Neue Bundessicherheits-Verordnung : Kieler Landeshaus: Ärger über Paternoster-Führerschein

Im Kieler Landeshaus fährt einer von noch drei Paternostern in Schleswig-Holstein – künftig darf er nur noch nach einer Sicherheitseinweisung benutzt werden.
Foto:
Im Kieler Landeshaus fährt einer von noch drei Paternostern in Schleswig-Holstein – künftig darf er nur noch nach einer Sicherheitseinweisung benutzt werden.

Künftig dürfen nur noch speziell eingewiesene Fahrgäste die Aufzüge benutzen – das sorgt im selbst betroffenen Kieler Landeshaus für Unmut.

shz.de von
29. Mai 2015, 15:36 Uhr

Kiel | Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat der Republik nicht nur den Mindestlohn und die Rente mit 67 beschert, sondern jetzt auch eine hitzige Diskussion über die Sicherheit in sogenannten Personenumlaufaufzügen – im Volksmund auch Paternoster genannt. Bereits in der kommenden Woche tritt die in ihrem Haus formulierte neue Bundessicherheitsverordnung in Kraft, die vorsieht, dass Paternoster künftig nur noch von eigens eingewiesenen Fahrgästen benutzt werden dürfen.

Anders als in Hamburg, wo noch gut 70 dieser im vorvorletzen Jahrhundert erfundenen Förderkabinen in Betrieb sind, gibt es in Schleswig-Holstein zwar nur noch drei dieser Aufzug-Dinos und zwar im Kieler Rathaus, im Landtag und im Bildungsministerium. Trotzdem regt sich auch hier Unmut. Die Opposition im Kieler Landtag hat sich des Themas angenommen und zeigt Mitleid mit allen, die keinen „Fahrstuhlführerschein“ besitzen und deshalb künftig Treppe steigen müssen.

„Nahles Bürokratiewahn nimmt immer absurdere Züge an“, kritisierte der Liberale Christopher Vogt am Donnerstag in Kiel. Ihm sei jedenfalls kein Beleg dafür bekannt, „dass diese Technik gefährlicher wäre als zum Beispiel das Benutzen einer Treppe“. Offenbar habe das Land keine anderen ernsthaften Probleme als dem Paternoster das Licht auszublasen. „Statt Deutschland für die Zukunft fit zu machen, verliert sich die Arbeitsministerin im Klein-Klein“, pflichtete ihm FDP-Chef Christian Lindner aus der Bundeshauptstadt bei.

Da sich inzwischen bundesweit Widerstand gegen das Aus für die Nostalgie-Fahrstühle regt, ist es gut möglich, dass deren letztes Stündchen auch dieses mal noch nicht geschlagen hat. Schon 1972 wurde in Paragraf 26 der Aufzugsverordnung festgelegt, dass neue Personenumlaufaufzüge nicht mehr gebaut werden dürfen und bestehende bis Ende 1994 stillzulegen seinen.

Betroffen waren schon damals vorwiegend Behördenmitarbeiter, weil der Paternoster, der so heißt, weil sich die Kabinen durch zwei versetzte Ketten im ständigen Umlaufbetrieb befinden und er so an Perlen eines Rosenkranzes erinnert (Pater noster = Vater unser), vorwiegend in Verwaltungsgebäuden installiert worden ist. Es gründete sich damals sogar ein „Verein zur Rettung der letzten Personenumlaufaufzüge”.

Im Oktober 1994 verlängerte die Regierung die Frist für die 500 Paternoster in Deutschland um zehn Jahre bis Ende 2004. Als der Tag des Verbots näher rückte, hob der Bundesrat mit der Stimme Schleswig-Holsteins die geplante Änderung auf – die bestehenden Exemplare durften in Betrieb bleiben. Sicherheitsfreaks konnten sich nicht durchsetzen: Die Aufzüge rumpeln meist nur mit einer Geschwindigkeit von 25 bis höchstens 45 Zentimetern pro Sekunde vor sich hin.

Im Kieler Rathaus prangt schon seit zwei Jahren ein dickes rotes „Betreten verboten“-Schild vor dem Aufzug, darunter ein Aufkleber, der nicht zu überlesen ist: „Ausgenommen Beschäftigte Landeshauptstadt Kiel“. Auch im Landeshaus, wo im Paternoster rauf- und runterfahrende Politgrößen immer wieder begehrte Fotomotive sind, will man den Kopf noch nicht in den Sand stecken. Die Pförtnerei habe den Paternoster im Blick, „und Schulklassen und Gruppen ist die Benutzung ohnehin schon länger verboten“, betonte Landtagssprecher Tobias Rischer. Die Mitarbeiter der Fraktionen seien geübte Paternoster-Fahrer, wüssten, dass man Leitern und Kinderwagen darin nicht transportieren darf und gelten damit als „geschult“.

Doch die FDP traut dem Frieden nicht: „Ich fordere die Landesregierung und insbesondere den stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden Ralf Stegner auf, diesen Unsinn aus dem Hause Nahles zu verhindern“, fordert Vogt deshalb ultimativ. Gut möglich, dass sich der rote Rambo Stegner nach einem Blick in die Fahrstuhlgeschichte tatsächlich zu einer Intervention in Berlin hinreißen lässt. Denn der Paternoster galt zu seiner Blütezeit als „Proletenbagger“ für subalterne Bedienstete, während die Bürgerlichen im geschlossenen Aufzug, dem „Bonzenheber“, fuhren.

Die FDP-Landtagsfraktion wird deshalb in der kommenden Woche eine parlamentarische Initiative zum Erhalt des Paternosters einbringen. Der Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion, Wolfgang Kubicki, wird ebenfalls konkret: „Diese Verordnung des Bundesarbeitsministeriums, die das Fahren mit historischen Aufzügen ab Montag nur noch geschultem Personal gestattet, geht an der Wirklichkeit der Menschen völlig vorbei – die Regelungen sind unsinnig.  Ich gehe davon aus, dass sich alle Abgeordneten des schleswig-holsteinischen Landtags dieser Initiative anschließen – einschließlich des SPD-Fraktionsvorsitzenden und Stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Sozialdemokraten, Dr. Ralf Stegner.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen