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Arbeitsbelastung der Schüler : Hausaufgabenbremse? Ministerin Britta Ernst gibt Lehrern in SH freie Hand

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hausaufgabenfreie Tage per Erlass? Die Hausaufgabenbremse ist in Schleswig-Holstein kein Thema. Hamburg hingegen entlastet die Schüler.

shz.de von
erstellt am 17.Aug.2015 | 19:32 Uhr

Während andere Bundesländer auf die Hausaufgabenbremse treten und die Arbeitsbelastung der Schüler per Erlass begrenzen, setzt das Kieler Bildungsministerium auf den gesunden Menschenverstand. „Ich gehe davon aus, dass die Lehrer die Belastung der Schüler im Auge haben und gut, kompetent und in Eigenverantwortung das Problem mit den Hausaufgaben lösen“, erklärte Ministerin Britta Ernst (SPD) am Montag. Für einen Erlass, wie er in Hamburg pünktlich zu Schuljahresbeginn in Kraft tritt, gebe es in Schleswig-Holstein keine Pläne, bekräftigte die Ministerin.

Damit stellt sich die ehemalige Chefin der SPD-Bürgerschaftsfraktion in der Elbmetropole gegen die Vorgaben des Hamburger Schulsenators Ties Rabe. Der verfügte jüngst, dass in den Klassen 5 bis 7 Nachmittagsunterricht nur noch an höchstens einem Tag, in den Klassen 8 und 9 an höchstens zwei Tagen pro Woche zulässig ist. Hausaufgaben dürfen dann nicht aufgegeben werden. An allen andern Tagen dürfen sie in der 5. bis 7. Klasse höchstens 60, bis zu 10. Klasse höchstens 75 Minuten dauern. Mehr als zwei Klassenarbeiten pro Woche sind nicht erlaubt.

Solche Vorgaben, wie sie ähnlich auch im rot-grün regierten Nordrhein-Westfalen jetzt amtlich sind, findet selbst Schleswig-Holsteins Schülersprecher Simon Becker „völlig unnötig“. Der Vorsitzende des hiesigen Philologenverband Helmut Sigmon hält sie für „völlig absurd“. Die Hausaufgabenbremse sei das falsche Signal.

„Schüler arbeiten unterschiedlich schnell“, gibt Sigmon zu bedenken. Mit der zeitlichen Begrenzung schade man schwachen Schülern, die die Übung bräuchten.

Für Sigmon ist das Ganze nur eine unangemessene Reaktion auf Klagen der Eltern wegen des Schulstresses in Folge des Turboabiturs. „Kaum jammert jemand, produziert die hilflose Bildungsverwaltung solche unpraktikablen Regelungen“, schimpft Sigmon und findet – was eher selten vorkommt – in Britta Ernst unverhofft eine Mitstreiterin. Die lässt sich offenbar nicht wie ihre Amtskollegen an Elbe und Rhein durch die Rolle Rückwärts aus der Fassung bringen, die soeben in Niedersachsen vollzogen wurde.

Dort ist Rot-Grün wegen des massiven Elternprotestes gegen G8 jetzt wieder zum Abitur nach neun Jahren zurückgekehrt. Auch in Hamburg gibt es nach wie vor starken Widerstand. Mit dem Maßnahmenpaket reagiert Rabe auf Kritik von Eltern, viele Schüler seien mit dem achtjährigen Abitur überfordert, für Hobbys bleibe viel zu wenig Zeit. Die Initiative „G9 Jetzt“ will per Volksdemokratie die Rückkehr zur 13-jährigen Schulzeit an Hamburgs Gymnasien erzwingen.

In Schleswig-Holstein hingegen konnte „G9 Jetzt “ nicht die nötigen Stimmen für eine Revision zusammenbekommen. Allerdings gibt es an 15 der insgesamt 99 Gymnasien im Norden noch ein Abitur in neun Jahren. An vier Y-Schulen können Eltern sogar zwischen Turbo-Zug und Langsam-Zug wählen. Die restlichen 84 Gymnasien führen nach acht Jahren zum Abitur. Dort, wo Eltern Wahlmöglichkeiten haben, entschieden sie sich zuletzt mehrheitlich für G9.
 

Kommentar: Ministerin macht ihre Hausaufgaben

Übung  macht  den Meister – ein überholter Spruch aus Zeiten, in denen man das Einmaleins noch aus dem Kopf können musste? Wohl kaum. Hausaufgaben sind auch heute noch sinnvoll, um neu Gelerntes durch mehrfaches Anwenden zu festigen. Die Bildungsexperten an Rhein und Ruhr sind auf dem Holzweg, wenn sie ein zeitliches Limit für die Menge der Hausaufgaben detailliert festlegen. Gut, dass die Kieler Ministerin den Irrlichtern nicht hinterher rennt und auf das Verantwortungsbewusstsein ihrer Lehrer setzt.  

Rein rechnerisch begrenzt zum Beispiel Hamburg die Dauer der häuslichen Arbeit für Achtklässler pro Fach und Woche auf 18 Minuten. Kellers „Kleider machen Leute“  oder Presslers „Nathan und seine Kinder“ kann der Deutschlehrer also nicht mehr zu Hause lesen lassen. Und überhaupt: Was ist der Maßstab? Der langsame Schüler, der sich Vokabeln nur schwer merken kann, oder der Überflieger, der alles aus dem Ärmel schüttelt? Zwar wird behauptet, mit der Deckelung solle nicht weniger, sondern gleichmäßiger und entspannter gelernt  werden. Doch zu Recht fürchten Kritiker, dass dahinter nur eine weitere Niveauabsenkung auf dem Weg zum Discountabitur für alle steckt.

Ein Allheilmittel  zum Stressabbau beim Turboabitur ist ein Hausaufgabenerlass jedenfalls nicht. Er lindert nicht einmal die Symptome, da er Lehrern, die ihren Job gut machen, ein wichtiges Diagnosemittel aus der Hand reißt. Gerade wenn es mit der Stoffvermittlung hopplahopp geht, müssen sie   – schon vor der Klassenarbeit – kontrollieren können, ob alle noch mitkommen. Übrigens gibt es ein gutes Instrument, um Schüler vor Überlastung zu bewahren: das gute alte Klassenbuch. In der Spalte  „Hausaufgaben“ kann jeder Lehrer nachlesen, was  seine Kollegen den  Kids schon aufgebrummt haben oder ob eine Klassenarbeit ansteht. Verantwortungsvolle Pädagogen und Kinderfreunde halten sich dann zurück und lassen ihren Schützlingen noch Zeit zum Spielen und für Hobbys. Dafür braucht es keinen Erlass. Gut, dass sich im Norden darin alle einig sind.

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