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UN-Klimavertrag : Kieler Klimaforscher: Zu viel Spielraum, zu wenig Konkretes

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kieler Wissenschaftler kritisiert den weltweit als „historisch“ gelobten Vertrag von Paris. sh:z-Wirtschaftsredakteur Till H. Lorenz findet: Der Klima-Pakt macht Hoffnung.

shz.de von
erstellt am 13.Dez.2015 | 18:52 Uhr

Kiel | Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif äußerte nach Abschluss der UN-Konferenz Kritik am Pariser Klimavertrag. Die Länder hätten sich lediglich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt, sagte der Wissenschaftler. Das Abkommen enthalte zu viel Spielraum und wenig Konkretes. Mit diesen Zielen sei die vereinbarte Begrenzung der Erderwärmung nicht zu schaffen.

Der Klimavertrag muss noch auf nationaler Ebene bestätigt werden. Gültig wird er, wenn ihn mindestens 55 Prozent der Staaten, die zusammen mindestens 55 Prozent der Treibhausgase ausstoßen, akzeptieren.

Seit der Unterzeichnung der Klimarahmenkonvention von 1992 sei zu wenig für den Klimaschutz erreicht worden, sagte Latif. Dabei sei das Thema dringlicher denn je zuvor, denn seit Beginn der 90er Jahre sei der weltweite Ausstoß von Kohlenstoffdioxid um 60 Prozent gestiegen. Der Generalsekretär der Bundesumweltstiftung, Heinrich Bottermann, forderte, den Worten müssten nun Taten folgen. „Entscheidend für den Erfolg des Klimaabkommens wird die Verlässlichkeit der Umsetzung sein – auch bei uns in Deutschland.“

Delegierte aus 195 Ländern hatten am Sonnabend in Paris ein neues globales Klimaschutzabkommen beschlossen. Der Vertrag verpflichtet erstmals alle Länder zum Klimaschutz und tritt 2020 in Kraft. Er sieht unter anderem vor, die Erderwärmung auf 1,5 bis zwei Grad zu begrenzen und die Netto-Emissionen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auf null zu senken.

Kanzlerin Angela Merkel hat den Vertrag von Paris als Chance für die Zukunft der Menschheit gelobt. „Das ist eine echte Weichenstellung der Welt in Richtung Energiewende, eine Weichenstellung der Welt in Richtung Vernunft im Blick auf die Veränderungen des Klimas“, sagte Merkel gestern vor Beginn des CDU-Parteitags in Karlsruhe. Es gebe „die Chance, dass Milliarden von Menschen keine Angst um ihre Zukunft haben müssen, wenn die Verpflichtungen jetzt auch wirklich eingehalten werden“.

Trotz der Kritik feierten Spitzenpolitiker weltweit den Pariser Vertrag feierten als historischen Moment. Auch Umweltorganisationen und Kirchen begrüßten das Abkommen, mahnten aber zugleich, auf die Worte rasch Taten folgen zu lassen. US-Präsident Barack Obama erklärte, das Abkommen schaffe „die Rahmenbedingungen, die die Welt braucht, um die Klimakrise zu lösen“.

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„Das Abkommen ist nicht nutzlos - Paris kann eine Zeitenwende einleiten“, kommentiert sh:z-Wirtschaftsredakteur Till H. Lorenz:

„Das neue Weltklimaabkommen beruht auf Freiwilligkeit. Zwar gilt das grundsätzliche Ziel, die Erderwärmung auf „deutlich unter 2 Grad Celsius“ zu beschränken für alle Länder, doch auch in diesem „historischen“ Vertrag bleibt es dabei: Wenn Staaten ihre CO2-Emissionen nicht mindern wollen, kann sie niemand dazu zwingen. Nirgendwo ist festgeschrieben, wie viel CO2 jedes einzelne Land einsparen muss.

Ist das Pariser Abkommen deswegen nutzlos? Hat die Weltgemeinschaft jahrelang umsonst verhandelt? Absolut nicht. Das Abkommen bestärkt Staaten wie Deutschland, die sich bereits auf den Weg in eine CO2-arme Zukunft mit erneuerbaren Energiequellen gemacht haben. Der Einstieg in den Kohleausstieg, von dem es bis vor wenigen Monaten aus dem Wirtschaftsministerium noch hieß, er sei gleichzeitig mit dem Atomausstieg undenkbar, rückt für das nächste Jahr in greifbare Nähe.

Der Vertrag verpflichtet alle Nationen Klimaschutzpläne aufzustellen, zwingt sie also, sich über die Bekämpfung des Klimawandels zumindest Gedanken zu machen. Die regelmäßige Überprüfung der nationalen Ambitionen erhöht den Druck aus der Zivilgesellschaft und von anderen Staaten, denn alle fünf Jahre wird man schwarz auf weiß sehen, wer wie viel in Sachen Emissionsminderung leistet.

Vor allem aber rücken Paris und die nationalen Pläne den Klimaschutz ins Bewusstsein der Wirtschaft. Wer auf erneuerbare Technologien setzt, kann Rückenwind erwarten. In der Industrie und bei Finanzinstituten kommt niemand mehr umhin, sich mit einem möglichen baldigen Ende der fossilen Energieträger zu befassen. (Es könnte sich lohnen, schon heute ein Auge auf die Entwicklung des Kohle- und Ölpreises an den Börsen zu haben). Paris kann eine Zeitenwende einleiten – ein entscheidender Moment für die Menschheit.“

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