Eröffnung und Umbau : Kieler Landeshaus feiert zwei Jubiläen

Das Haus, das den Kieler Landtag beheimatet, wurde vor 125 Jahren errichtet und vor 10 Jahren umgebaut.
Das Haus, das den Kieler Landtag beheimatet, wurde vor 125 Jahren errichtet und vor 10 Jahren umgebaut.

Das Landeshaus hat eine wechselvolle Geschichte. Der heutige Parlamentssitz stammt noch aus der Kaiserzeit. Einst ging es in dem wuchtigen Backsteinbau eher zackig und uniformiert zu, inzwischen aber sehr zivil und demokratisch. Aber auch nach dem Umbau gab es kleine Skandale.

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26. November 2013, 15:54 Uhr

Kiel | Strahlende Sieger und demoralisierte Verlierer, brillante Reden und Gestammel am Pult, hohe Gäste und Kantinenesser von nebenan – das Kieler Landeshaus ist ein steinerner Zeitzeuge der besonderen Art. Seit 1950 beherbergt das Haus an der Förde den Landtag; am Dienstag steht es mit einer Festveranstaltung am Abend im Zeichen von gleich zwei Jubiläen. Vor 125 Jahren, 1888, wurde es eröffnet und vor 10 Jahren umgebaut. Seit 2003 debattieren die Abgeordneten in einem neuen gläsernen Plenarsaal, der einen prächtigen Blick zur Förde freigibt und Transparenz symbolisiert. An die Piraten, die den Begriff zum politischen Programm gemacht haben, war damals noch nicht zu denken.

In diesem Saal, dessen Bau acht Millionen Euro kostete, durchlitt Heide Simonis ihren Schicksalstag: Am 17. März 2005 fiel die damalige Ministerpräsidentin beim Wiederwahl-Versuch durch, weil ihr jemand aus den eigenen Reihen in vier demütigenden Durchgängen die Stimme verwehrte. Die Fernsehbilder mit der erschütterten Sozialdemokratin machten damals den Kieler Plenarsaal bundesweit bekannt.

Später wurden hier nicht nur Peter Harry Carstensen (CDU) und Torsten Albig (SPD) zu Ministerpräsidenten gewählt – hier lobte auch Bundespräsident Joachim Gauck die Minderheitenpolitik des Landes und musizierte der große Schauspieler Armin Mueller-Stahl. Jugendliche und Senioren halten hier ihr eigenes Parlament ab.

Jahrzehntelang lag die politische Bühne in dem Haus mit sehr wechselvoller Geschichte eine Etage höher. Im alten Plenarsaal lieferten sich die CDU-Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg und Uwe Barschel Rededuelle mit ihren SPD-Rivalen Jochen Steffen und Björn Engholm. Auch der spätere Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zog hier seine rhetorischen Register. In dem Saal arbeiteten die Abgeordneten leidenschaftlich den Barschel/Pfeiffer-Skandal von 1987 und die Schubladenaffäre von 1993 auf. Hier mussten die Demokraten aber auch von 1992 bis 1996 vier Jahre lang Rechtsextremisten ertragen, bevor die Grünen 1996 ihre Landtagspremiere feierten. 1993 wurde Simonis hier zur ersten Ministerpräsidentin in Deutschland gewählt.

Jahrzehntelang hatten auch die Regierungschefs ihren Sitz in dem Landtagsgebäude, das auf 2000 Eichenpfählen errichtet wurde. Erst 2006 zog der damalige Regierungschef Carstensen um in das Gebäude des ehemaligen Landwirtschaftsministeriums. Das Landeshaus wurde zum reinen Parlamentssitz. An diese Funktion war im Baujahr 1888 noch nicht zu denken. Es war übrigens das „Dreikaiserjahr“: Damals hatte das Deutsche Reich binnen kurzem drei Kaiser nacheinander. Zuerst diente das für umgerechnet 34 Millionen Euro gebaute Haus an der Förde als Sitz der kaiserlichen Marineakademie, nach dem Ersten Weltkrieg zog der kommandierende Admiral der Marinestation der Ostsee ein.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude schwer zerstört; nach dem Wiederaufbau kam 1950 der Landtag. Am ersten Sitzungstag gab es zur Feier des Tages Filetsteak mit Champignons. Bis dahin hatte das Parlament seit 1946 an verschiedenen Orten getagt, darunter die Milchforschungsanstalt in Kiel und ein Hotel in Eckernförde.

Im Landeshaus wird seit vielen Jahren nicht nur Politik gemacht. Hier stellen ständig Künstler ihre Werke aus, und zum Essen kommen auch Hungrige aus der Nachbarschaft in die Kantine. Lange kochte dort mit Helmut Zipner ein Weltrekordler im Spargelschälen. Mit dem Umbau ab 2001 wurde der wuchtige Backsteinbau im Kieler Regierungsviertel zwar moderner, aber eine „Reliquie“ überstand alle Erneuerungen: Der gute alte Paternoster befördert die Politiker wie eh und je auf- und abwärts. Er steht seit 1995 unter Denkmalschutz.

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