zur Navigation springen

Konzentration auf Qualitätsausbau : „Jamaika“-Koalition dreht die Inklusion zurück

vom

Die neue Bildungsministerin Karin Prien will Förderzentren erhalten und mehr Sonderpädagogen einstellen.

shz.de von
erstellt am 12.Jul.2017 | 06:30 Uhr

Kiel | Die neue Schulministerin macht Ernst. An der Universität Flensburg wird eine weitere Professur für Sonderpädagogik eingerichtet und bis 2024 will Karin Prien (CDU) jährlich 70 neue Lehrerstellen schaffen, um die Inklusion an den allgemeinbildenden Schulen zu stärken. Aber nicht nur dort. „Wenn die Eltern es wünschen und sich die Schülerzahlen entsprechend entwickeln, werden auch die Förderzentren gestärkt“, erklärte sie gegenüber dem sh:z und bestätigte, dass dies auch „als  Signal  für eine Kursänderung“ interpretiert werden kann. Es gehe zwar nicht darum, die Inklusion zurückzudrehen, aber die Jamaika-Koalition wolle sich auf den Qualitätsausbau konzentrieren.

Prien versicherte, dass das Sterben der Förderschulen in Schleswig-Holstein ein Ende haben wird. „Wir werden die bestehenden Förderzentren grundsätzlich erhalten“, kündigte sie an. Beide Angebote, die Förderzentren und die inklusive Beschulung in Regelschulen sollen bei der Mittelzuteilung gleichgestellt werden – auch das signalisiert den Kurswechsel. Zudem wollen CDU, FDP und Grüne die starren Regeln für den Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern an Regelschulen lockern. Inklusive Schule bedeute nicht unbedingt gemeinsamen Unterricht in jedem Fach. Das deutet darauf hin, dass – ähnlich wie in anderen Bundesländern – Unterricht in Extraklassen auch an Schleswig-Holsteins Regelschulen künftig möglich wird.  

Schon vor ihrem Amtsantritt hatte Prien, die bis zum Regierungswechsel CDU-Bildungsexpertin im Hamburger Senat war, kritisiert, das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Schülern sei im Norden „in fast verantwortungsloser Weise“ umgesetzt worden. „Inklusion braucht auch Sonderpädagogen“, sagte sie. „Unter den derzeitigen Bedingungen ist die Inklusion zum Teil eine unzumutbare Belastung für Lehrkräfte und Kinder.“

Das hatte auch die Lehrergewerkschaft GEW zuletzt lautstark kritisiert. Nach deren Berechnungen braucht das Land für die Inklusion sogar mindestens 1000 zusätzliche Stellen. Zum Beispiel, um in Klassen mit Inklusionskindern eine zusätzliche Lehrkraft einzusetzen. Trotzdem: Den von Prien eingeschlagenen Weg hält GEW-Geschäftsführer Bernd Schauer für „richtig – wenn auch nicht für ausreichend“.

Auch das Thema der Schulbegleitung für behinderte Kinder – das immer wieder zu Konflikten mit den Kreisen und zu Gerichtsverfahren führte – will die Jamaika-Koalition angehen. Demnach sollen die Bereiche Schulbegleitung, Schulassistenz, Schulpsychologen, und Sozialarbeit „im Interesse eines effizienteren Ressourceneinsatzes“ neu geordnet und sinnvoll zusammengeführt werden.

Sinnvoller Kurswechsel

Ein Kommentar von Margret Kiosz

Alle reden über die Kehrtwende beim Turboabitur – dabei vollzieht sich im Stillen eine viel weitreichendere Schulreform: Die gemeinsame Erziehung behinderter und nicht-behinderter Schüler. Natürlich kann man das Rad bei der Inklusion nicht einfach zurückdrehen wie beim G8. Aber man kann – UN-Menschenrechtskonvention hin oder her – vom Gaspedal gehen und prüfen, ob man tatsächlich noch auf dem richtigen Weg ist. Dass die neue Bildungsministerin in Kiel diesen Kurswechsel einleitet, kommt nicht von ungefähr.

In NRW war der Realitätsschock bei den Eltern riesig und mit wahlentscheidend. Ihre Furcht: Die Durchsetzung der Inklusion mit der Brechstange bringt unser ohnehin labiles Bildungssystem ins Wanken. Während erfahrene, exzellent ausgebildete Sonderpädagogen ihre Dienstzeit auf der Straße verbringen und von einer Schule zur nächsten hetzen, werden überforderte und in Wochenendkursen notdürftig upgegradete Pädagogen an Regelschulen von verhaltensauffälligen Kindern in die Frühpensionierung getrieben. Sie scheitern nicht an Rolli-Fahrern, sondern an Kindern, die aus Wut Türen eintreten, Stühle durch den Klassenraum schmeißen, ihre Klassenkameraden verletzen und am Lernen hindern.

Viele Eltern beschleicht zudem der Verdacht, dass die Abschaffung der Förderschulen in erster Linie Geld sparen soll. Zum Glück will Prien jetzt deutlich mehr Lehrkräfte für diesen Bereich einstellen. Auch ihr Versprechen, Förderzentren als Schonräume für die Entwicklung zu erhalten und sie – sofern Eltern dies wünschen – zu stärken, ist richtig. Oberstes Kriterium muss immer das Wohl des einzelnen Kindes sein. Nötig ist jetzt eine breite Debatte darüber, wie viel Inklusion möglich und wie viel Differenzierung nötig ist. Dabei müssen wir uns von der „politisch korrekten“ Vorgabe, nur unter Regelschülern könnten sich behinderte Kinder gut entwickeln, lösen. Tun wir das nicht, droht der Inklusion das Schicksal von G8.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen