Gastbeitrag : Inklusion braucht Zeit

Ob mit oder ohne Behinderung: Bei der Inklusion werden alle Kinder gemeinsam unterrichtet.
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Ob mit oder ohne Behinderung: Bei der Inklusion werden alle Kinder gemeinsam unterrichtet.

Schleswig-Holstein treibt die Inklusion massiv voran – verliert dabei aber zunehmend Anhänger und Unterstützer. Doch schulische Inklusion erfordert Zeit und Ressourcen, findet Ulrich Hase, Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung.

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15. Juni 2014, 11:46 Uhr

Kiel | Menschen mit Behinderung gehören in unsere Mitte! Dies ist zentrales Ziel der Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die seit 2009 in Deutschland geltendes Recht ist. Staaten, Bundesländer und Kommunen sollen dafür Sorge tragen, dass Menschen mit Behinderungen alle Menschenrechte und Grundfreiheiten wie andere Menschen auch wahrnehmen können. In diesem Sinne ist Inklusion als gesellschaftlicher Handlungsauftrag zur Anpassung auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung im Gegensatz zur Integration zu unterscheiden, bei der es vor allem darum geht, individuelle Hilfen zur Eingliederung zu gestalten.

Während Inklusion viele Bereiche wie Arbeit, Bauen, Mobilität oder Tourismus betrifft, zentriert sich das öffentliche Interesse in Schleswig-Holstein nahezu ausschließlich auf schulische Inklusion. Die Integrationsquote von Schülerinnen und Schülern mit Behinderung ist in Schleswig-Holstein im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr hoch. Gegenwärtig sind rund zwei Drittel der 16 000 Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf im gemeinsamen Unterricht an allgemeinen Schulen und ein Drittel in Förderzentren. Tatsächlich werden unsere Schulen schrittweise immer inklusiver, aufnahmebereiter und -fähiger für Kinder mit Behinderungen. Dies ist ein Prozess, der schon seit über 20 Jahren fortschreitet.

Dennoch nimmt aktuell Kritik an der Umsetzung von schulischer Inklusion zu und Probleme anstatt Chancen und Erfolge rücken ins Bewusstsein. Die bisher entstandene Umsetzungsbereitschaft droht zu kippen und Eltern behinderter Kinder fühlen sich verunsichert. Solche, deren Kinder an Förderzentren beschult werden, berichten, dass der zunehmende Einsatz von Lehrkräften in der schulischen Integration zu Lasten des Unterrichts in Förderzentren gehe, da hier nicht mehr genügend Personal zur Verfügung stehe. Lehrkräfte an Regelschulen melden zurück, dass sie sich im gemeinsamen Unterricht überfordert fühlen. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass Schülerinnen und Schüler mit Behinderung an allgemeinen Schulen nicht am gemeinsamen Unterricht teilnehmen, sondern für spezielle Angebote aus der Gruppe ausgesondert werden. Es werden Zweifel geäußert, inwieweit überhaupt alle Menschen mit Behinderung integriert werden können.

Schulische Inklusion ist nicht auf bestimmte Formen von Behinderung begrenzt. Die Frage nach der Integrationsfähigkeit von Kindern mit Behinderung widerspricht dem durch die UN-Konvention gegebenen Menschenrecht auf schulische Inklusion für alle Menschen mit Behinderung. Vielmehr ist zu klären, wie inklusionsfähig unsere Systeme sind und welche Kooperationsformen des Miteinander Lernens geschaffen werden können.

Es ist zu begrüßen, dass die allgemeinen Schulen durch über 1000 Lehrkräfte der Förderzentren unterstützt werden. Dennoch zeigen vielfältige Rückmeldungen, dass die Ressourcen nicht ausreichen und erhebliche weitere Anstrengungen unternommen werden müssen. Personelle Ressourcen sind wichtig, um Team Teaching zu ermöglichen und spezielle Konzepte als Voraussetzung des gemeinsamen Unterrichts zu entwickeln, ohne dass es dabei zu einer Isolation in der Inklusion kommt. Deshalb sollten die neuen Bundesmittel zur Bildungsförderung in Schleswig-Holstein auch für die Anstellung von Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen eingesetzt werden!

Darüber hinaus stellt sich in der schulischen Inklusion zwingend die Frage nach Qualität. Das sieht auch das Bildungsministerium so. Allerdings: Bisher bestehen keine Evaluationen zum Gelingen von schulischer Inklusion. Wichtige Fragen sind hier: Wie groß ist der Erfolg im Hinblick auf fachliche wie soziale Kompetenzentwicklung bei Menschen mit und ohne Behinderung, die in allgemeinen Schulen gemeinsam lernen? Wie stellt sich die Kompetenzentwicklung im Vergleich zum Lernen innerhalb von Förderzentren dar? Wie gestaltet sich der Kontakt behinderter zu nicht behinderten Schülern? Erleben sie sich in Regelschulen im Abseits? Wie wirkt sich die Distanz zur Peergroup ähnlich behinderter Kinder auf das emotionale Empfinden, die Akzeptanz von Behinderung und die Entwicklung von Selbstbewusstsein aus?

Positiv ist, dass das Bildungsministerium die Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern im Bereich der Inklusion vorantreibt und sich mit der zukünftigen Profilierung von Sonderpädagogik auseinandersetzt. Darüber hinaus befasst sich das Land mit der Finanzierung, Schulung sowie mit Standards für Schulbegleitung beziehungsweise Schulassistenz.

Schulische Inklusion geht nicht von heute auf morgen, sondern braucht Zeit. Vor allem muss sie im Einklang mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen umgesetzt werden. Gleichzeitig stellt sie einen Auftrag für alle dar, für den Bund, das Land und die Kommunen. Ein erfolgreiches Inklusionskonzept des Bildungsministeriums hängt entscheidend davon ab, inwieweit es gelingt, frühzeitig einen fraktionsübergreifenden Konsens unter Mitwirkung der Lehrerschaft, Eltern sowie Menschen mit Behinderung zu erzielen.

Ulrich Hase ist seit 1995 hauptamtlicher Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung in Schleswig-Holstein. Darüber hinaus hat er eine Honorarprofessur im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Fachhochschule Kiel. Hase ist Jurist und schloss zudem sein Studium der Sonderpädagogik mit einer Dissertation ab.
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