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Umstrittener Unkrautvernichter Glyphosat : Kiel schlägt Alarm wegen „Roundup“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Zulassungsverlängerung für den Unkrautvernichter bleibt umstritten. Wissenschaftler warnen: Totalherbizid ist krebserregend.

Kiel | Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist möglicherweise doch gefährlicher als bislang angenommen. Die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation WHO schreibt in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“, Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserzeugend“ bei Menschen.

Das Totalherbizid, 1970 entwickelt vom Agrarkonzern „Monsanto“, ist eines der meistverkauften Unkrautvernichtungsmittel der Welt: Über eine Million Tonnen Glyphosat, besser bekannt unter dem Handelsnamen „Roundup“, werden jedes Jahr versprüht. In der Landwirtschaft, in der Forstwirtschaft, bei Kleingärtnern.

Die WHO-Warnung kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Dieses Jahr soll die Zulassung von Glyphosat in der Europäischen Union um weitere zehn Jahre verlängert werden. Federführend für den Sicherheitscheck ist Deutschland.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat seine Einschätzung bereits vorgelegt und Gesundheitsbedenken zurückwiesen. Es hätten sich keine Hinweise auf eine „krebserzeugende, reproduktionsschädigende oder fruchtschädigende Wirkung bei Versuchtstieren“ ergeben. Die Datenlage gebe auch keinen Anlass, die Grenzwerte wesentlich zu verändern.

Der Kieler Toxikologe Dr. Hermann Kruse vom Institut für Toxikologie und Pharmakologie an der Christian-Albrechts-Universität übte scharfe Kritik an der Behörde. „Glyphosat ist eine der toxikologisch umstrittensten Verbindungen dieser Tage, doch es wurden keine neuen Studien aufgelegt, sondern lediglich alte Datensätze neu aufbereitet.“

Auch die WHO-Experten haben drei Studien aus Schweden, den USA und Kanada gesichtet, in denen Landwirte untersucht worden waren. Die Auswertung habe gezeigt, dass Menschen mit Kontakt zu Glyphosat ein höheres Risiko für Krebserkrankungen des Lymphsystems hätten. Zudem gebe es „überzeugende Belege“ dafür, dass Glyphosat bei Labortieren wie Mäusen und Ratten Krebs verursache.

Im Kieler Umweltministerium schrillen die Alarmglocken. „Vor diesem Ergebnis darf man nicht die Augen verschließen“, sagt Umweltminister Robert Habeck (Grüne). „Wir erwarten, dass hier ernsthaft nachgeprüft wird und die Ergebnisse in die Neubewertung von Glyphosat einfließen.“ Martin Häusling, EU-Parlamentarier der Grünen, pflichtet seinem Parteikollegen bei: „Wir haben in Europa das Vorsorgeprinzip. Ein Verdacht muss in der Regel ausreichen, um ein Mittel neu und kritisch zu bewerten.“

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat damit sofort begonnen und zunächst die WHO-Warnung kommentiert. Aus der Publikation in der Zeitschrift sei die Einstufung als krebsgefährlich „wissenschaftlich schlecht nachvollziehbar“, heißt es in der zweiseitigen Stellungnahme. Das BfR selbst habe nicht nur drei, sondern 30 Studien ausgewertet und keinen gesicherten Zusammenhang zwischen Glyphosatexposition und einem erhöhten Krebsrisiko gesehen. Man werde aber die WHO-Einstufung nach dem Vorliegen des Langberichts gründlich prüfen.

Auch der Bauernverband verfolgt die Entwicklung aufmerksam. „Maßgeblich für uns ist die BfR-Bewertung“, sagt Sprecher Klaus Dahmke. Trotz der Zulassung werde das Mittel aber immer zurückhaltender eingesetzt. „Da hat sich das Bewusstsein geschärft.“

Unabhängig vom Ergebnis der BfR-Prüfung kämpft die Landesregierung für ein Verbot von Glyphosat in Haus- und Kleingärten. Auf der Agrarministerkonferenz 2014 forderten Habeck und etliche seiner Amtskollegen den Bund außerdem auf, die rechtlichen Grundlagen für Beschränkungen in der Landwirtschaft zu prüfen. Bereits begrenzt hat das Bundesamt für Verbraucherschutz die Anwendung kurz vor der Ernte.

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erstellt am 26.Mär.2015 | 06:30 Uhr

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