Kommentar : Kein Ende im absurden Kieler Theater

Wer folgt auf Susanne Gaschke?
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Wer folgt auf Susanne Gaschke?

Die gescheiterte Oberbürgermeisterin talkt im Fernsehen, und die Parteien suchen einen Einheitskandidaten

shz.de von
04. November 2013, 06:59 Uhr

Mit ihrem Rücktritt hätte der Fall der Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke in ruhigeres Fahrwasser kommen können – jedenfalls, was die menschliche Seite der gescheiterten Seiteneinsteigerin angeht. Doch sie selbst sorgt dafür, dass sie in den Medien bleibt. Dabei benutzt ausgerechnet die selbsternannte Vorkämpferin für einen neuen Politikstil Instrumente, die zum Baukasten politischer Abrechnungen gehören. Ein würdeloses Spiel.

„Eine Intrige besteht aus einer Kette von raffinierten Manövern“, beschreibt die frühere Bundesvorsitzende der Grünen, Regina Michalik, in einem Buch den Verlauf von Machtspielen. Genau so treibt es Gaschke in ihrer aggressiven Rücktrittsrede und nun auch in einer Talkshow und im Interview. Wie weit es mit der Selbstkritik her ist, verrät ihre Bemerkung in der Fernsehsendung „3nach9“. Sie habe es „vergurkt“, meint sie. Aber eigentlich seien ja auch einige Mitarbeiter am Steuerdeal mit dem Kieler Augenarzt Detlef Uthoff schuld. Dass sie diese Mitarbeiter – wie gnädig! – herausgehalten habe aus der Affäre, fand sie „ganz okay von mir“.

Zur Erinnerung: Gaschke war Verwaltungschefin. Sie hat allein und an den Rathausfraktionen vorbei dem Augenarzt in einer Eilerscheinung 3,7 Millionen Euro an Zinsen und Säumniszuschlägen erlassen. Die Kommunalaufsicht hat diesen Vorgang als komplett rechtswidrig eingestuft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sie wegen des Verdachts der Untreue in einem besonders schweren Fall. Außerdem gibt es einen Anfangsverdacht wegen versuchter Nötigung. Alles nur „vergurkt“?

Die intrigante Kette von raffinierten Manövern besteht indes darin, dass Gaschke mal im Nebensatz auf die Mitschuld der Mitarbeiter im Kieler Rathaus, mal auf die Machenschaften von Ministerpräsident Torsten Albig, mal auf testosteron-gesteuerte Männer, mal auf böse Genossen in der Partei verweist. Dass am Ende ihrer Andeutungen von Hass und Intrigen spekuliert wird, ob es da nicht womöglich noch alte Rechnungen aus Zeiten der „Schubladen“-Affäre zu begleichen gibt, zeigt, dass die Saat aufgeht.

Die Maßstäbe verrutschen offenbar auch im Kieler Rathaus. Nach dem Gaschke-Desaster suchen die verschiedenen politischen Lager nun nach einem parteiübergreifenden Kandidaten. Sollten sich die Fraktionen tatsächlich auf eine Einheitsnummer einigen, wäre dies ein neuer Akt im absurden Polit-Theater. Die Parteien kungeln, nachdem es mit der Seiteneinsteigerin schief gelaufen ist, eine Persönlichkeit aus, die dann in einer Direktwahl demokratisch korrekt abgesegnet werden soll. Dies wäre eine Wahl, zu der Bürger aufgefordert werden dürften, nicht ihr Kreuz zu machen. Oder aber, ein parteiloser Kandidat außerhalb der etablierten Lager tritt an und zeigt den Parteien, dass Wähler nicht Stimmvieh sind.

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