Fragen und Antworten : Grundschule ohne Noten – Britta Ernst stellt Kompetenzzeugnisse vor

Zeugnisse: Wie sie abgefasst sind, bleibt den einzelnen Schulen selbst überlassen.
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Zeugnisse: Wie sie abgefasst sind, bleibt den einzelnen Schulen selbst überlassen.

Die neue Grundschulverordnung stieß nicht bei jedem auf Begeisterung. Ein Jahr nach dem Erlass bemüht sich Britta Ernst mit einem neuen Standardraster um mehr Klarheit für die Schulen.

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07. Juli 2015, 21:40 Uhr

Kiel | Viel Lärm um nichts? Schon unter Waltraud Wendes schulpolitischer Schirmherrschaft hat die Abschaffung von Notenzeugnissen an Grundschulen in der Opposition für Aufruhr gesorgt. Ob all die Aufregung gerechtfertigt ist, ist fraglich. Schließlich machten die Grundschulen im Land in entsprechenden Schulkonferenzen ausgiebig von ihrem Entscheidungsrecht für oder gegen Noten gebrauch.

Das Kompetenzraster zum Ankreuzen soll das Notenzeugnis ablösen. Nun wird eine standardisierte Lösung vorgestellt.
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Das Kompetenzraster zum Ankreuzen soll das Notenzeugnis ablösen. Nun wird eine standardisierte Lösung vorgestellt.
 

Nun könnte die Debatte noch einmal neu befeuert werden. Bildungsministerin Britta Ernst stellt am Mittwoch ein in Kooperation mit der Uni Kiel entwickeltes, verbessertes Muster-Rasterzeugnis vor, das den wenigen Grundschulen künftig als Vorlage und Hilfestellung dienen soll, die sich gegen Noten in Zeugnissen entschieden haben – derzeit sind das nicht einmal 14 Prozent aller Grundschulen im Land.

Fragen und Antworten rund um die umstrittene Verordnung:

Was besagt die Grundschulverordnung?

Im Juli 2014 erließ das Bildungsministerium unter der damaligen Führung von Waltraud Wende mit breiter Zustimmung von SPD, Grünen und SSW die neue Grundschulverordnung für Schleswig-Holstein. Demnach sollten künftig statt Notenzeugnissen an Grundschulen Berichts- und Tabellenzeugnisse das Mittel der Leistungsbeurteilung sein. Berichtszeugnisse waren bis dato nur in Klasse eins und zwei fest vorgesehen, Notenzeugnisse in der vierten Klasse verbindlich. Gleichzeitig wurde damals die Schulübergangsempfehlung abgeschafft. Seit dem 1. August 2014 ist die neue Verordnung in Kraft.

Wende begründete dies wie folgt: „Ziffernnoten sind weder objektiv und verlässlich, noch differenziert und leistungsmotivierend.“ Sie seien nur vordergründig informativ. Auch Wendes Nachfolgerin Britta Ernst steht hinter der Verordnung. Sie begründet das neue Verfahren unter anderem mit der voranschreitenden Inklusion: „Wenn eine Schule dazu übergegangen ist, sehr stark individualisiert zu unterrichten, unterschiedliche Lernniveaus zu bedienen, Kindern mit ganz unterschiedlichen Entwicklungen gleichzeitig im Unterricht die für sie passenden Aufgaben zu geben, dann passt doch ein Notenzeugnis, das ein Standardraster über alle Kinder legt, überhaupt nicht.“

Ist die Abschaffung von Notenzeugnissen für Grundschulen verbindlich?

Nein. Das Ministerium hat die Zustimmung der Schulkonferenz für die Grundschulen zur Bedingung gemacht, die an Notenzeugnissen festhalten wollen. Somit haben Schleswig-Holsteins Grundschulen mit der neuen Verordnung die Wahl zwischen einer notenfreien Schule oder Notenzeugnissen ab dem dritten oder vierten Schuljahr.

Entsprechende Schulkonferenzen sind zu gleichen Teilen mit Eltern und Lehrern besetzt. Ein Beschluss ist dann gültig, wenn ihm die Mehrzahl der dort vertretenen Lehrerschaft zustimmt.

Wie viele Schulen in Schleswig-Holstein machen mit?

Das Konzept der notenfreien Grundschule kam bei den Adressaten nicht ganz so gut an, wie es sich das Bildungsministerium ursprünglich wohl erträumt hatte. In einer Umfrage des Ministeriums gaben im Dezember nur 65 der landesweit 482 Grundschulen an, gänzlich auf Berichtszeugnisse umzusteigen.

Im Kreis Schleswig-Flensburg beispielsweise folgten nur 14 der gelisteten 41 Grundschulen dem Erlass.

Gibt es aus Zwischenlösungen?

Eine ganze Reihe von Schulen kombiniert Noten- und Berichtszeugnisse miteinander. Bei diesen Berichten handelt es sich etwa um ausformulierte Erörterungen zu den einzelnen Noten oder es werden zusätzlich zu den Notenzeugnissen Kompetenzraster, also tabellarische Bewertungsprofile zum Ankreuzen, gereicht.

Könnten sich die Schulen noch einmal umentscheiden?

Nicht wenige Grundschulen haben bereits signalisiert, dass sie sich eine andere Entscheidung vorstellen könnten, sofern bestehende Unklarheiten zum neuen Bewertungsraster aus der Welt geschafft sind. Darum bemüht sich das Bildungsministerium derzeit.

Birte Ströh, Schulleiterin der Grundschule Jübek, signalisierte beispielsweise noch im Frühjahr: „Wenn erst einmal feststeht, wie die Zeugnisse ohne Noten aussehen sollen, werden wir wieder in die Diskussion einsteigen. Bis es soweit ist, halten wir an der bewährten Praxis fest.“

Vor dem Hintergrund der am Mittwoch vorgestellten einheitlichen Bewertungsgrundlage wird das Ministerium die Schulen in diesem Jahr erneut zu ihrer Entscheidung befragen.

Was sagt die Opposition?

Von CDU und FDP gibt es ordentlich Gegenwind. Nach Einschätzung der CDU müssen Grundschulkinder, die keine Noten bekommen, „massive Nachteile beim Wechsel auf die weiterführende Schule befürchten.“ Die Christdemokraten unterstützen daher die Volksinitiative „Pro Noten“, die die Nord-FDP im Januar ins Leben gerufen hat. Ziel der Initiative sei es, eine transparente Bewertung schulischer Leistungen zu erhalten, so Parteichef Heiner Garg.

Noch bis Januar sammelt die Initiative Unterschriften für die Wiedereinführung von Ziffernoten. Insgesamt 20.000 Stimmen werden benötigt, damit sich der Landtag der Shache annehmen muss.

Wie reagiert das Ministerium auf die Kritik?

Das Ministerium will an der Verordnung festhalten und beruft sich auf die Entscheidungsfreiheit der Grundschulen. „Ich habe Vertrauen in die Entscheidungskompetenz unserer Schulen. Ich finde es schade, dass FDP und CDU dieses Vertrauen nicht haben“, sagte Britta Ernst im Januar im Landtag.

Auch die Fraktionen halten dagegen. So äußerte beispielsweise Grünen-Abgeordnete Anke Erdmann „Was an der Einschränkung der Wahlfreiheit liberal sein soll, muss die FDP noch erklären.“

Der Landeselternbeirat der Gemeinschaftsschulen stimmte ebenfalls in die Debatte mit ein und verlieh der Initiative symbolisch die „Note Sechs“. Die FDP habe immer mehr Autonomie für die Schulen gefordert. „Nun haben die Schulen die Möglichkeit unter der derzeitigen Regierung bekommen, sich autonom zu entscheiden, ob und wann sie Notenzeugnisse oder andere Bewertungen an die Schüler geben wollen, und die FDP gründet eine Bürgerinitiative dagegen“, hieß es in einer Stellungnahme.

Wie sehen die neuen Kompetenzzeugnisse aus?

Auf Aufforderung der Landesregierung hat das Ministerium in Zusammenarbeit mit Prof. Jens Möller von der Uni Kiel das bereits bestehende Kompetenzraster überarbeitet, das seit längerem an Schleswig-Holsteins Grundschulen im Einsatz ist.

Das Ergebnis ist eine standardisierte Vorlage zur Leistungsbewertung mit klar definierten Kriterien, mit der den Grundschulen die Arbeit erleichtert werden soll, die sich gegen Notenzeugnisse entschieden haben. Durch die neuen Kompetenzzeugnisse sollen so transparente und landesweit geltende Standards erzielt werden. Diese werden den Schulen als standardisierte Zeugnisse zur Verfügung gestellt und sollen nach einer Übergangsfrist von drei Jahren verbindlich werden.

Ein Ausschnitt aus dem überarbeiteten Kompetenzzeugnis.
Foto:Screenshot Bildungsministerium SH
Ein Ausschnitt aus dem überarbeiteten Kompetenzzeugnis.

Auch ein optimierter Entwicklungsbericht für die vierte Jahrgangsstufe wurde vorgestellt. „Der Entwicklungsbericht an den Grundschulen funktioniert und bietet ein gutes Abbild der Leistung von Schülerinnen und Schülern. Einige Schwachpunkte gab es allerdings auch - die haben wir jetzt abgestellt“, sagte Britta Ernst am Mittwoch.

 

 
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