben, wurden teilweise gegen ihren Willen fotografiert oder gefilmt“. 

Fenstergriffe seien abmontiert und Kollektivstrafen verhängt, Briefe geöffnet und zurückgehalten sowie ungestörte Telefonate mit Erziehungsberechtigten verweigert worden. Diese Informationen stammen von ehemaligen Mitarbeitern, die sich beim Jugendamt darüber beschwert hatten, dass Erziehungsmethoden angewendet werden, „die geeignet sind, das Kindeswohl zu gefährden.“

Das Kieler Sozialministerium bestätigte am Freitag zumindest teilweise den Vorgang. Das dem Ministerium untergeordnete Jugendamt habe als Heimaufsicht die drei Einrichtungen unangemeldet unter die Lupe genommen und Auflagen gemacht, weil es Mängel und Beanstandungen gab. Anschließend hielt man sich an den offiziellen Dienstweg und informierte die zuständigen Behörden – auch in Hamburg – die die Jugendlichen in die Einrichtungen geschickt haben.    

Laut Angaben der Linken, denen das Schreiben des Jugendamtes vorliegt, gab es reichlich Schikanen, entwürdigende Maßnahmen und schwerwiegende, das Kindswohl gefährdende Eingriffe in das Recht der Schutzbefohlenen. Unter anderem soll in dem Schreiben die Rede sein von „Aussitzen, Anschreien, Beschimpfungen, Wecken zur Nachtzeit (…), Essensentzug, Zwang zur Essensaufnahme, Zwang zum Tragen bestimmter Kleidung, Zwang zum Entkleiden, Sprechverbot, Strafsport, Sport zur Nachtzeit etc.“

Offensichtlich war den Heimkindern jeweils eine sogenannte Patin aus den eigenen Reihen zugeteilt worden, die diese nicht nur auf Schritt und Tritt etwa zum Duschen oder zur Toilette begleitete, sondern bei Regelverstößen durch die Betreute auch mitbestraft wurde. 

Für Unverständnis sorgt bei den Linken, dass die Hamburger Sozialbehörde keinen Grund zum Handeln sieht und die Auflagen des LJA Schleswig-Holstein als „ausreichend“ wertet, „um den Kinderschutz zu gewährleisten“.

Der Hamburger Senat widersprach den Linken in einer Antwort auf eine Schriftliche Kleine Anfrage: Vom Landesjugendamt Schleswig-Holstein erteilte Auflagen gegenüber der Einrichtung basierten auf den Aussagen der Mädchen, mit denen bei unangemeldeten Überprüfungen gesprochen worden war. Es gebe außer diesen Aussagen keine Anhaltspunkte, anhand derer bewertet werden könne, ob sich die Dinge so zugetragen haben. Das Landesjugendamt Schleswig-Holstein habe die Ende Januar 2015 bei der unangemeldeten Prüfung vorgefundene Situation nicht als Kindeswohlgefährdung beurteilt und habe keine Veranlassung zum Entzug der Betriebserlaubnis gesehen, was zur Schließung des Heims geführt hätte.

In Kiel ist man sich der Brisanz des Falles offensichtlich bewusst. „Wenn es um das Kindeswohl geht, darf es keine zwei Meinungen geben: Der Schutz von Jugendlichen steht an erster Stelle. Ich erwarte, dass bei festgestellten Mängeln alle Beteiligten rasch und im Sinne der Jugendlichen handeln. Das Landesjugendamt führt weiterhin unangemeldete Kontrollen durch“, sagte Sozialministerin Kristin Ahlheit (SPD) unserer Zeitung.

Diskussionen über die Unterbringung und Behandlung schwieriger Kids und Jugendlicher gibt es bundesweit. Deren „Karrieren“ beginnen meist schon in frühen Jahren. Sie fallen zum Teil als gewalttätig und kriminell auf. Im Alter zwischen 12 und 17 Jahren landen sie dann durch die Anordnung eines Familiengerichts im Jugendheim. Je nach Einzelfall liegt die Betreuung bei drei bis zwölf Monaten. Abgerechnet werden Tagessätze von mehreren hundert Euro.
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