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Altersarmut im Norden : „Hartz IV für Alte“: Zahl der Bezieher in SH explodiert

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Für fast 40.000 Schleswig-Holsteiner reicht die reguläre Rente nicht zum Leben. Seit 2003 hat sich die Zahl mehr als verdoppelt.

shz.de von
erstellt am 08.Okt.2017 | 19:00 Uhr

Kiel | Experten werten es als Zeichen, dass die Altersarmut im Norden drastisch wächst: Die Zahl der Schleswig-Holsteiner, die mit Grundsicherung ihre Rente auf ein mit Hartz IV vergleichbares Niveau aufstocken, hat sich seit 2003 mehr als verdoppelt. Der Kreis der Bezieher ist seitdem von 17.517 auf 39.305 gestiegen. Das zeigt eine Antwort des Sozialministeriums auf eine Anfrage des CDU-Landtagsabgeordneten Werner Kalinka. Demgegenüber stieg die Zahl der Rentner insgesamt nur um neun Prozent. „Eine sehr heftige Größenordnung“, kommentiert der CDU-Sozialpolitiker den Trend bei der Grundsicherung. „Das macht deutlich, dass das Problem des sozialen Ausgleichs aktueller denn je ist“, schlussfolgert Kalinka. „Umso stärker ist es ein politischer Auftrag an uns, daran etwas zu ändern.“

„Altersarmut wird zum Massenphänomen“, resümiert Christian Schultz, Referent für Sozialpolitik in der Landesgeschäftsstelle des Sozialverbands Deutschland (SoVD). Er nennt die Grundsicherung „Hartz IV für Alte“ und deutet den Boom als „Folge des sinkenden Rentenniveaus“. „Dadurch fällt die Durchschnittsrente geringer aus – somit haben mehr Menschen Anspruch auf Grundsicherung.“

Zwei Drittel seien Frauen. Viele hätten nur in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt gearbeitet. Dass von ihnen heute mehr in Scheidung leben als in früheren Generationen, mache sich auch in den steigenden Zahlen bemerkbar: „Man sieht darin auch gesellschaftliche Veränderungen.“ Selbst, wenn sie nicht getrennt lebten, könnten Frauen mit gebrochener Erwerbsbiografie auf Grundsicherung angewiesen sein, warnt die Bürgerbeauftragte des Landes, Samiah El Samadoni – wenn nämlich die Rente des Mannes auch nicht zum Leben reiche.

Als weitere Ursache für mehr Bezieher sieht sie die Absenkung der Hinterbliebenen-Versorgung. „Grundsätzlich merken wir an zunehmenden Fragen zu Hinzuverdienstmöglichkeiten, dass die Rente oft nicht zum Leben reicht“, schildert El Samadoni. Häufig trieben steigende Mieten Menschen in die Grundsicherung: „Nicht bezahlbarer Wohnraum ist faktisch ein Rentenabstrich und lässt den Kreis der Anspruchsberechtigten steigen.“ Die Beauftragte ruft Land und Kommunen auf, „sich verstärkt für kostengünstige Wohnungen zu engagieren“. Vor allem auf Bundesebene müsse die Politik dafür sorgen, dass „der Lohn der Arbeitnehmer so hoch ist, dass er auch eine Rente erwirtschaftet, die zum Leben reicht“. Das Land wolle seinen Teil dazu beitragen, indem es „mit guten Rahmenbedingungen für die Wirtschaft die Voraussetzung für angemessen vergütete Arbeitsplätze schafft“, heißt es aus dem Kieler Sozialministerium.

Sowohl der Sozialverband als auch CDU-Politiker Kalinka fordern, bei der Höhe der Grundsicherung zu berücksichtigen, wie viel jemand einst in die Rentenkassen eingezahlt hat. Dann würde wenigstens ein Teil der Lebensleistung honoriert, argumentieren sie.

Derzeit beträgt der Regelsatz für die Grundsicherung laut SoVD gut 404 Euro als Hilfe zum Lebensunterhalt. Hinzu kommt ein Anteil für eine angemessene Miete. Der Betrag fällt je nach Ort unterschiedlich hoch aus. Neben Altersrentnern erhalten auch Bezieher von Erwerbsminderungsrenten Grundsicherung.

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