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Die Partei in Lübeck : Kein Atomtest in der Wakenitz: Zu Besuch bei Bastian Langbehn

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Ein Swingerclub am Holstentor: Mit diesem Versprechen zog Bastian Langbehn in den Lübecker Wahlkampf. Ein Sommerinterview.

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erstellt am 10.Jun.2013 | 00:00 Uhr

Ein Garten in Timmendorfer Strand. Gänseblümchenwiese, eine niedrige Gartenmauer, dahinter glitzert die Lübecker Bucht in der Sonne. In diesem Ostsee-Idyll arbeitet Bastian Langbehn im „touristischen Familienbetrieb“, in Lübeck hat er seine Wohnung und bald sein Mandat für die PARTEI in der Bürgerschaft. Beim Pendeln geht schon mal etwas schief – wie jetzt. Autopanne. Langbehn hätte fast einen Reifen verloren. „In der Werkstatt haben sie beim Reifenwechseln die Bolzen nicht richtig angezogen. Gut, dass ich nicht weitergefahren bin.“ Bastian Langbehn, ein 30-jähriger Hüne mit Vollbart, lacht und zupft an seinem hellblauen Oberhemd. Der Kragen ist mit dem Schriftzug „Die PARTEI“ bestickt.

Ich habe eigentlich erwartet, dass Sie einen grauen Anzug tragen. Was ist da los?
Den habe ich im Auto. Ich kann ihn schnell holen …

Nein, ich bestehe nicht darauf. Ich dachte nur, dass man ihn als PARTEI-Mitglied immer tragen muss.
Ja, das stimmt. Ich kann mit Fug und Recht behaupten: Mittlerweile wohne ich in diesem Anzug. Ich bin die letzten zwei Wochen kaum rausgekommen aus dem Teil. Gestern landete ich auf einer FH-Party und saß im Anzug auf einer Wiese. Ich kam mir etwas underdressed vor.

Mal abgesehen von den grauen Anzügen - was hat die PARTEI, das andere Parteien nicht haben?
Also, wir haben nicht nur die Mauer. Die wird oft missverstanden und gilt als Trennung, aber sie ist ja erstmal nur eine Mauer. Neben uns gibt es rechts und links nichts mehr. Wir sind die extreme Mitte – und mehr brauchen wir eigentlich auch nicht.

Wo hört Satire auf und fängt Politik an?
Ach, da hatten wir früher lange ein klares Bild. In Lübeck ist es aber mittlerweile so, dass wir mit Satire gar nicht mehr weiter kommen. Denn das, was da in der Bürgerschaft läuft, ist alles schon übelste Satire. Damit kann man gar nicht mehr auffallen. Darum müssen wir jetzt auf neue Wege begeben, ernsthaft Politik machen und damit andere ausstechen. Weil das dann auffällt zwischen all diesen komischen Spaßparteien und Witzbolden.

Seit dem turbulentem Wahlabend in Lübeck ist Bastian Langbehn fast so berühmt wie Martin Sonneborn, der Vorsitzende der PARTEI. Sogar CNN habe bei ihm angerufen, erzählt Langbehn. Die Spaßpartei ist ungehofft zu einer Prise Macht gekommen. Er habe sich schon überlegt, überall in seinem Haus Kameras zu installieren, witzelt Langbehn. Schließlich sei er das so gewohnt.

Was ist das für ein Gefühl, dass Zünglein an der Waage zu sein?
Es ist gar nicht so cool, wie ich erst dachte. Wir werden ja für den Mist, den die anderen machen, vermutlich mitverantwortlich gemacht. Und ich schätze, dass das, was Herr Sonneborn vorgeschlagen hat – eine Ein-Mann-Minderheiten-Regierung – definitiv besser wäre.

Wie reagieren die anderen Parteien auf Sie?
Der Bürgermeister, Herr Saxe ,war nach unserem Wahlsieg nicht gerade freudig erregt. Witzigerweise waren die Leute von der CDU nicht so verärgert, aber die SPD ist komplett kontra. Ich bin mal gespannt, was wir noch alles von denen erfahren müssen. Ich weiß aus Insider-Kreisen: Bei den Piraten und den Linken stehen wir ganz oben auf der Liste.

Was für Reaktionen haben sie noch bekommen?
Als es zwischenzeitlich hieß, wir hätten uns schon festgelegt und würden es mit den Linken machen, wurden wir als Stalinisten beschimpft. Aber an und für sich reagieren die Leute sehr positiv. Ich werde sehr oft angesprochen. Die anderen, die es nicht gut finden, reagieren irgendwie gar nicht. Die sind vielleicht noch in Schockstarre. Ich habe keine Ahnung. Es ist großartig. Ich wurde letztens von einem sogenannten Bürger der oberen Zehntausend angesprochen, und der hat ernsthaft mit mir über ein Problem diskutiert. Es ging um Gratis-Zeitungen, die bei Wind durch die Gassen fliegen.

Ein erster Wahlversprechen-Check: Wie war eigentlich der Autokorso und hat das Freibier gereicht?
Ja, das war ein Planungsfehler von mir, das gebe ich zu. Wir haben uns zuerst um das Freibier gekümmert. Wenn man das getrunken hat, kann man aber keinen Autokorso mehr machen – und das habe ich nicht bedacht. Aber: Das mit dem Freibier hat geklappt, das war das letzte Wahlversprechen. Es gab keinen Atomtest in der Wankenitz, seitdem wir gewählt wurden. Und: Es gab seit unserer Wahl keinen einzigen Atomtest mehr auf der Welt. Was Lübeck alles kann!

Wie entsteht eigentlich so ein Wahlprogramm?
Das Wahlprogramm entsteht, indem wir uns in der Sternschnuppe treffen oder ein Partei-Treffen haben und dann immer noch mal diskutieren: Was könnten wir noch mit reinnehmen? Was ist überflüssig geworden? Es ist ein dynamisches Wahlprogramm. Es ändert sich mindestens ein Mal im Monat. Es kann auch jeder mitmachen – auch der Bürger, der vielleicht noch nicht Mitglied ist. Da gibt es noch ein paar.

Haben Sie politische Vorbilder?
Hatte ich mal, aber die sind eigentlich alle tot. Herbert Wehner war zum Beispiel ein großartiger Redenschwinger. Wen ich persönlich auch immer gut fand, war Gensch-Man (Genscher, Anm. der Redaktion). Da hatte die FDP ja auch noch Leute mit Charakter. Was hat sie jetzt? Leute mit Milchzähnen. Wahlsiegtechnisch ist natürlich Herr Obama ein Vorbild. Und Herr Saxe war es auch mal.

Haben Sie Angst, dass in fünf Jahren wutentbrannte Bürger mit dem Wahlprogramm von heute ankommen und sich beschweren, dass es immer noch keinen Swingerclub im Holstentor gibt?
Langbehn: Nein. Angst kennen wir ja sowieso nicht. Dafür haben wir unsere Partei-Anzüge – uns kann nichts passieren. Alle anderen Parteien halten sich auch nicht an das, was sie in ihr Wahlprogramm schreiben. Und der Vorteil ist: Niemand liest so ein Wahlprogramm. Zur Not können wir es ja auch komplett umschreiben – es ist ja dynamisch. Ich könnte mir allerdings vorstellen, wenn wir uns jetzt vertun bei der Wahl unseres Steigbügelhalters, dann könnte es in viereinhalb Jahren schon eng um den Hals werden.

Ein Fahrradfahrer bremst, dass der Sand hinter dem Gartenmäuerchen aufwirbelt. „Das ist doch unser Herr Langbehn, der immer in der Zeitung steht“, ruft der weißhaarige Mann herüber. „Ich finde das ganz toll, was Sie da machen. Zeigen Sie denen mal, wo die Kante ist. Dann haben wir ein bisschen Schwung in der Bude.“ Bastian Langbehn lacht. Das hat er vor. Fünf Jahre lang.

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