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Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl : Grünen-Urwahl: Schafft Habeck den Sprung nach Berlin?

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Bei den Grünen wächst die Spannung. Kann Habeck den Parteivorsitzenden Özdemir und Fraktionschef Hofreiter übertrumpfen?

shz.de von
erstellt am 27.Dez.2016 | 07:51 Uhr

Kiel | Weiter Kiel, Lübeck und Süderbrarup oder doch Berlin, München und Hamburg? Über Robert Habecks künftige Reiseziele entscheiden bis zum 13. Januar 61.000 Grüne in Deutschland. Dann ist Einsendeschluss für die Urwahl-Unterlagen für die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl. Ein paar Tage später wird feststehen, ob tatsächlich der Kieler Umweltminister das Rennen macht oder ob er der Bundesprominenz mit dem Parteivorsitzenden Cem Özdemir und Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter unterliegt.

In Schleswig-Holstein, wo am 7. Mai der Landtag neu gewählt wird, sah die jüngste Umfrage Habeck als beliebtesten Landespolitiker, vor FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki und Ministerpräsident Torsten Albig (SPD). Bundesweit hinkt der 47-Jährige den parteiinternen Konkurrenten in der Bekanntheit hinter, und deren Landesverbände sind auch zahlenmäßig viel stärker.

Albig sähe es lieber, bliebe Habeck in Kiel. „Ich bin da ganz egoistisch“, sagt er. „Ich wünsche ihm, dass er, egal, wie die Urwahl ausgeht, seinen Weg weitergeht - mit großer Freude, großer Begeisterung und großer innerer Unabhängigkeit.“ Das Ergebnis dürfe nicht dazu führen, dass er sich bei einer Niederlage aus Enttäuschung zurückziehe oder sich bei einem Sieg von den Bundespolitikern so schnell sozialisieren lasse, dass er nicht mehr er selbst sei.

„Der Ausgang ist nicht nur eine Entscheidung über einen Kopf, sondern auch über eine politische Prägung der Partei, eine Entscheidung, die dann auch die Unterlegenen akzeptieren sollten“, sagt Habeck. „Mit dem Ende der Urwahl müssen wir Grünen schnell in eine geschlossene Formation einschwenken.“ Für Habeck entscheidet die Urwahl darüber, wie und wer die Grünen in Zukunft sein und mit welcher Idee von Gesellschaft sie agieren wollen. „Unabhängig von ihrem Ausgang ist der Prozess selbst zur Selbstklärung der Grünen essenziell.“

Habeck sieht eine Richtungsentscheidung auf der Männerseite zwischen unterschiedlichen Politikstilen und Lebensläufen, anders ausgeprägtem politischen Verständnis. „Aus meiner Sicht geht es darum, ob sich die Grünen als Teil der Gesellschaft für die Gesellschaft in die Pflicht nehmen wollen“, sagt Habeck. „Das ist mein Verständnis von Politik insgesamt und so will ich auch die Grünen gerne sehen.“ Habeck ist Grüner mit Herzblut, aber in viereinhalb Jahren als Minister auch zunehmend zum Pragmatismus gezwungen worden. Landwirtschaft, Naturschutz, Energiewende, Tierschutz, Fischerei - in all seinen Zuständigkeitsgebieten ist das Konfliktpotenzial gerade für einen Grünen-Minister enorm.

In das Abenteuer Kampf um die Spitzenkandidatur hat sich Habeck wohl aus Ehrgeiz und innerer Überzeugung zugleich gestürzt. „Ich habe mich früh entschieden, den Ritt zu machen, obwohl das meiste dagegen sprach“, sagt er. „Ich komme von außen, bin im Ministeramt und die Frage war, ob das überhaupt geht.“ Aber der Antrieb sei zu stark gewesen. „Es ist eine zutiefst politische Zeit, und ich will, dass wir Grünen hier eine relevante Rolle spielen.“

Obwohl politischer Gegner, wünscht der Kieler FDP-Fraktionschef Kubicki Habeck Erfolg bei der Urwahl. „Und ich wünsche mir, dass er im Falle einer Niederlage nicht das Handtuch schmeißt und die Politik verlässt.“ Ähnlich denken auch andere in Kiel. „Ich halte ihn für einen - nicht nur persönlich - sehr tollen Typen, sondern auch für einen politischen Kopf, auf den die Grünen nicht verzichten sollten“, sagt Kubicki. SPD-Kollege Ralf Stegner bleibt diplomatisch: „Ich wünsche Robert Habeck persönlichen Erfolg und dass er weiter am Erfolg der Küstenkoalition mitarbeitet, aus welcher Position auch immer.“ Den Ausgang der Urwahl hält Habeck für völlig offen. „Das ist für uns alle die Chance, uns freizumachen von taktischen Flügel- oder Lagerüberlegungen“, sagt er. Mit dem Prozess der Urwahl führten die Grünen eine dringend nötige Debatte über Kernfragen: „Wollen wir eigenständig sein? Wollen wir mehrheitsfähig sein? Worum geht es uns eigentlich in der Politik? Und wofür werden wir gebraucht?“

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