Stromleitungen im Norden : Höchstspannung - das neue Netz

Stromnetzausbau in Schleswig-Holstein. Foto: sh:z
Stromnetzausbau in Schleswig-Holstein. Foto: sh:z

Die Pläne für den Ausbau der Stromleitungen in Schleswig-Holstein nehmen schon Formen an - und alarmieren Bürger. Sie wollen weder Elektrosmog noch hohe Masten.

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30. März 2011, 09:04 Uhr

Kiel | Quickborns Bürgermeister Thomas Köppl will kein Bremser sein. "Wir sind nicht grundsätzlich gegen die neue Höchstspannungsleitung", sagt der CDU-Politiker. Ihn stört aber, dass bei der Planung der 380.000-Volt-Trasse im Kreis Pinneberg Gesundheitsbedenken der Bürger wegen "der elektromagnetischen Belastung keine Rolle spielen". Schließlich stünden die Magnetfelder im Verdacht, das Leukämierisiko für Kinder zu erhöhen. Köppl fordert daher vom holländischen Netzbetreiber Tennet, den vorgesehenen Verlauf der Leitung vom niedersächsischen Elbufer nach Hamburg so zu ändern, dass sie fern von Wohngebieten liegt oder zumindest dort unterirdisch verlegt wird.
Was die Bürger westlich von Hamburg alarmiert, könnte schon bald die Menschen in weiten Teilen Schleswig-Holsteins beunruhigen. Denn wenn die Pläne der Landesregierung für einen deutlichen Ausbau der Windkraft und die dazu nötige Erweiterung der Stromnetze Wirklichkeit werden sollen, müssen im Land 600 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen von 380 Kilovolt (KV) gezogen werden - davon zwei Drittel auf neuen Trassen und ein Drittel wie im Kreis Pinneberg anstelle der alten 220-KV-Leitungen. Das geht aus Plänen hervor, die Tennet jetzt im Wirtschaftsausschuss des Landtags präsentiert hat.
Netzbetreiber rechnen damit, dass 9000 Megawatt realistisch sind
So soll entlang der Westküste eine neue Höchstspannungsleitung zur Aufnahme von Windstrom entstehen. Die Linienführung ist noch offen, doch verläuft der Korridor in etwa von Niebüll über Husum und Heide nach Brunsbüttel und von dort weiter nach Süddeutschland. Ebenso ist an der Ostseeküste zwischen Lübeck, Heiligenhafen und Kiel eine neue Verbindung nötig. Zudem müssten die drei 220-KV-Leitungen, die vom Norden Hamburgs nach Brunsbüttel, Rendsburg und Lübeck führen, auf 380 KV verstärkt werden. Gleiches gilt für die Trasse Rendsburg-Kiel.
Doch nicht nur das dem Strom-Überlandtransport dienende 380-KV-Netz muss erweitert werden, sondern auch das zur Stromverteilung installierte 110-KV-Netz, das im Norden Eon betreibt. Schon jetzt laufen drei Projekte; für die Leitung von Flensburg nach Breklum haben gerade schon die Bauarbeiten begonnen. Allerdings sind die Pläne von Eon bisher für ein Szenario ausgelegt, bei dem die Leistung der erneuerbaren Energien im Land in den nächsten vier Jahren auf 4000 Megawatt steigt. Inzwischen rechnen die Netzbetreiber aber damit, dass 9000 Megawatt realistisch sind. Daher müsste nicht nur Tennet sein Netz wie beschrieben verstärken, sondern auch Eon in sieben Regionen zusätzlich investieren - unter anderem in Nordfriesland, Dithmarschen, Steinburg, Ostholstein und bei Flensburg.
Landesregierung will Ausbau der Windkraft und Netze rascher voranbringen
Dass die neuen Leitungen bereits 2015 stehen, ist sehr unwahrscheinlich. Zwei Hindernisse bremsen den Ausbau der Stromnetze: Erstens ist den Betreibern die Netzrendite von maximal sieben Prozent oft zu niedrig; daher zögern sie mit Investitionen. Zweitens zieht sich die Planung für den Leitungsbau lange hin - nicht zuletzt wegen Klagen von Bürgern, die keinen Elektrosmog und keine 60 Meter hohen Masten in ihrer Nähe haben wollen. "Im Schnitt dauern die Genehmigungsverfahren acht bis zehn Jahre", sagt Tennet-Sprecherin Cornelia Junge.
Allerdings will die Landesregierung den Ausbau der Windkraft und der Netze nach dem Atomdesaster von Fukushima nun rascher voranbringen. Zwei Vorschläge hat Wirtschaftsminister Jost de Jager (CDU) dazu gemacht: Er regt an, Betreibern eine um zwei Prozentpunkte höhere Netzrendite zu zahlen, wenn sie bis Ende 2012 genehmigungsreife Pläne für neue Leitungen vorlegen. Und er fordert vom Bund ein "Maßnahmenvorranggesetz", das die Projekte beschleunigt und den Rechtsweg nach der Planfeststellung ausschließt. Vorher sollen die Bürger aber angemessen beteiligt werden.
Erdkabel - teure Variante
Wenn es nach deren Wünschen geht, wird der Ausbau dagegen vor allem teurer. So hat sich nicht nur in Quickborn, sondern auch in Breklum längst eine Bürgerinitiative gebildet, die fordert, dass der Strom durch Kabel unter der Erde fließt statt durch Freileitungen. Erdkabel aber sind den Betreibern zu kostspielig, da sie den entstehenden Mehraufwand nicht in ihr Netzentgelt einrechnen dürfen. Allerdings sagt die energiewirtschaftliche Sprecherin der Grünen, die Flensburger Bundestagsabgeordnete Ingrid Nestle, dass es langfristig kaum einen Preisnachteil gibt: "Erdkabel sind im Bau zwar teurer, aber im Betrieb günstiger, weil es viel seltener zu Störungen kommt." Sie fordert daher prinzipiell eine unter irdische Verkabelung von 110-KV-Leitungen in der Nähe von Wohngebieten.
Schwieriger ist das bei den 380-KV-Trassen. Hier ist die Erdverkabelung noch mal aufwendiger, da eine breitere Schneise gezogen werden müsste. Auch gäbe es spürbare Auswirkungen auf die Umwelt: Direkt über dem Boden entstünde ein stärkeres Magnetfeld als unter einer Freileitung, das Erdreich würde sich zudem erwärmen und austrocknen. Nestle hat daher für die Höchst spannungs leitung an der Westküste einen anderen Vorschlag: "Man könnte den Bau mit der Elektrifizierung der Bahnstrecke verbinden." Ähnliches regt Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) an: "Wir sollten prüfen, ob wir neue Leitungen an Autobahnen oder Bahnlinien ver legen."
(bg, shz)

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