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Bertelsmann-Studie : Inklusion in Deutschland: In SH klappt es mit am besten

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Kinder mit Behinderung haben in SH gute Chancen auf Inklusion. Auch in Hamburg geht es laut Bertelsmann-Studie voran. Doch es gibt auch Kritik.

shz.de von
erstellt am 03.Sep.2015 | 11:02 Uhr

Gütersloh | Schleswig-Holstein liegt bei der Inklusion weit vorn: 60,5 Prozent aller Kinder mit Förderbedarf besuchten hier im Schuljahr 2013/14 eine Regelschule, wie eine am Donnerstag von der Bertelsmann Stiftung veröffentlichte Studie zeigt. Damit liege Schleswig-Holstein deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 31,4 Prozent. Nur in Bremen ist die Quote noch höher. Gleichzeitig ist der schleswig-holsteinische Schüleranteil an Förderschulen deutlich gesunken. „Mit diesen Zahlen schreibt Schleswig-Holstein seine positive Entwicklung auf dem Weg zu einem inklusiven Schulsystem fort“, teilte die Stiftung mit. Die Studienergebnisse lösten im Land eine erneute Debatte über Quantität und Qualität der Inklusion aus.

Nach Ansicht der Stiftungs-Experten ist besonders auffällig, dass die Chancen auf Inklusion im nördlichsten Bundesland auch in höheren Bildungsstufen bestehenbleiben. So liegt der Inklusionsanteil in den Kitas bei 84,3 Prozent (Bund 67 Prozent), in den Grundschulen bei 84,2 Prozent (Bund: 46,9 Prozent) und in den weiterführenden Schulen der Sekundarstufe bei 71,7 Prozent (Bund: 29,9 Prozent). Von den knapp 6400 Förderschülern auf einer weiterführenden Schule gingen allerdings nur gut vier Prozent (Bund: sechs Prozent) auf ein Gymnasium. „Inklusion im Sekundarbereich findet in Schleswig-Holstein also hauptsächlich an den Schulen mit mehreren Bildungsgängen und Gesamtschulen statt“, bilanzierte die Bertelsmann Stiftung.

Die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Heike Franzen, warnte davor, nur auf die Zahlen zu blicken: „Leider sagt diese Quote wie in den Vorjahren überhaupt nichts über das Gelingen der Inklusion aus.“

Ihrer Ansicht nach ist die Qualität der Inklusion in Schleswig-Holstein mehr als verbesserungswürdig. Franzen bedauerte in diesem Zusammenhang, dass Bildungsministerin Britta Ernst das praxisfremde Inklusionskonzept ihrer Vorgängerin Waltraud Wende ohne jede Korrektur übernommen habe.

Auch die Lehrergewerkschaft GEW mahnte, „wir sollten uns durch diese Zahlen nicht blenden lassen“. Der Weg zu einem inklusiven Schulsystem sei richtig, aber die Quote sage nichts über die Qualität der Inklusion aus. „Sie sagt auch nichts über die realen Teilhabechancen von Kindern mit Handicap - ebenso wenig über die teilweise zermürbenden Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte“, sagte der GEW-Landesvorsitzende, Matthias Heidn. Aus Sicht der Gewerkschaft fehlen in Schleswig-Holstein immer noch rund 950 Lehrerstellen, damit der gemeinsame Unterricht hinreichend gelingen kann.

Dass Quoten auf dem Weg zu mehr gemeinsamem Lernen nicht alles sind, wird auch in der Koalition gesehen. „Bei der Umsetzung der inklusiven Schule sind wir zwar auf einem guten Weg, vor allem aber in Sachen Qualität und Ausstattung haben wir noch einiges vor uns“, sagte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Anke Erdmann. Ähnlich äußerte sich ihre Kollegin vom SSW, Jette Waldinger-Thiering: „Es gibt noch viele Stellschrauben, die wir feinjustieren müssen. Eine erfolgreiche Inklusion muss mit ausreichend Personal und Mitteln unterfüttert sein,­ da sind wir dran.“

Auch in Hamburg sind die Schulen dem erklärten Ziel, möglichst alle Kinder - ob mit oder ohne Behinderung - gemeinsam zu unterrichten, deutlich näher gekommen. Laut Studie besuchten im Schuljahr 2013/14 fast 60 Prozent aller Kinder mit Förderbedarf eine Regelschule. Fünf Jahre zuvor hatte der Anteil noch bei 14 Prozent gelegen.

Von knapp 4200 Förderschülern in der Sekundarstufe gingen 2013/14 rund drei Prozent auf ein Gymnasium, die übrigen auf eine Stadtteilschule. „Inklusion findet in Hamburg im Sekundarbereich also hauptsächlich an Gesamtschulen statt“, hieß es. Unterdessen stieg die Zahl der Schüler mit Förderbedarf in Hamburg stark an. Laut Bertelsmann Stiftung betrug deren Quote im Schuljahr 2008/9 noch 5,7 Prozent, in 2013/14 lag sie schon bei 8,8 Prozent.

Die Hamburger Schulbehörde hatte kürzlich eigene Zahlen veröffentlicht. Demnach wurden im Schuljahr 2009/10, dem letzten Jahr vor Einführung der Inklusion in Hamburg, 5227 Kinder und Jugendliche mit Lern-, Sprach- und Entwicklungsproblemen gezählt. Im vergangenen Schuljahr waren es 8031, was einen Anstieg um 40 Prozent bedeutet. Hamburg hat deswegen mehr als 1100 zusätzliche Stellen geschaffen. Erst im Juli hatte der Senat eine Aufstockung um 120 Stellen beschlossen.

Schulsenator Ties Rabe (SPD) hatte im August erklärt, auf dem Weg zu einer gelungenen Inklusion habe Hamburg bereits mehr als die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Rabe wandte sich zugleich gegen Klagen, die Inklusion belaste die Lehrer über die Maßen: „Viele Probleme, die Lehrer und Öffentlichkeit mit der Inklusion verbinden, haben mit Inklusion nichts zu tun.“ Die CDU-Opposition in der Bürgerschaft hatte das Vorhaben dagegen für gescheitert erklärt.

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