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Sonderpädagogik in SH : Inklusion oder Förderschule – alle unter einem Dach?

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Vor etwa 50 Jahren wurden eine ganze Reihe von Förderschulen gegründet. Dann kam die Inklusion – und viele der Schulen wurden wieder geschlossen. Doch das passt nicht allen.

Schönkirchen | Dass Leonie* kein einfaches Kind ist, wurde Sandra Martens schon im Kindergarten klar. Schuhebinden, Anziehen, Basteln, Zähneputzen – das junge Mädchen brauchte für viele Dinge mehr Zeit als andere Kinder. „Alles dauerte sehr lange und sie war schnell überfordert“, sagt die 44-Jährige. Auch sprachlich und motorisch war Leonie weit in der Entwicklung zurück. Die damals Dreijährige lebte noch nicht lange bei den Martens, sie kam als Pflegetochter aus „schwierigen Verhältnissen“ zu ihnen.

Sandra Martens ahnte, dass Leonie auf einer normalen Grundschule nicht zurecht kommen würde, dass sie dort „durchs Raster“ fallen würde. Als Erzieherin hat sie lange selbst im Kindergarten gearbeitet und dabei viele Fälle von verhaltensauffälligen Kindern gehabt. Genau deshalb war sie sich so sicher. „Man merkt schnell, wenn etwas nicht stimmt.“

Sie beantragte, Leonie nach dem Kindergarten gleich auf eine Förderschule zu schicken, damit das Mädchen von Anfang an richtig betreut würde. Doch das zuständige Amt lehnte ab. Leonie sollte erst einmal auf eine normale Grundschule gehen, wechseln könne sie später immer noch, so das Amt.

Martens war fassungslos. „Wenn ein Kind schon im Kindergarten solche Schwierigkeiten hat, wie soll es dann erst in der Grundschule klarkommen?“ Langes Stillsitzen, dem Lehrer zuhören, Hausaufgaben machen und das alles in einem Raum, in dem bis zu 35 Schüler auf einem Haufen sitzen – für die Pflegemutter war klar, dass ihre Tochter noch nicht so weit war.

Und sie hatte recht. Leonie kam mit den Hausaufgaben nicht hinterher und war unkonzentriert. Später fing sie an, sich die Fingernägel abzukauen und sich sogar selbst zu verletzen. „Es waren ganz klare Zeichen“, sagt Sandra Martens heute.

Sie ging erneut zum Amt und stellte einen Antrag, ihr Kind auf eine Förderschule schicken zu dürfen – wohlwissend, dass es manchmal Jahre dauern kann, bis für ein Kind einen Platz frei wird. Seit immer mehr Förderschulen im Land geschlossen werden, sind die Kapazitäten der Schulen oft erschöpft.

Aber Leonie hat Glück – schon vier Wochen später kann sie auf das Förderzentrum Schönkirchen-Schönberg in der Nähe von Kiel wechseln. Seitdem sind die Probleme verschwunden. „Sie blühte richtig auf, fand gleich Freunde. Und die Lehrer haben sich von Anfang an richtig um uns gekümmert – es ist fast schon eine familiäre Atmosphäre“, schwärmt Martens.

Der Grundschule macht die 44-Jährige keinen Vorwurf. „Wie sollen die Lehrer auch mit so einer Situation fertig werden? Die sind dafür gar nicht richtig ausgebildet“, weiß sie. Auch wenn zusätzlich zu den normalen Lehrkräften häufig Sonderpädagogen im Unterricht eingesetzt würden, sei das Problem nicht behoben. „Bei 35 Kindern in einer Klasse ist es einfach unmöglich, auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes einzugehen“, so ihre Meinung.

Die Schulen selbst schlagen inzwischen Alarm. Die Anforderungen sind in den letzten Jahren so sehr gestiegen, dass die Lehrkräfte sich oft am Rande der Verzweiflung befinden. Denn zu den lernschwachen oder verhaltensauffälligen Kindern, sind in den letzten Jahren auch immer mehr Flüchtlingskinder gekommen, die ebenfalls einen erhöhten Förderbedarf haben.

Genau deshalb müssen wir am Modell der Förderschulen festhalten, meint der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Bernd Ahrbeck von der International Psychoanalytic University in Berlin. „Ich glaube, dass soziale Einrichtungen und spezielle Schulen für solche Kinder unverzichtbar sind“, sagt er und erklärt auch warum. Ein Kind, das auf eine normale Schule gehe, obwohl es einen erhöhten Förderungsbedarf habe, werde Tag für Tag neuem Stress ausgesetzt. Es komme im Unterricht nicht mit, sei überfordert und fühle sich womöglich ausgegrenzt, weil alle anderen Mitschüler problemlos mitkämen. Die Lehrer könnten dies nicht leisten. „Es gibt Schüler, die 30 bis 40 Prozent der Aufmerksamkeit im Unterricht für sich brauchen. So etwas funktioniert im normalen Unterricht nicht“, so der Experte. Dass die Lehrkräfte zunehmend überfordert sind,  sei damit vorprogrammiert.

Ein weiteres Problem sei aus seiner Sicht, dass es in unserer Gesellschaft kein einheitliches Verständnis darüber gibt, was genau Inklusion eigentlich bedeutet. Verstünde man sie im Sinne der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, sind vor allem die Kernpunkte Förderung, Teilhabe und Selbstbestimmung, die Inklusion in der heutigen Gesellschaft ausmachen. Doch genau der letzte Punkt – die Selbstbestimmung – würde mit einer Abschaffung der Sonderschulen wegfallen.

Er wolle damit nicht sagen, dass inklusive Beschulung im normalen Unterricht nicht funktionieren könne – jedoch müsse dabei von Fall zu Fall entschieden werden. „Die Eltern sollten zwischen inklusiver Beschulung und Sonderschule wählen können.“

Genauso sieht es Rüdiger Gummert. Er leitet das Förderzentrum Schönkirchen-Schönberg, in dem auch Leonie zur Schule geht. Gerade hat er mit seiner Schule 50-jähriges Bestehen gefeiert. Die Schulen hatten damals nur zwei oder drei Klassen mit jeweils 15 bis 20 Schülern. In den darauffolgenden Jahren explodierte die Schülerzahl regelrecht, in Schönberg gingen bereits 142 Kinder zur Schule.

Heute sind es nur noch 32 Schüler – obwohl der Bedarf an sonderpädagogischer Förderung nicht weniger geworden ist. Ein großer Teil seiner Lehrkräfte unterrichtet jedoch nicht mehr nur an der Förderschule selbst, sondern ist auch an Grund- oder Gesamtschulen im Einsatz – in sogenannten Inklusionsklassen. „Wir haben im Moment 104 Kinder auf normalen Schulen, die dort von unseren Lehrkräften gefördert werden“, sagt Gummert. Weitere 95 Schüler werden bereits präventiv gefördert.

Von einer Auflösung der Förderschulen hält er nichts. Aber: Keine Form des Unterrichts sollte auferzwungen sein. „Es ist wichtig, dass  Schüler und Eltern den Ort der Förderung selbst bestimmen können“, betont Gummert.

So wie Sandra Martens. Die Entscheidung, ihre Pflegetochter eine Förderschule besuchen zu lassen, hat sie nie bereut. „Es war das Beste, was uns passieren konnte.“ Mit ihrer Meinung scheint sie nicht allein zu sein. Eine Studie in Nordrhein-Westphalen hat ergeben, dass fast 90 Prozent aller Eltern, die ein Kind mit besonderem Förderungsbedarf haben, für den Erhalt der Sonderschulen ist. Kinder auf Biegen und Brechen in den normalen Unterricht zu setzen, hält sie hingegen für falsch. „Ich halte nichts von Inklusion. Den Kindern werden damit Chancen genommen, sich normal zu entwickeln“, sagt sie.

Gleichzeitig gibt sie zu, dass das negative Image, mit der viele Sonderschulen behaftet sind, ihr anfangs zu schaffen machte. „Man denkt ja immer gleich, das sind Schulen für Doofe. Aber das ist totaler Quatsch.“ Das Problem ist Prof. Dr. Bernd Ahrbeck bekannt. Vielmehr müssten wir daran arbeiten, dass Image der Sonderschulen zu verändern. Denn die seien nach wie vor stark negativ konnotiert. Ein Kind, das auf eine Förderschule geht, werde demnach schnell in eine Schublade gesteckt, aus der es später schwer wieder herauskomme. „Das ist Etikettierung von Menschen“, so Ahrbeck.

Damit schlägt er in die gleiche Kerbe wie auch viele andere Inklusionsgegner. Statt sich in die Klassenstruktur einzufügen, würden förderbedürftige Schüler oft das Gegenteil erfahren – so das Argument. Sie würden ausgegrenzt, verspottet und kämpften mit dem Gefühl des Andersseins, was wiederum zu noch größeren Defiziten in der Entwicklung führe.

Allerdings birgt auch der Besuch einer Förderschule ein solches Risiko: Die Kinder könnten dadurch schon sehr früh stigmatisiert werden und Probleme bekommen, später aus dieser Rolle wieder herauszufinden. Auch die Chancen, nach dem Abschluss auf der Förderschule auf dem Jobmarkt Fuß zu fassen, könnten sich verringern.

Sandra Martens macht sich darüber keine Sorgen. Ihre Tochter Leonie geht inzwischen in die 4. Klasse – und hat Spaß an der Schule. Obwohl ihre zwei leiblichen Kinder beide eine Realschule besuchen, weiß sie, dass der Wechsel auf das Förderzentrum für Leonie der richtige Schritt war. Und wer weiß: „Vielleicht wechselt sie später mal auf eine normale Schule“, sagt sie. Aber das entscheidet sie selbst.

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erstellt am 09.Jul.2017 | 11:58 Uhr

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