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Kommentar : Keime in der Klinik: Alle müssen umdenken

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Antibiotikaresistenz - ein Angstwort für Klinikärzte. Aber die Verantwortung allein auf die Kliniken abzuschieben, reicht nicht. Ein Kommentar von Margret Kiosz.

Paradoxe Welt: Deutschland fürchtet sich vor den Ebola-Viren aus dem fernen Afrika – obwohl es nicht einmal eine Handvoll Patienten in Europa gibt. Andererseits nimmt dieselbe Gesellschaft das Risiko Zigtausender Todes- und Krankheitsfälle hin, die auf das Konto multiresistenter Keime im eigenen Land gehen. Dabei ist der unkontrollierte Antibiotikaeinsatz in der Human- und Veterinärmedizin längst als Ursache enttarnt.

Antibiotika werden heutzutage von den (Menschen-)Kindern geschluckt wie Gummibärchen – bei jedem Husten und beim kleinsten Bauchgrimmen. Hausärzte berichten, dass Eltern auf entsprechende Rezepte beharren, weil sie fürchten, ihr Kind dürfe sonst am nächsten Tag nicht in der Kita abgegeben werden. Gleichzeitig missbrauchen Fleischerzeuger

Medikamente, um bei der Massentierhaltung maximale Ergebnisse zu erzielen. Sie werden in den Ställen quasi mit der Gießkanne verteilt, um billige Schweine- und Hähnchenberge zu produzieren. Eine Fehlentwicklung, die wir jetzt teuer bezahlen: Viele der Pillen, die einst als Segen in der Medizin galten, wirken nicht mehr. Bakterien, die bekämpft werden sollen, haben sich längst angepasst und tricksen die Angreifer einfach aus. Bei Klinikärzten gilt das Wort Antibiotikaresistenz inzwischen als ein Angstwort. Sie stehen – wie in den 50er Jahren vor Erfindung der „Alleskönner“ – mit leeren Händen da, wenn sich Patienten mit einem resistenten Killerkeim infiziert haben.

Natürlich muss am Klinikbett eiserne Hygiene herrschen. Und natürlich ist es richtig, zu testen und zu isolieren. Aber die Verantwortung allein auf die Kliniken abzuschieben, reicht nicht. Umdenken müssen alle: Verbraucher, indem sie weniger aber dafür gutes Fleisch kaufen, Versicherte, die nicht bei jedem Wehwehchen nach einem Antibiotikum schreien und Mediziner, die sich querstellen, wenn nach der großen Keule gerufen wird. Die niedergelassenen Ärzte im Norden zeigen, dass das geht: Schleswig-Holstein ist das Land, in dem Kinder am seltensten gleich mit der schärfsten Waffe kuriert werden. Ein erster Lichtblick!

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erstellt am 19.Nov.2014 | 20:50 Uhr

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