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Jost de Jager : „Ich bin nicht im Groll geschieden“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor knapp einem Jahr ist Jost de Jager aus der ersten Reihe der Landespolitik ausgestiegen – jetzt spricht er erstmals ausführlich über sein neues Leben.

shz.de von
erstellt am 04.Dez.2013 | 06:48 Uhr

Herr de Jager, was haben Sie am vorletzten Sonnabend gemacht?
Da war ich Zuschauer bei einem Turnier des Boxclubs BC 78 von Eckernförde. Ich kenne den Vorsitzenden ganz gut, und der hatte mich dazu eingeladen.

Boxen passt ja ganz gut dazu, wie es stellenweise auf Parteitagen zugeht. Haben Sie an dem Sonnabend daran gedacht, dass zeitgleich Landesparteitag der CDU war?
Natürlich. Ich habe den Freunden dort auch alles Gute gewünscht – mich aber selbst gefreut, dass ich Zeit hatte, zu dem Turnier zu gehen.

Sind Sie seit Ihrem Rückzug aus der Landespolitik überhaupt mal wieder bei einer CDU-Veranstaltung gewesen?
Meine selbstverordnete Karenzzeit ist mit dem jährlichen Grünkohlessen meines heimatlichen Ortsverbands Eckernförde am letzten Freitag zu Ende gegangen.

Wie halten Sie es aus, einer Partei verbunden zu bleiben, für die Sie nach Christian von Boettichers Abhandenkommen einen Achtungserfolg bei der Landtagswahl hingelegt haben – in der aber keiner bereit war, Ihnen Platz zu machen für ein Landtagsmandat oder eine Bundestagskandidatur?
Da ist nicht viel auszuhalten. Es ist nun mal so, dass nach der Wahl die Umstände ausgesprochen unglücklich waren, ich auch in persönlich schwierige Situationen gekommen bin. Ich habe schließlich bewertet, ob ich – nach allem, was war – noch eine positive Prognose habe, den Landesverband sehr kräftig zu führen und zu erneuern. Aber ich bleibe Christdemokrat aus voller Überzeugung. Ich bin nicht im Groll geschieden. Ich bin seit 30 Jahren in der CDU, sie ist ein Stück Heimat.

Haben Sie auch positive Seiten am Leben außerhalb der Politik entdeckt?
Die Lebensqualität ist nicht notwendigerweise schlechter. Am meisten genieße ich, dass ich weniger ferngesteuert bin. Dass ich überhaupt mehr Zeit habe. Meine Frau und ich haben jetzt zum Beispiel eine Dauerkarte bei Holstein Kiel.

Geht die Freude so weit, dass Sie am Ende dankbar sind, dass Ihre hartnäckige Konkurrentin um die Bundestagskandidatur im Wahlkreis Schleswig-Flensburg Ihren Abschied von der Politik befördert hat?Nein, das dann doch nicht. Wobei mein Verhältnis zu meiner einstigen Konkurrentin gut ist. Wir haben während des Bundestagswahlkampfes telefoniert. Aber man muss die Lebenssituation annehmen, in der man sich befindet. Ich arbeite an meinen neuen Aufgaben, die mir Spaß machen.

Neue Aufgaben heißt konkret was?
Mein Schreibtisch steht seit einigen Wochen in Hamburg. Als Senior Advisor bei einem führenden Personalberatungsunternehmen betreue ich das Kompetenzfeld Public Services. Ich helfe öffentlichen Arbeitgebern – unter anderem Ministerien, Behörden, kommunalen Unternehmen, Krankenhausträgern, Stiftungen oder Gesellschaften für Wirtschaftsförderung – bei der Suche nach Fach- und Führungskräften.

Es ist ein Mentalitätswechsel vom politischen Geschäft in die Wirtschaft. Was sticht Ihnen dabei am meisten ins Auge?
Der Unterschied ist in der Tat gewaltig. In der Politik sind Sie ziemlich gut gepuffert nach allen Seiten. Im Prinzip haben Sie für alles, was Sie machen, jemanden, der es macht. Als Minister gucken Sie nur noch drüber. In einem Unternehmen machen Sie viel mehr selbst, etwa Vorträge schreiben. Das ist ein Stück unmittelbarer. Man bringt sehr viel mehr von sich konkret ein. Daran muss man sich anfangs erstmal gewöhnen, aber es tut ausgesprochen gut.

Schwingt da Bedauern mit, dass Sie Politik im Vergleich als ein Stück unauthentisch empfinden?
Dieses Abgepuffert-Sein ist ja nicht durch die Politik selbst konstruiert, sondern das Ergebnis der Umstände. Ich will nicht sagen, ob es gut oder schlecht ist, es ist einfach ein Stück anders.

Sie haben auch einen Lehrauftrag an der Business School Berlin-Potsdam. Was vermitteln Sie Ihren Studenten?
Jedenfalls kein politisches Vermächtnis. Ich gebe an drei Tagen im Semester ein Seminar zu politischer Kommunikation. Da gehen wir der Frage nach, wie sie funktioniert und wie nicht.

Welche Beispiele bringen Sie da aus der Amtszeit der letzten Landesregierung?
Natürlich war unsere Regierung in weiten Teilen auch gut. Wir haben es geschafft, ein Stück Aufbruchstimmung zu erzeugen. Nicht gelungen ist es in der Rückbetrachtung, den Sparkurs zu vermitteln. Daraus kann man die Lehre ziehen, wie schwer es ist, eine abstrakte Idee – hier gesunde Haushalte – so umzusetzen, dass sie die Menschen erreicht. Am Ende war dieser Sparkurs immer kalt. Und die Formeln der politischen Konkurrenz – „es geht um die Bildung, es geht um die Kinder“ – waren immer warm.

Sprechen Sie die Menschen noch auf Ihren plötzlichen Politik-Ausstieg an?
Ja, nach wie vor häufig, auch einfach so auf der Straße. Die Menschen außerhalb der Politik haben mich fast immer verstanden. Die wundern sich eher, wie lange man das mitgemacht hat.

Können Sie selbst Politik inzwischen mit dem Blick von außen wahrnehmen, wenn Sie die Medien verfolgen?
Ich merke, dass ich die Medien noch immer mit der Brille des Berufspolitikers verfolge: Worauf muss ich jetzt reagieren, wozu muss ich was sagen? Und ich merke, dass ich mit der politischen Erfahrung, die ich habe, immer stark nach der Geschichte hinter der Geschichte suche.

Und da überkommt Sie nicht die Versuchung zu reagieren, wenn es mal wieder heißt, die CDU-Landtagsfraktion könne in ihrer jetzigen Besetzung nicht richtig Opposition?
Man muss fair mit der Situation umgehen. Für die CDU-Landtagsfraktion ist es eine ausgesprochen große Herausforderung, Opposition gegen eine Regierung zu machen, die zum Teil so wenig tut, dass sie keine Angriffsfläche bietet.

Viele finden, es ist eine große Herausforderung für die CDU-Fraktion, dass Sie nicht dabei sind.
Das wäre nett, wenn das so empfunden würde. Aber es ist ja nun mal so. Falsch wäre es, sich aus dem sicheren Abstand des Privatlebens dazu zu äußern.

Wird Ihr Nachfolger als Landesvorsitzender, Reimer Böge, Spitzenkandidat bei der nächsten Landtagswahl?
Das muss in erster Linie er entscheiden. Er hat alle Möglichkeiten. Ich stelle fest, dass er die Partei mit sehr ruhiger Hand führt und dass das der Partei guttut.

Schließen Sie selbst langfristig eine Rückkehr in die aktive Politik aus?
Das beschäftigt mich nicht. Mich beschäftigt der Stau auf der A7, wenn ich zur Arbeit nach Hamburg unterwegs bin. Es ist ein Unterschied, ob man ein verkehrspolitisches Problem berät oder in ihm sitzt.

Ihre Schlussfolgerung?
Ich fahre mehr Zug.

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