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Weltkindertag : Jedes vierte Kind in SH lebt in Armut

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In Ahrensburg stecken 6500 Fähnchen in der Erde - eins für jedes Kind in Armut im Kreis Stormarn. Schleswig-Holsteins Familienministerin Alheit hat familienpolitische Leistungen im Visier - zum Beispiel das Ehegattensplitting. "Das können wir uns nicht mehr leisten."

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erstellt am 20.Sep.2013 | 16:51 Uhr

Weltkindertag in Ahrensburg im Kreis Stormarn: Vor dem Schloss steckte der Kinderschutzbund für jedes der 6500 Kinder, die im Kreis Stormarn in Armut leben, ein Fähnchen in die Erde. Im Norden insgesamt sind es 120.000 Mädchen und Jungen. „Das heißt, jedes vierte Kind in Schleswig-Holstein lebt in Armut“, sagte die schleswig-holsteinische Landesvorsitzende des Deutschen Kinderschutzbunds, Irene Johns. „Insgesamt muss man leider einfach sagen, dass sich die Kinderarmut auf hohem Niveau verfestigt hat.“ 

Rund 70.000 Kinder leben nach Angaben Johns' in einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft, also von Hartz IV. „Das sind 14,6 Prozent aller Kinder. Und in den Städten ist das Problem noch viel gravierender.“ In Kiel, Lübeck, Flensburg und Neumünster sind es zwischen 24 und 28 Prozent. „Das finde ich sehr gravierend.“ Und wenn man Armut ähnlich wie die Bundesregierung darüber definiere, welches Kind Anspruch auf Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket hat, steige die Zahl landesweit auf 120.000 Kinder.

Seit Jahren weise der Kinderschutzbund darauf hin, aber es passiere einfach nicht genug. Die Organisation fordert eine Kindergrundsicherung und den weiteren Ausbau einer qualifizierten Betreuung und Bildung in Kindertagesstätten und Ganztagsschulen. „Und dies mit dem klaren Ziel, dass diese Angebote auch irgendwann kostenfrei werden“, sagte Johns. Von einer neuen Bundesregierung erwartet Johns einen klaren Kurswechsel bei den familienpolitischen Leistungen. Positive Auswirkungen erhofft sie sich vom zweigliedrigen Schulsystem mit Gemeinschaftsschulen und Gymnasien als weiterführende Schulen, das zum Schuljahr 2014/15 im Norden eingeführt wird. Sie sehe darin einen guten Ansatz, „gerade für Kinder, die mehr Unterstützung für ihre Bildungschancen brauchen“.

Im Kampf gegen Kinderarmut ist nach Ansicht von Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) und des Kinderschutzbundes ein sozialpolitischer Kurswechsel notwendig. Familienpolitische Leistungen, die nicht zum Abbau von Kinderarmut beitragen, „können wir uns nicht länger leisten“, sagte Alheit in Ahrensburg. So kritisierte sie das Ehegattensplitting, das jährlich mit 19,8 Milliarden Euro zu Buche schlage. „Damit werden kinderlose Ehepaare bessergestellt, während Alleinerziehende mit Kindern oder unverheiratete Eltern belastet werden. Das ist mit moderner Familienpolitik unvereinbar“, sagte Alheit. Sie forderte die Abschaffung der Steuerklasse V.

Alheit kritisierte, „dass Familien mit minderjährigen Kindern auch heute noch am häufigsten von Armut betroffen sind. Dass höchste Armutsrisiko besteht für Kinder aus Haushalten mit nur einem Elternteil“. Die Bekämpfung von Kinderarmut stehe in einem engen Zusammenhang mit den Möglichkeiten für die Teilnahme am Arbeitsmarkt. Deshalb müssten die Anstrengungen für den Ausbau der Kinderbetreuung weitergehen.

Der Weltkindertag sei ein Aufruf auch an die deutsche Gesellschaft und an die Politik, für das zu sorgen, was Kinder und Jugendliche zum gesunden Aufwachsen benötigen: Ein Bildungsangebot, das allen bestmögliche Chancen gibt sowie selbst bestimmte Spiel- und Aufenthaltsorte für Jugendliche. „Kindgerechte öffentliche Räume und mehr Toleranz für Kinder und Jugendliche - auch, wenn man sie hört!“ seien nötig sowie Schutz vor Gewalt und Ausbeutung. Kinder hätten ein Recht auf ein Aufwachsen, das frei von Armut ist.

Am Weltkindertag möchten Kinderrechtsorganisationen das Recht der Kinder auf gleiche Chancen im Bildungssystem in den Mittelpunkt stellen. Viele Schüler fühlten sich unter Leistungsdruck, teilte das Kinderhilfswerk Unicef mit. Oft seien die Lernziele nur mit Hilfe der Eltern oder mit bezahltem Nachhilfeunterricht zu erreichen. „Kinder aus bildungsfernen oder sozial schlechter gestellten Haushalten werden durch diese Entwicklung zunehmend benachteiligt“, hieß es.

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