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Eigenbedarf mit Ökostrom : Habecks Stromrechnung mit vielen Unbekannten

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Schleswig-Holstein kann in diesem Jahr „rechnerisch voll mit erneuerbarer Energie versorgt werden“, sagt Energieminister Robert Habeck. Auf eines seiner Worte kommt es besonders an. Eine Analyse von Peter Höver.

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2014 | 10:58 Uhr

Kiel | Energieminister Robert Habeck versteht sich auf den präzisen Umgang mit Sprache. Der Grüne wählt seine Worte mit Bedacht, auch wenn er Schleswig-Holstein als „den Energiewendestandort“ preist. 100 Prozent seines Bruttoenergieverbrauchs werde das Land in diesem Jahr aus Wind, Sonne und nachwachsenden Rohstoffen decken können, sprach der promovierte Philosoph – um ein winziges Wort hinzuzufügen: „rechnerisch“.

Tatsächlich lag der Ökostromanteil am Bruttoverbrauch von 15.000 Gigawattstunden schon 2013 bei 90 Prozent. In diesem Jahr, so prognostiziert Habeck, kommen allein durch Windkraft 1,1 Gigawatt neuer Leistung dazu. Experten haben das für den Minister hochgerechnet. Die Wirklichkeit aber sieht – noch – anders aus, als Excel-Tabellen sie abbilden; bisher, heißt es aus dem Hauses eines Netzbetreibers, seien gerade mal 140 Megawatt Ökostrom dazugekommen. Bis zum Ziel ist der Weg noch weit. 

Habecks Optimismus aber ist ungebrochen. Bis 2025 sollen zwischen Nord- und Ostsee mehr als 16 Gigawatt Leistung Ökostrom installiert sein – dreimal soviel wie das Land verbraucht. Die Grünen jubilieren: Das strategische Ziel von 300 Prozent Erneuerbaren sei erreichbar.

Rechnerisch kann das funktionieren. Doch Habecks Rechnung, das weiß der Minister, hat noch einige Unbekannte. Problem Nummer eins: Das System der Stromversorgung funktioniert nur, wenn sich Verbrauch und Produktion die Waage halten – und zwar zeitgleich. Gerät das Konstrukt aus dem Gleichgewicht, muss entweder Strom abgeleitet oder zugeführt werden – andernfalls droht ein Blackout.

Den zu vermeiden, wird immer teurer. Fast 1000 Mal musste der Übertragungsnetzbetreiber Tennet im vorvergangenen Jahr eingreifen, um kritische Situationen bei Angebot und Nachfrage abzufangen. 150 Millionen kostete das nach Angaben des Unternehmens – ein Aufwand, den letztlich der Stromverbraucher über die Preise teuer bezahlen muss. Das gilt auch für die drei anderen Übertragungsnetzbetreiber. 2010 – im Jahr vor der Energiewende – waren es noch lediglich 290 Eingriffe.

Nicht einmal im Kreis Dithmarschen, wo zehnmal mehr Ökostrom produziert als verbraucht wird, funktioniert die Energieautonomie. Nach Analysen von Netzbetreibern musste Dithmarschen an einer Reihe von Tagen im vergangenen Jahr mit konventionellem Strom versorgt werden, weil an der Küste Windstille herrschte.

Damit nicht genug: Was wird, wenn allen – selbst in der Energiebranche anerkannten – Bemühungen Habecks zum Trotz die für den Abtransport nötigen neuen Stromtrassen nicht fertig sind? Frühestens 2022 steht nach bisherigen Planungen  eine neue Leitung über die Elbe, die Windstrom nach Süden führt. Was bis dahin mit dem erzeugbaren und  vergüteten, aber nicht abtransportfähigen Strom passieren wird, ist offen. Nur soviel: Es wird immer teurer.

Auch wirtschaftlich zu betreibende Speichermöglichkeiten sind auf längere Sicht nicht vorhanden. Zwar laufen die Planungen zum Bau eines 600 Kilometer langen und zwei Milliarden Euro teuren Seekabels nach Norwegen auf Hochtouren. Damit  könnte überschüssiger Windstrom aus Schleswig-Holstein nach Norden fließen, um dort Wasser in riesige natürliche Wasserspeicher zu pumpen. Herrscht in Deutschland Flaute, würden Wasserkraftwerke Strom produzieren, der dann durch das „Nordlink“ nach Deutschland geleitet würde. Branchenkenner wollen – allen offiziellen Zusicherungen aus Oslo zum Trotz – aber wissen, dass Norwegen seinen Strom aus Wasserkraft gern selbst auf dem europäischen Strommarkt verkaufen will. Das könnte auch Schleswig-Holsteins Speicherpläne durchkreuzen. Kommt es so, dann könnte Habecks Rechnung schnell zur Milchmädchenrechnung werden.

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