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Andrang am Bahnhof : Hunderte Flüchtlinge stranden in Flensburg

vom

Stündlich kommen 60 bis 80 neue Flüchtlinge an. „Das haben wir in Flensburg noch nicht erlebt", sagt ein Feuerwehrmann.

Flensburg | Immer mehr Flüchtlinge kommen auf Ihrem Weg Richtung Norden nach Schleswig-Holstein - das bringt die Behörden und ehrenamtlichen Helfer an ihre Grenzen. In Flensburg warteten am Sonntagvormittag rund 350 Flüchtlinge auf Ihre Weiterreise nach Dänemark. Die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Kräfte der Stadt Flensburg hätten am Samstag rund 2500 Flüchtlinge betreut, sagte die Landtagsabgeordnete Simone Lange (SPD) am Morgen. Die Bundespolizei richtete präventiv Absperrungen ein und ordnete das Chaos vor dem Reisezentrum der Deutschen Bahn, wo die Flüchtlinge ihre Tickets Richtung Schweden kaufen wollen. Das Technische Hilfswerk Flensburg unterstützt die Bundespolizei dabei. Stündlich kommen 60 bis 80 neue Flüchtlinge hier an.

Die Schlange reicht bis weit vor die Tür. THW und Bundespolizei haben Absperrungen eingerichtet.

Die Schlange reicht bis weit vor die Tür. THW und Bundespolizei haben Absperrungen eingerichtet.

Foto: Karsten Sörensen
 

„Das haben wir in Flensburg noch nicht erlebt", sagt Einsatzleiter Rainer Blaas von der Berufsfeuerwehr Flensburg, die auch vor Ort ist. „In der Nacht zum Sonntag mussten wir 457 gestrandete Flüchtlinge in Notunterkünften und Turnhallen der Stadt unterbringen. Das ist bislang die höchste Zahl an Hilfesuchenden.“ Wieder übernachteten auch Flüchtlinge im Flensburger Bahnhof.

Die ehrenamtlichen Helfer dort riefen am Wochenende über Facebook zu Spenden auf.

AKTUELLE BEDARFSLISTE(Stand 12:21 Uhr)Auch in Woche 5 benötigen viele Menschen weiterhin unsere Hilfe.Wir sind auch...

Posted by Refugees Welcome - Flensburg on  Sonntag, 18. Oktober 2015

 

Wieso kommen gerade jetzt so viele Flüchtlinge im Norden an? Die Aufnahmemöglichkeiten in Kiel und Rostock sind nahezu erschöpft, also kommen mit der Bahn mehr Flüchtlinge nach Flensburg. Die Kapazitäten der Weiterreise in der dänischen Bahn ab Flensburg sind begrenzt. Busse wurden angefordert. Nur Reisende mit gültigen Tickets werden von der dänischen Staatsbahn auch tatsächlich transportiert.

Nicht nur in Flensburg ist die Situation angespannt. Ein Überblick vom Wochenende:

Innenminister Stefan Studt (SPD) besuchte am Sonntagmittag Flensburg und verschaffte sich einen Eindruck von der Lage am Bahnhof.

Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt im Gespräch mit einem Flüchtling am Flensburger Bahnhof.

Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt im Gespräch mit einem Flüchtling am Flensburger Bahnhof.

Foto: Karsten Sörensen
 

Auch dem Brandort der Flüchtlingsunterkunft stattete er einen Besuch ab. Studt appellierte nach dem Attentat auf die Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker an die Bürger, sich durch politisch motivierte Gewalt nicht einschüchtern zu lassen. „Die offene Gesellschaft ist in Gefahr. Wenn Menschen niedergestochen werden und wenn Häuser brennen, dann kann das eine grundsätzliche Angst bei der Bevölkerung schüren“, teilte Studt am Sonntag mit. Als Beispiel einer positiven Reaktion nannte er Flensburg, wo Bürger nach einem „feigen Anschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft“ ihr Herz in die Hand genommen hätten und auf die Straße gegangen seien. „Das ist der richtige Weg und das hat mir sehr imponiert.“

Studt warnte davor, Flüchtlingsunterkünfte zu stigmatisierten Orten am Rande der Gesellschaft zu erklären. „Diese Menschen gehören in unsere Mitte.“ Studt hatte am Wochenende Erstaufnahmeeinrichtungen besucht und bilanzierte: „Die Lage ist insgesamt ruhig, die Verhältnisse sind geordnet.“ Die Zahl der Erstaufnahmeplätze solle aber weiter erhöht werden.

Außerdem fordert Studt die schnellstmögliche Einführung eines bundesweit einheitlichen Registrierungssystems für Flüchtlinge. Bislang seien die Systeme etwa der Bundespolizei, des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sowie der Landesbehörden und der Bundesagentur für Arbeit nicht kompatibel, sagte Studt den „Kieler Nachrichten“.

In Schleswig-Holstein ist auch die Landespolizei im Einsatz für die Flüchtlinge. Für den Innenminister zählt jeder Mann bzw. jede Frau: 165 Polizisten hat Stefan Studt zurzeit in der „Besonderen Aufbauorganisation“ (BAO) für Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen eingesetzt. Sie wurden von ihren „normalen“ Dienstposten – zum größten Teil im Landespolizeiamt und bei der Wasserschutzpolizei – abgezogen. Weitere 60 Beamte gewährleisten die Sicherheit in den Erstaufnahmeeinrichtungen.

In Eutin und Neumünster stehen zudem „zur Bewältigung besonderer Einsatzlagen“, wie es im Polizeideutsch heißt, weitere 144 Einsatzkräfte in Bereitschaft – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die zusätzliche Arbeit geht zu Lasten bisheriger Aufgaben. So haben viele Reviere die Verkehrsüberwachung fast komplett eingestellt, in Itzehoe wurde jetzt die Präventionsarbeit auf Eis gelegt. Folge unter anderem: Die Ausbildung von Schülerlotsen findet derzeit nicht statt. Und der Personalbedarf für die Flüchtlingsarbeit der Polizei steigt – immer mehr Unterkünfte werden im Land eingerichtet, die bestehenden werden größer. Dabei haben viele Aufgaben, die auf die Beamten in den Unterkünften warten, mit der „normalen“ Polizeiarbeit nichts zu tun.

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erstellt am 18.Okt.2015 | 14:26 Uhr

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