Rückzieher des Umweltministers : Habeck: Keine Hoffnung auf mehr Wald in SH

Wer im Wald einen Spaziergang machen will, der muss in Schleswig-Holstein lange suchen.
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Wer im Wald einen Spaziergang machen will, der muss in Schleswig-Holstein lange suchen.

Zwölf Prozent Flächenanteil für den Wald im Land – von dieser Vorgabe aus dem Landesentwicklungsplan will ausgerechnet Umweltminister Robert Habeck nun abkehren. Zugleich soll die Förderung für die Forstwirtschaft gekürzt werden. Widerspruch kommt nicht nur von den Waldbesitzern.

shz.de von
03. November 2013, 09:00 Uhr

Kiel | Spitzenreiter zu sein ist manchmal deprimierend. Schleswig-Holstein etwa ist mit derzeit 10,3 Prozent Flächenanteil das waldärmste Bundesland. Nach Angaben der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald liegt der Norden sogar bei den drei Stadtstaaten noch hinter Berlin – mit laut Bundeswaldagentur 162.466 Hektar. Bundesdurchschnitt: 30 Prozent. Umweltminister Robert Habeck (Grüne) sorgt nun mit seiner Auffassung für Unruhe, dass selbst das Ziel von zwölf Prozent Waldanteil in Schleswig-Holstein absehbar nicht erreichbar sei. „Es ist egal, ob das im Landesentwicklungsplan steht oder gestrichen wird, aber jeder muss wissen, dass es ein reines Symbol ist“, so Habeck. Neuwaldbildung sei von allen im Landtag vertretenen Parteien gewollt und man arbeite daran. Er wolle aber auch eine ehrliche Debatte über die Möglichkeiten.

Habecks Rechnung ist einfach: 1,7 Prozent mehr Waldfläche in Schleswig-Holstein hießen fast 30.000 Hektar zusätzliche Fläche, die neu angepflanzt werden müssten. Das wären überwiegend Flächen aus landwirtschaftlicher Nutzung. „Fast 30.000 Hektar entsprechen etwa einem Drittel der Fläche, die durch Maisanbau für Biogasanlagen Pacht- und Bodenpreise haben explodieren lassen.“ Neuwaldbildung in dem Umfang stehe also in Konkurrenz zur Landwirtschaft. „In den letzten Jahren konnten wir die bereitgestellten Mittel gar nicht mehr ausgeben, weil wir schlicht an die Flächen nicht mehr rangekommen sind“, so Habeck.

„Ob das Ziel zwölf Prozent in kurzer Zeit erreicht wird oder nicht, das ist nicht relevant“, sagt hingegen Jens Fickendey-Engels, Geschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Waldbesitzerverbands. „Es ist vielmehr die Frage, ob man mit dem Wegfall eine Perspektive nimmt und ein Symbol dafür setzt, dass wir uns mit dem Erreichten zufriedengeben und kein wichtiges Entwicklungsziel mehr haben.“

Fickendey-Engels sieht die Gefahr, dass das Thema Neuwaldbildung allgemein aus dem Bewusstsein verschwindet. Habeck spreche von einer „nur“ symbolischen Zielsetzung, aber genau das sei so wichtig. „Wenn wir von Klimarettung oder CO2- Problematik sprechen, dann ist der Wald die Antwort. Eine Abkehr vom Zwölf-Prozent-Ziel kommt mir so vor, als wenn wir  uns von der Wertigkeit des Waldes abwenden. Das ist ein schlechtes Signal.“

Eine von Habeck für 2014 angekündigte Reduzierung der forstlichen Förderung bezeichnet Fickendey-Engels als zu hoch. „Sie soll von derzeit 3,2 Millionen Euro um 25 Prozent auf 2,4 Millionen Euro sinken. Wir sagen, dass wir bereit sind, unseren Anteil zu tragen, wenn es um Sparmaßnahmen geht, aber nicht derart überproportional.“ Gerade kleinere Forstbetriebe würden durch die drohenden Kürzungen schwer getroffen, zukunftsträchtige Programme und Förderstrukturen zur Beratung und Betreuung der Waldbesitzer – etwa beim Waldumbau oder der Suche nach geeigneten  Arten – gefährdet.

Habeck argumentiert auch hier mit den ungenutzten Fördergeldern der vergangenen Jahre aus Mangel an zu erwerbenden Flächen. „Deshalb wurden die Fördermittel jetzt reduziert. Statt auf Quantität der Wälder allein zu setzen, konzentrieren wir uns auf ihre Qualität: den Naturwaldanteil zu erhöhen, die Wälder für den Klimawandel flott zu machen, heimische Gehölze anzubauen.“ Nach dem Sturm Anfang  dieser Woche werde die Wiederaufforstung – auch bei der Förderung – kommendes Jahr im Vordergrund stehen.

Die Fördermittel binde man zukünftig an gesellschaftliche Leistungen. Eine Wirtschaftlichkeit der Forsten sei nicht zu bezuschussen, zumal die Holzpreise gut wie nie seien. „Belohnt wird nicht, wer mehr Einschlag machen will, sondern wer den Wald ökologisch bewirtschaftet. Anders ist der Einsatz von Steuergeldern nicht zu rechtfertigen.“ Unterstützung bekommt der Waldbesitzerverband überraschend von Habecks Koalitionspartner im Kieler Landtag: „Ich bin sehr überrascht über die Aussage des Umweltministers, ich habe nicht gedacht, dass er das Zwölf-Prozent-Ziel infrage stellen würde“, sagt Sandra Redmann, forstpolitische Sprecherin der SPD. Ohne Frage werde jenes schwer zu erreichen sein und man sei in der Bewertung auf einer Linie. „Aber die Zahl hat gesellschaftlich und politisch eine Bedeutung. Sie ist ein Zeichen für den Stellenwert des Waldes und ein Apell an die Politik, nicht aufzugeben.“ Man müsse auch über längere Frist Visionen und Ziele entwickeln.

Verständnis für seine Aussagen bekommt Habeck von Ingo Ludwichowski vom Naturschutzbund (NABU) Schleswig-Holstein. „Es ist eine realistische Einschätzung“, so Ludwichowski. Man werde in Bezug auf die Zielsetzung in absehbarer Zeit nicht weiterkommen, dennoch: „Ich wäre damit so nicht rausgekommen.“ Ludwichowski sieht einen möglichen nachhaltigen Negativ-Effekt der „Demotivation“ auf Seiten all derer, die mit Politik, Waldwirtschaft und Umweltschutz befasst sind. „Da ist Habeck wohl zu ehrlich gewesen.“

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