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Flüchtlinge in Schleswig-Holstein : Grenzkontrolle in SH: Den Schleusern auf der Spur

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Die Bundespolizei trifft im deutsch-dänischen Grenzgebiet nicht nur auf Kriminelle, sondern oft auch auf verzweifelte Menschen auf der Flucht vor Krieg und Gewalt. Mit zwei Beamten auf Streife.

Die Arbeit beginnt an Kilometer Null. Frank Solterbeck und Thomas Gehrmann haben sich mit ihrem Streifenwagen auf einem schmalen Grünstreifen zwischen A7 und der Raststätte Ellund in Position gebracht. Es ist der erste Parkplatz auf deutscher Seite Richtung Süden. Der Blick wandert wie bei einem Tennisspiel von einer zur anderen Seite. Im Bruchteil einer Sekunde müssen die Beamten jedes Kennzeichen scannen, dann die Insassen. Tausende Fahrzeuge passieren täglich die deutsch-dänische Grenze. Solterbeck und Gehrmann suchen die Nadeln in diesem Heuhaufen: Schleuser, Schmuggler, Autodiebe und deren Helfer.

Die A7 gilt im Norden Schleswig-Holsteins als Nadelöhr für den Fluchtweg Asylsuchender nach Skandinavien, genauso wie der Flensburger Bahnhof. Beide Beamte tragen schusssichere Westen. Zu brenzligen Situationen komme es aber selten. „Die Schleuser bleiben in der Regel ruhig“, sagt Thomas Gehrmann. Der 50Jährige ist seit mittlerweile 32 Jahren bei der Bundespolizei – 18 Jahre davon gemeinsam mit Frank Solterbeck. Ein eingespieltes Team. Nur wenige Minuten dauert es, bis Gehrmann sagt: „Italienisches Kennzeichen, der Wagen ist vollbeladen.“ Noch bevor er den Satz vollendet, wendet der blauweiße Streifenwagen. Frank Solterbeck gibt Gas. In nur wenigen Sekunden erreicht die Tachonadel 190 Kilometer pro Stunde.

Eineinhalb Kilometer später haben die Beamten den weißen Transporter erreicht und heften sich an seine Stoßstange. Per Funkspruch wird die Leitstelle in Flensburg informiert und das Kennzeichen überprüft. „Negativ“ – zumindest ist das Fahrzeug nicht zur Fahndung ausgeschrieben. Beide Polizisten bleiben trotzdem skeptisch. „Das ist unser Job“, sagt Solterbeck, während er den Transporter überholt. Über den Rückspiegel überprüft er die Reaktion der drei Männer. „Werden sie nervös? Werfen sie etwas aus dem Fenster? Das können Indizien sein“, sagt er. Ein Piepen ertönt. Solterbeck hat die Lichtleiste auf dem Dach eingeschaltet: „Polizei, bitte folgen.“

Stimmen die Papiere? Thomas Gehrmann telefoniert mit der Leitstelle.
Stimmen die Papiere? Thomas Gehrmann telefoniert mit der Leitstelle. Foto: Fligge

Der Parkplatz Handewitter Forst ist eigentlich stillgelegt. Die Bundespolizisten ziehen hier trotzdem gerne Fahrzeuge zur Kontrolle heraus. Die Aufgabenverteilung steht vor jeder Überprüfung fest. Beifahrer Gehrmann sichert. Mit der rechten Hand an der Waffe überwacht er die Reaktionen der drei Männer im Führerhaus, während Solterbeck freundlich und auf Englisch nach den Papieren fragt. Die drei Italiener in dem Fiat Ducato bleiben entspannt.

Der Grund dafür zeigt sich, als der Fahrer die Tür zum Laderaum öffnet. Der Transporter ist bis zum Anschlag voll mit Kartons. Spielzeug, um genau zu sein. Bei den Insassen handelt es sich offenbar um Geschäftsmänner, die von einer Spielzeugmesse in Dänemark kommen. Bereitwillig reichen sie den Beamten ellenlange Quittungen zum Beweis. Auch die Papiere sind in Ordnung, die Italiener dürfen weiterfahren. Viele Kontrollen enden wie diese. Auch an diesem Tag. In einem Bus, der zwischen Aarhus und Berlin pendelt, entdecken die Polizisten einen 15-jährigen Dänen, der allein unterwegs ist. Er sagt, er sei der Nachzügler einer Klassenfahrt. „Auch das überprüfen wir“, erklärt Frank Solterbeck. „Ab und an stoßen wir so auch auf jugendliche Ausreißer, die gesucht werden. Doch auch hier meldet die Leitstelle: Keine Auffälligkeiten, der Junge wird nicht gesucht.

Auch einen Bus aus Aarhus (Dänemark) halten die Beamten an.  Foto: Fligge
Auch einen Bus aus Aarhus (Dänemark) halten die Beamten an. Foto: Fligge Foto: Fligge

Immer wieder greifen die Beamten aber auch Schleuser und Flüchtlinge auf. Zuletzt Ende August, als an einem Wochenende drei Schleusungen festgestellt wurden. Auch im November letzten Jahres kontrollierten die beiden Beamten zwei Autos auf der A7. „In einem VW Caddy saßen zwölf Personen, darunter auch unangeschnallte Kleinkinder“, berichtet Gehrmann. Gefahren wurden sie von zwei jungen Rumänen, gegen die jetzt ein Ermittlungsverfahren wegen Einschleusens von Ausländern läuft. „Sie haben in Kauf genommen, dass die Insassen bei einem Unfall ungesichert zu Schaden kommen“, erinnert sich der 50-Jährige.

Schleuser transportierten im August 2014 zwölf Flüchtlinge auf der A7 in einem VW Caddy. Das Auto war überfüllt, die Kinder nicht angeschnallt.
Schleuser transportierten im August 2014 zwölf Flüchtlinge auf der A7 in einem VW Caddy. Das Auto war überfüllt, die Kinder nicht angeschnallt. Foto: Bundespolizei
 

Wie das Ermittlungsverfahren ausgeht, ist trotzdem ungewiss. Es ist eine schwierige Arbeit zwischen der Kriminalität und den Schicksalen der Asylsuchenden. Für sie endet die Flucht – in dem Fall in der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster. Das wissen die Beamten. Aber sie sehen auch, dass sie nur über die Schleuser Licht in den international vernetzten Menschhandel unter unwürdigen und gefährlichen Bedingungen bringen können. „Der Fahrer ist das letzte Glied in der Kette. Aber nur so kommen wir an die Hintermänner, die mit der Verzweiflung von Menschen ein Geschäft machen“, sagt Frank Solterbeck.

Zwei Rumänen sind wegen Einbrüchen bereits aktenkundig, aber der Kofferraum ist sauber. Die Beamten müssen sie weiterfahren lassen.
Zwei Rumänen sind wegen Einbrüchen bereits aktenkundig, aber der Kofferraum ist sauber. Die Beamten müssen sie weiterfahren lassen. Foto: Fligge
 

Seit Anfang des Jahres sind in Schleswig-Holstein 409 Verfahren wegen Einschleusen von Ausländern eingeleitet worden. Das waren fast so viele wie im gesamten Jahr 2014 (2013: 255). Trotzdem sitzen bis dato nur ein Schleuser in der JVA Neumünster in Untersuchungshaft und ein Strafgefangener in der JVA Lübeck, wie das Kieler Justizministerium auf
Nachfrage mitteilte. Zum Vergleich: Der Freistaat Bayern meldete zuletzt 600 mutmaßliche Schleuser in U-Haft. Das Bundesland an der Grenze zu Österreich wirke wie ein Filter, erklärt Hanspeter Schwartz, Sprecher der Bundespolizeiinspektion Flensburg: „Viele Schleuser werden bereits dort aufgegriffen.“ Hinzu komme, dass der Flensburger Bahnhof, wo täglich zahlreiche Flüchtlinge eintreffen, Kräfte der Bundespolizei bindet.

So bleibt weniger Personal für die Streifen auf der A7. „Wie hoch die Dunkelziffer ist, wissen wir nicht“, sagt Schwartz. Auch die beiden Beamten Solterbeck und Gehrmann sind häufig am Flensburger Bahnhof im Einsatz. Die Zusammenarbeit mit den ehrenamtlichen Helfern sei wunderbar. Ehrenamtler, Feuerwehr, THW und Malteser würden Hand in Hand arbeiten. „Jeder denkt mit. Aber das größte Lob von einem Helfer war: Mit euch kann man auf Augenhöhe arbeiten“, sagt Gehrmann.

Einen so starken Zusammenhalt habe er seit der Grenzöffnung 1989 nicht mehr erlebt. Auch bei seinem Partner hinterlässt die Arbeit am Bahnhof Spuren. „Man sieht die Kinder glücklich im Bahnhof Fußball spielen. Und dann bemerkt man, dass einem der Kinder eine Hand fehlt. Dieses Bild werde ich nicht vergessen“, sagt Solterbeck.

Etwa zwölf Kontrollen schaffen die Beamten durchschnittlich in einer Schicht auf der A7 und legen dabei täglich rund 200 Kilometer zurück. Wann die Schichten beginnen oder enden, wollen sie aus taktischen Gründen nicht sagen: „Aber wir sind 24 Stunden rund um die Uhr im Einsatz.“

Hintergrund – eine Behörde mit vielen Aufgaben

Zu Lande, zu Wasser und aus der Luft – die Bundespolizei überwacht die Grenzen Deutschlands. Sie sind insgesamt rund 4517 Kilometer lang (3757Kilometer Landgrenzen und 760 Kilometer Seegrenzen). Das Grenzgebiet reicht dabei bis zu einer Tiefe von 30 Kilometern (seewärtig 50 Kilometer). Die Beamten bekämpfen auch nach Inkrafttreten des Schengener Abkommens grenzüberschreitende Schleusungskriminalität und Delikte wie Menschenhandel, KfzVerschiebung, Rauschgiftkriminalität und Urkundenfälschung. Im Grenzgebiet darf die Bundespolizei Personen kurzzeitig anhalten und deren Fahrzeuge einschließlich Kofferräume oder Ladeflächen „in Augenschein nehmen“. So regelt es das Bundespolizeigesetz. Voraussetzung ist, dass polizeiliche Lageerkenntnisse dies rechtfertigen. Die oberste Behörde mit Sitz in Potsdam ist dem Bundesinnenministerium direkt unterstellt. Sie ist außerdem für Luftsicherheit zuständig auf Flughäfen und die Sicherheit des Bahnverkehrs, schützt Verfassungsorgane sowie Ministerien des Bundes und unterstützt die Polizeien der Länder bei Großeinsätzen wie Fußballspielen oder Demonstrationen. Auch die Antiterroreinheit „GSG9“ gehört zur Bundespolizei.

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erstellt am 04.Okt.2015 | 11:42 Uhr

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