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Leistungsvergleich an Schulen : Höchstens die Note 3 für Schleswig-Holstein

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Die Schüler in Schleswig-Holstein und Hamburg können in Mathematik und Naturwissenschaften nicht mit den Mädchen und Jungen in den ostdeutschen Bundesländern mithalten. shz.de beantwortet Fragen über die neue Leistungs-Studie. Und wer Lust hat, darf sogar rechnen.

shz.de von
erstellt am 11.10.2013 | 15:30 Uhr

Kiel | Mehr als 44.000 Schüler aus neunten Klassen aller Schulformen haben bei dem neuen Schulleistungsvergleich der 16 Bundesländer mitgemacht. Die Kultusministerkonferenz stellte die Ergebnisse heute vor. Schleswig-Holsteins Schüler schnitten durchschnittlich ab, die Hamburger eher schlecht. Es ging um die Leistungen in Mathematik, Biologie, Chemie und Physik. shz.de beantwortet Fragen über die Untersuchung:

Was wurde geprüft?

In Mathematik wurden sechs Kompetenzformen aus dem gesamten Spektrum mathematischen Arbeitens untersucht, wie „Probleme mathematisch lösen“ aber auch „Raum und Form“ sowie „Daten und Zufall“. In den Naturwissenschaften ging es vor allem um Grundbildung, aber auch um fachübergreifendes Problemlösen.

Nach welchen Kriterien wurden die Testaufgaben konzipiert?

Basis waren die von den Kultusministern für alle Bundesländer verbindlich eingeführten Bildungsstandards. Sie beschreiben, was ein Schüler am Ende einer Jahrgangsstufe können soll und gelten für Lehrer als pädagogische Zielvorgabe. Damit wurden die alten, in den Bundesländern unterschiedlichen Lehrpläne an den Schulen abgelöst.

Wie lief der Test ab?

Die Untersuchung fand vormittags in der Schule statt und dauerte jeweils etwa dreieinhalb Zeitstunden (inklusive Pausen). Hinzu kamen anschließend Interviews mit Schülern, Fachlehrern und Schulleiter über die Lernbedingungen. Mitarbeiter des ländereigenen Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Berliner Humboldt-Universität hatten im Mai und Juni 2012 mehr als 1300 Schulen im gesamten Bundesgebiet besucht.

Beispielaufgaben gefällig?

Mathe: Eine Tanksäule informiert die Kunden mit dem Aufkleber „Je Euro 73 Cent Steuern“ über die Steuerbelastung beim Benzinpreis. Wieviel Steuern erhält der Staat, wenn diese Tanksäule einen Preis von 58,51 Euro anzeigt? ( ) 15,80 Euro ( ) 34,47 Euro ( ) 42,71 Euro ( ) 73,00 Euro ( ) 90,45 Euro  (richtige Antwort: 42,71 Euro)

Physik: Florian erzählt seinem Freund Robin, wie man die Entfernung eines Gewitters berechnet: „Blitz und Donner entstehen gleichzeitig. Den Lichtblitz siehst Du sofort, der Schall braucht für jeden Kilometer etwa drei Sekunden Zeit. Du zählst einfach die Sekunden zwischen Blitz und Donner, teilst die Zahl durch drei und weißt dann, wie viele Kilometer das Gewitter weg ist.“ „Das klingt sehr schlau“, sagt Robin. „Aber was ist eigentlich mit dem Licht? Das braucht doch auch Zeit!“  (richtige Antwort: Die Geschwindigkeit des Lichts ist so hoch, das die benötigte Zeit vernachlässigt werden kann.)

Welche Länder liegen vorne?

Ostdeutsche Schüler sind in Mathematik und Naturwissenschaften weitaus leistungsstärker als die meisten ihrer westdeutschen Altersgenossen. Im Westen erzielen durchgängig nur Bayern und Rheinland-Pfalz Leistungswerte, die statistisch bedeutsam über dem Bundesdurchschnitt (500 Punkte) liegen - im Einzelfall auch Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Im Osten sind es alle Bundesländer. In Mathematik ist Sachsen absoluter Spitzenreiter mit 536 Punkten, gefolgt von Thüringen (521) und Brandenburg (518). Schlusslicht ist Bremen mit 471 Punkten. Unter den westdeutschen Bundesländern schneiden die Schüler aus Bayern in allen geprüften vier Fächern am besten ab.

Wie ist das Ergebnis in Schleswig-Holstein ausgefallen?

Die Schüler in Schleswig-Holstein sind in Mathematik und Naturwissenschaften im Mittelfeld gelandet. Die Tests ergaben, dass die Mädchen und Jungen aus dem Norden in Biologie (505 Punkte), Physik (504) und Mathematik (502) über dem Bundesdurchschnitt von 500 Punkten lagen. In Chemie verfehlten sie mit 499 Punkten den Mittelwert ganz knapp.

Wie reagierte die Landespolitik auf die Ergebnisse?

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Waltraud Wende (parteilos) sagte zum starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg, ihr Bundesland steuere dagegen. So würden Lehrer in Aus- und Fortbildung immer fitter gemacht, damit sie Bedarf für individuelle Förderung besser erkennen und entsprechend handeln.

Die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Heike Franzen, forderte in Kiel: „Wir müssen jetzt mit Nachdruck daran arbeiten, wie die Wissensvermittlung noch besser werden kann.“ Die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer „sind schließlich ein wichtiges Rüstzeug für das spätere Leben unserer Kinder“.

Wie ist das Ergebnis in Hamburg ausgefallen?

Hamburgs Schüler haben eher schlecht abgeschnitten. Die Ergebnisse der Neuntklässler aus der Hansestadt liegen in Biologie (487 Punkte), Physik (482), Mathematik (489) und in Chemie (484) deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.

Welche Stimmen folgten aus Hamburg auf die Resultate?

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte, bei der Analyse der wenig überraschenden Ergebnisse dürfe es keine Schnellschüsse geben. „Zudem muss berücksichtigt werden, dass Hamburg mit 43,2 Prozent mit Abstand den höchsten Anteil an Schülerinnen und Schülern mit einem Zuwanderungshintergrund hat“, sagte Rabe. Der in der Spitzengruppe beispielsweise in Thüringen, Brandenburg und Sachsen betrage nicht einmal zehn Prozent. Schritte zur Verbesserung der Situation - kleinere Klassen, mehr Lehrkräfte, Ganztagsangebote - seien bereits eingeleitet worden.

Was sagt die Punktevergabe konkret aus?

Ein Unterschied von 25 bis 30 Punkten entspricht in etwa dem Lernfortschritt eines Schuljahres. Sächsische Schüler der 9. Klasse sind damit ihren Bremer Altersgenossen rund zwei Schuljahre voraus. Ähnlich große Leistungsunterschiede gibt es auch in der Physik. Zwischen Spitzenreiter Sachsen und dem Schlusslicht Nordrhein-Westfalen beträgt der Lernabstand ebenfalls rund zwei Jahre.

Wie sind die Ergebnisse zu interpretieren?

Der Schultest ergibt diesmal kein Nord-Süd-Gefälle, sondern eines von West nach Ost. Bei Schulvergleichen lagen bisher meist die süddeutschen Bundesländer vorn. Diesmal ist es der Osten. Naturwissenschaften und Mathematik galten von jeher als besondere Domäne der DDR-Schulen. Auch auf die Fachlehrerausbildung wurde besonderer Wert gelegt. Außerdem spielen die Naturwissenschaften auf den Stundentafeln der ostdeutschen Schulen heute noch eine größere Rolle als im Westen.

Welche weiteren Ergebnisse enthält die Untersuchung?

Die Studie belegt erneut die erschreckend hohe Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft in Deutschland. Neuntklässler aus der Oberschicht haben gegenüber Gleichaltrigen aus bildungsfernen Schichten einen Lernvorsprung in Mathematik von fast drei Schuljahren. Bundesweit erreichen laut den Ergebnissen Schüler aus sozial besser gestellten Familien in Mathematik im Durchschnitt 82 Punkte mehr als Jugendliche aus sozial schwächer gestellten Familien. „Dies entspricht einem Leistungsvorsprung von fast drei Schuljahren zugunsten der Schülerinnen und Schüler mit einem hohen Sozialstatus“, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Auswertung. Bei der Förderung von Kindern aus bildungsfernen Schichten tun sich in den Naturwissenschaften besonders Rheinland-Pfalz (Physik) und Sachsen (Biologie) hervor, während die Abhängigkeit von Herkunft und Schulerfolg in diesen Fächern besonders in Hamburg überdeutlich wird. In Mathematik werden die Leistungsunterschiede zwischen Kindern aus Akademikerfamilien und bildungsferneren Schichten besonders in Brandenburg deutlich.

Gibt es Kritik an den Bundesländervergleichen?

Bildungsexperten raten seit Jahren, nicht ganze Bundesländer miteinander zu vergleichen, sondern besser Regionen mit ähnlichen Wirtschaftsstrukturen und Problemlagen. Also etwa Berlin mit dem Ruhrgebiet, wegen des hohen Anteils an Schülern mit Migrationshintergrund, oder ländliche Gebiete im Osten Deutschlands mit denen im Westen, wegen Abwanderung und Bevölkerungsrückgang.

Welche weiteren Schulleistungs-Untersuchungen gibt es?

Der „Klassiker“ ist die weltweite PISA-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Des Weiteren gibt es noch die internationale IGLU-Grundschulstudie und die internationale TIMSS-Untersuchung mit den Schwerpunkten Mathematik und Naturwissenschaften - sowohl für die Grundschule als auch für die achten Klassen. Allerdings haben die Kultusminister bei PISA und IGLU die zuvor üblichen Bundesländervergleiche gestoppt.

 

 

 

 

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