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Ärztemangel in SH : Kein Arzt: Kommunen greifen zur Selbsthilfe

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nur wenige junge Ärzte wollen aufs Land gehen. Die Westküste Schleswig-Holsteins trifft das besonders schwer. Drei Gemeinden wollen Kassenarztsitze übernehmen.

shz.de von
erstellt am 17.Feb.2014 | 06:44 Uhr

Es gibt kommunale Kitas und kommunale Pflegeheime – und bald wohl auch kommunale Arztpraxen. An der vom Medizinermangel besonders gebeutelten Westküste wollen die Gemeinden Büsum, Lunden und St. Michaelisdonn Kassenarztsitze übernehmen und auf eigene Rechnung mit angestellten Ärzten besetzen. „Bundesweit betreten wir damit absolutes Neuland“, erklärte am Wochenende Delf Kröger von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bad Segeberg. Die drei Bürgermeister wollen sich noch im Februar den Segen ihrer Gemeinderäte holen.

An allen drei Standorten drohen Engpässe in der medizinischen Versorgung, weil die meisten der praktizierenden Mediziner kurz vor der Rente stehen und Mühe haben, Praxis-Nachfolger zu finden. Derzeit sind die fünf Hausärzte in Büsum im Schnitt 62 Jahre alt.

„Wir wissen aus vielen Befragungen, was Jungmediziner heutzutage partout nicht wollen: alleine arbeiten, zu viel Verantwortung tragen und aufs Land gehen. Die ersten beiden Faktoren können wir beeinflussen“, erläutert Kröger. In allen drei Orten sollen die bestehenden Praxen – jeweils fünf in St. Michaelisdonn und Büsum sowie drei in Lunden – zu Gemeinschaftspraxen zusammen gelegt und als kommunaler Eigenbetrieb geführt werden. „Damit werden die Einstiegshürden für Jungmediziner gesenkt, kooperative Arbeitsformen gefördert und Teilzeitarbeit ermöglicht“, hofft Kröger. Das Westküstenklinikum Heide sieht zudem die Chance, dass seine Assistenzärzte die vorgeschriebenen ambulanten Ausbildungsabschnitte in einem dieser ländlichen Zentren absolvieren können und sich dort später sogar anstellen lassen.

Der Bundesgesetzgeber hat den Weg für diese neuen Strukturen 2012 frei gemacht, ein Jahr später baten die Bürgermeister bei der KV um Hilfe. „Wenn wir nicht zügig handeln, können wir bald die Daseinsfürsorge nicht mehr sicherstellen“, fürchtet Büsums Bürgermeister Maik Schwartau. Auch als Tourismusort könne man sich die medizinische Unterversorgung nicht leisten. „Schließlich leben wir von den Urlaubern.“ Schwartau räumt ein, dass die Gemeinde mit der Praxisübernahme ein finanzielles Risiko eingeht – doch man könne weder die Büsumer noch deren Feriengäste „30 Kilometer übers Land zum nächsten Doktor schicken“.

Die KV wird übermorgen darüber abstimmen, ob sie die Kommunen mit einem Zuschuss zur Einrichtung der neuen Ärztehäuser unterstützt.

Das Know-how für das Praxismanagement soll die Ärztegenossenschaft Nord einbringen. Deren Geschäftsführer Volker Rampoldt sieht es schon als Erfolg an, alle Interessen unter einen Hut zu bekommen. „Die Ärzte vor Ort sind aufgeschlossen für das Modell und zum Teil auch zur Anstellung bereit“. Es solle aber auch möglich sein, „dass sie mit eigenem Kassensitz in die kommunalen Eigenbetriebe einziehen beziehungsweise das später angestellte Ärzte wieder in die Freiberuflichkeit wechseln“, so Rampoldt.

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