Interview mit neuem Wehrbeauftragten in SH : Hans-Peter Bartels: „Soldaten brauchen jetzt Planbarkeit“

Ministerin und Kontrolleur: Der Ressortchefin Ursula von der Leyen hat Hans-Peter Bartels bisher als Vorsitzender des Verteidigungsausschusses auf die Finger geguckt – künftig kümmert sich der Kieler als Wehrbeauftragter um die Sorgen ihrer Truppe.
Ministerin und Kontrolleur: Der Ressortchefin Ursula von der Leyen hat Hans-Peter Bartels bisher als Vorsitzender des Verteidigungsausschusses auf die Finger geguckt – künftig kümmert sich der Kieler als Wehrbeauftragter um die Sorgen ihrer Truppe.

Der neue Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels über seine Pläne im Amt, die Ausrüstungsprobleme der Bundeswehr und die Standorte in SH.

shz.de von
20. Mai 2015, 06:30 Uhr

Herr Bartels, in dieser Woche treten Sie Ihr neues Amt als Wehrbeauftragter des Bundestags an – wohin wird Sie Ihr erster Besuch bei der Truppe führen?
Ich fahre nächste Woche nach Bergen. Dort übt ein deutsches Panzergrenadierbataillon für seine Rolle in der neuen Nato-Speerspitze. Mir ist wichtig, dass die Fähigkeit zur kollektiven Verteidigung wieder ernster genommen wird und auch die richtige Ausrüstung dafür da ist.

Derzeit macht die Bundeswehr allerdings eher mit Problemen bei ihren Waffen, Hubschraubern und Transportflugzeugen von sich reden. Ist sie überhaupt noch voll einsatzfähig?

Manches Gerät ist altersschwach und wartet seit viel zu langer Zeit auf Ablösung, wie etwa die Sea-King-Hubschrauber der Marine. Anderes ist neu und hat die Kinderkrankheiten noch nicht ganz überwunden, etwa der Eurofighter, die Korvetten oder der Hubschrauber Tiger. Die Modernisierung läuft – aber der Übergang, sozusagen das Change-Management, ist suboptimal organisiert.

Sie werden ja nun künftig der Anwalt der Soldaten sein – was muss sich für die am dringendsten verbessern?

Nach etlichen Runden von Reduzierungen, Strukturreformen und Umstationierungen – alles parallel zu den Auslandseinsätzen – brauchen die Soldatinnen und Soldaten jetzt wirklich einmal Verlässlichkeit und Planbarkeit.

Seit die Bundeswehr eine Freiwilligenarmee ist, sind große Anstrengungen nötig, um genug Soldaten rekrutieren zu können. Wo muss Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Bundeswehr als Arbeitgeber besser machen?
In der Tat ist die Hals über Kopf erfolgte Aussetzung der Wehrpflicht noch nicht wirklich verarbeitet. Um Freiwillige zu finden, muss die Bundeswehr nun möglichst pfiffig für sich werben. Da ist noch Luft nach oben. Und an der Konkurrenzfähigkeit mit zivilen Arbeitgebern wird jetzt gerade gearbeitet, Stichworte: Bezahlung, Kasernensanierung, Vereinbarkeit von Dienst und Familie. Das ist gut, aber es muss noch einiges mehr kommen.

Sie werben seit längerem für eine europäische Armee. Inwieweit können Soldaten der Bundeswehr und anderer Armeen wirkungsvoll zusammen kämpfen, wenn sie nicht dieselbe Sprache sprechen und womöglich nicht ihr eigenes, sondern ein fremdes Land verteidigen?
Verteidigen würden sich alle nur gemeinsam. Das ist der Sinn des Nato-Bündnisses. Auch die laufenden Auslandseinsätze machen wir nur multinational, nie im deutschen Alleingang. Aber der Grundbetrieb ist in all den kleiner gewordenen Armeen in Europa immer noch rein national organisiert. Diese militärische Kleinstaaterei kostet viel Geld und ist doch extrem ineffektiv. Sprachbarrieren müssen in der Nato ohnehin seit sechs Jahrzehnten überwunden werden, genauso wie heute in Auslandseinsätzen. Die gefundene Lösung lautet: Englisch.

Sie sind nicht nur Verteidigungspolitiker, sondern waren bisher auch Abgeordneter für Kiel und Schleswig-Holstein. Wo sehen Sie spezielle Probleme, mit denen Soldaten hier im nördlichsten Bundesland konfrontiert sind?
Wie anderswo auch: zu viele schwach begründete Umstationierungen. Ich bin zum Beispiel gespannt, wie es mit der geplanten teuren Verlegung des Maritime Operations Center der Marine von Glücksburg nach Rostock weitergeht. Und die Auflösung des Marinearsenalbetriebs in Kiel verbessert die Einsatzfähigkeit der Flotte auch nicht gerade.

Beim letzten Umbau der Bundeswehr 2011 hat der damalige Minister Thomas de Maizière den überproportional starken Abzug von Truppen aus Schleswig-Holstein damit begründet, dass der kalte Krieg und damit die Bedrohung von der Ostsee vorbei sei. Muss die Truppe wegen des Russland-Ukraine-Konflikts und der neuen russischen Muskelspiele in der Ostsee nun in Schleswig-Holstein wieder verstärkt werden?
Nein.

Sehen Sie denn angesichts der veränderten außenpolitischen Lage die Notwendigkeit, in Schleswig-Holstein noch mal über Standortentscheidungen nachzudenken?
Keine neue große Standortdebatte, bitte! Dafür ist es zu spät. Ich will nicht spekulieren – aber interessante aufwachsende Garnisonen sind zur Zeit Husum mit dem Flugabwehrraketen-Geschwader und Jagel mit einem der beiden letzten Tornado-Geschwader in Deutschland plus Aufklärungsdrohnen. Hohn wird noch lange gebraucht als Fliegerhorst für den Restflugbetrieb der Transall. Schleswig-Holstein wird also künftig luftwaffen- und marinelastig. Vom Heer bleibt nicht viel.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen